Rezension Biografie: Bernhard Grzimek, Der Mann, der die Tiere liebte, von Claudia Sewig (2009) – 6 Sterne – mit Kritikerstimmen & 4 Videos

Die Biografie zeigt Bernhard Grzimek als hochbegabte und hochinteressante Figur – Manager, Entertainer, Lobbyist, Wissenschaftler. Er führte ein einzigartiges Leben und arbeitete in vielen politischen Systemen in Deutschland und Afrika.

Fazit:

Claudia Sewig erzählt faktenreich, aber uninspiriert und interessiert sich mehr für Tiere und Zoodirektorendiplomatie als für Grzimeks komplexe Persönlichkeit und Liebeshändel. War Grzimek ein großer Deutscher? Eine große Biografie hat er hier jedenfalls nicht erhalten.

Karriere:

Sewig schildert Grzimeks frühe Jugend um den ersten Weltkrieg herum detailliert und wir erkennen mühelos, dass schon der Junge Bernhard einen scharfen Sinn fürs Geldverdienen und ein Herz für Tiere hatte – insonderheit für ausgestopfte Papageien und für Bartzwerghühner tot oder lebendig. Auch Publizieren und Schreiben fielen ihm auf Anhieb leicht. Bald war er mehrfacher Vater und staatlicher Eierproduzentenaufseher; tippen musste Gattin Hildegard, mitunter mitten in der Nacht.

Für die Karriere trat Grzimek aus nüchterner Abwägung auch Nazi-Organisationen bei. Nassforsch und ideenreich verfolgte er seine Ziele, setzte unbekümmert auch uneheliche Kinder in die Welt. Schickte den einen ehelichen Sohn schon als Teen auf dramatische Expeditionen, nahm vom anderen kaum etwas wahr. Mitunter habe ich laut gelacht – nicht jedoch über Grzimeks Kleine-Jungen-Späße mit unappetitlichen Nachbildungen aus dem Scherzartikeleinzelhandel.

Er war aber auch ein erfolgreicher Wissenschaftler und Manager, verbesserte als Berliner Beamter die Lage von Eierproduzenten und Viehzüchtern schon vor dem zweiten Weltkrieg, hatte viele Ideen zur Vermarktung seines Zoos, holte 1960 mit Serengeti darf nicht sterben den ersten deutschen Dokumentarfilm-Oscar und legte sich dabei noch fulminant mit der Filmbewertungsstelle an.

Sprachlich:

Sprachlich erinnert Sewig etwas an eine Regionalzeitung: die studierte Biologin und Wissenschaftsjournalistin (*1972) textet leicht beflissen, passabel lesbar, aber nie wirklich flüssig oder ansprechend, manchmal klumpig (die Wissenschaftsbeiträge in Zeit oder SZ klingen besser, ebenso viele andere Biografien). In diesem Stil folgt Satz auf Satz, Absatz auf Absatz über 420 eng bedruckte Seiten Haupttext; im ersten Kapitel wirkt es besonders gehetzt, denn dort fehlen Verschnaufpausen durch doppelte Zeilenschaltung.

Dass Sewig im Präsens schreibt, verstärkt das Atemlose, zumal sie unentwegt vorgreift und im ersten Futur auf Kommendes hinweist. Möglicherweise soll das den Text lebendig machen, aber das gelingt nicht. (Ich behaupte nicht, dass ich besser schreibe, aber mich gibt’s immerhin umsonst, während ich für Sewig gebraucht fast vier Euro hinblättern musste.) Im Text habe ich vier oder fünf Sprachfehler gesehen, die das Lektorat hätte beseitigen müssen, außerdem reichlich Koppelwörter ohne Bindestrich wie in „Murchison Wasserfälle“.

Die Familie als Statisten:

Die Ehe mit Hildegard hielt 47 Jahre, sie war seine wichtigste Mitarbeiterin, doch Kennenlernen und Heirat finden bei Sewig auf wenigen Zeilen statt (in Grzimeks Memoiren Auf den Mensch gekommen allerdings auch, wie Sewig betont). Ohnehin: Ehefrau Hildegard, Schwiegertochter-Ehefrau Erika und Sohn Michael sind bei Sewig reine Marionetten – häufig im Text, aber ohne Persönlichkeit, Planeten im Sonnensystem Dr. Bernhard Grzimek.

Wir erfahren nicht, was sie für Menschen sind oder waren. Sewig berichtet nicht, wie es der zweiten Ehefrau nach Grzimeks Tod erging.

Und auch von Grzimek selbst hätte man sich mal eine Art Psychogramm gewünscht, und sei es als Zitat aus einem Spiegel-Artikel, statt des nächsten Briefs an den Zoodirektor von Chicago. Nichts dergleichen.

Die 2015er-Grzimek-Verfilmung macht zuviel aus seinen privaten Verstrickungen, Sewig eher zuwenig. Sie zitiert stattdessen Briefe und Bücher zu Natur und Politik.

Oder: wie stand Grzimek politisch?

Er verkehrte mit Staatenlenkern in Europa und Afrika, kannte Weimarer Republik, Drittes Reich und Bonner Republik, war Beamter in Berlin und Frankfurt, hatte in Berlin Hitler in Schussweite, verhandelte mit den Despoten Mobutu und Idi Amin, war Vertrauter Nyereres in Tansania – aber was wählte er? Wir hören nur, dass Tochter Monika ihn für komplett „apolitisch“ hält. Auf jeden Fall hat er den Naturschutz populär gemacht und für die Grünen geworben.

Manchmal verblüfft wiederum, welchen Ephemera Sewig umgekehrt Platz im Buch gibt. So lässt sich Sewig zu Beginn darüber aus, auf welche Arten der Name Grzimek falsch geschrieben wurde. Über vier Zeilen zitiert sie später seine Schwester Franziska:

Er war zwar nicht besonders hübsch, besonders im Gegensatz zu den beiden anderen, aber auch absolut nicht hässlich. Da sieht man wieder einmal die verschiedenen Geschmäcker, im Grunde beruhen alle menschlichen Differenzen darauf, dass jedem was anderes gefällt und man sich meistens nicht einigen kann.

Erkenntnisgewinn?

Quellen und Abbildungen:

Laut Danksagung am Buchende sprach Claudia Sewig mit 100 Zeitzeugen, doch Fußnoten mit Quellen zu einzelnen Fakten gibt es nicht (sie nennt Quellen häufig direkt im Lauftext, aber ohne präzise Zeit- oder Seitenangaben). Auf 32 Seiten Kunstdruckpapier zeigt Sewig viele Fotos in exzellenter Qualität (ich hatte die TB-Ausgabe von Bastei-Lübbe). Es gibt jedoch zu viele Einzelbilder von Grzimek mit Nashorn/Rikschafahrer/Buschbaby/Gepard/Faultier/Zigarette/Tapir/Weinglas/Nasenbär. Indes fehlen im Bildteil textwichtige Figuren wie sein erster Hauswolf Dschingis, Leni Riefenstahl oder seine Geliebte – angeblich eine bekannte Schauspielerin, deren Namen wir indes nicht erfahren –, ebenso vermisste ich Sohn Rochus, Enkel Christian oder die wichtigsten Wildhüter in Kenia.

Auch das in Belgisch-Kongo laut Sewig aufwändig abgeholte Okapi sieht man nicht. Die Bilder verdeutlichen indes, dass Grzimeks Frauen weniger glamourös waren, als es das Biopic zeigt.

Zeittafel und Stammbaum fehlen. Das Stichwortregister nennt nur Personen, so dass man die wichtigen Sachbegriffe Okapi und Okapia nicht nachschlagen kann.

Die Bibliografie listet Grzimeks Dutzende Bücher. Sewig zitiert diese Werke zwar häufig, stuft sie aber nie ein, empfiehlt nicht, untersucht den Wahrheitsgehalt nicht, spürt Veränderungen im Schreib- oder Fotografiestil nicht nach, zitiert auch keine Kritiken (mit einer kurzen Ausnahme bei Grzimeks Tierleben).

 

 

Die Kritiker:

Wie so oft bei Sachbüchern, reden die Kritiker kaum über die Qualität des Werks, vielmehr erzählen sie scheinklug den Inhalt nach. Einige Kommentarsplitter dennoch:

Frankfurter Allgemeine Zeitung:

exzellente Biographie… Als stillen, den deutschen Durchschnitt weit überragenden Helden aber macht ihn seine Biographin kenntlich, indem sie seinen Mut dokumentiert, sich auch als Feigling und gelegentlich eitel zu bekennen

Deutschlandradio Kultur:

Ihre akribischen Recherchen zeigen uns einen Mann, dessen Weste doch einige dunkle Flecken aufwies… Claudia Sewig zeigt ihn als politischen Opportunisten, dem die NS-Ideologie offenkundig egal war… Genau diese Widersprüchlichkeiten aufgedeckt zu haben, ist das Verdienst von Claudia Sewig. Es ist ihr glänzend gelungen, ein facettenreiches Bild einer faszinierenden Persönlichkeit zu zeichnen.

Das Parlament:

angenehm wertungsfrei. Ihre große Grzimek-Biografie zeichnet sich durch gründliche Recherche, viele bisher unbekannte Details und eine unterhaltsame journalistische Schreibe aus.

News.de:

Sewig schildert Grzimek als einen Besessenen, im Positiven wie im Negativen. Und sie schildert ihn als einen Pragmatiker. Treffen mit Diktatoren, umstrittene Äußerungen über Tierversuche oder sein Verhältnis zur Natur… Claudia Sewigs Buch ist jedoch keine Abrechnung.


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