Rezension Bild-Text-Band: Life in the White Man’s Grave, von Philip Allison (1988) – 6 Sterne

Der 190seitige Bild-Text-Band blickt auf die britische Kolonialzeit in Westafrika, u.a. in Sierra Leone und Gambia, vor allem aber in Nigeria und Ghana. Autor Philip Allison beginnt mit einer kurzen Zeittafel und einem 25seitigen, unübersichtlichen historischen Abriss der britsch-westafrikanischen Kolonialgeschichte. Dieser Text geht nahtlos in Allisons eigene Biografie über: Er kam 1931 als britischer Waldaufseher nach Nigeria und arbeitete nach der Unabhängigkeit für Nigerias Museen. Auf seinen Motorradtouren begegnete Allison immer wieder Leoparden und nackten „well-grown girls“. Auf den Außenposten flossen Gin und Bier.

„Local girls“ und importierter Alkohol erscheinen dann auch regelmäßig in den unsystematischen Themenkapiteln. Zu diesen Themen gehören: The Pioneers, Das königliche Jubiläumsjahr 1897, Missionaries, Nigeria The First 50 Years, Gold Coast to Ghana, Gambia, Wars and Expeditions, Trade, Independence, Schiffsreisen, Leben im Busch, Wohnpraktisches, Begegnung der Kulturen. Hier bringt Allison jeweils rund zwei Seiten Text-Einleitung; dann folgen rund sechs Seiten große Schwarzweißfotos in ordentlicher Qualität, dazu ein paar Zeichnungen, Karikaturen, Statuen und eine Katalogseite mit Tropenhelmen; die jeweils längeren Bildtexte bringen neue Informationen, die nicht im Lauftext erscheinen. Zu einigen Bildern fehlt jede Jahresangabe, auch der Hinweis auf ein unbekanntes Aufnahmedatum.

Die von vielen Quellen gesammelten Fotos zeigen häufig steife, gestellte Ensembles, aber auch ein paar Alltagsszenen. Gelegentlich erzählt Allison dazu eigene Erinnerungen und weist auf interessante Details hin: der Sarong einer Afrikanerin in einem Gruppenfoto ist patriotisch mit Gewehren und Churchill-Kopf bedruckt; ein Vogelkäfig am Bildrand erhält Schatten von einem gut platzierten Tropenhelm.

Französisch-Westafrika erscheint praktisch gar nicht, etwa Senegal, Mali, Guinea-Conakry oder Elfenbeinküste; auch Liberia erscheint nicht. Gambia hat heute laut Allison eine „union“ mit Senegal und zeige darum eine der seltenen Grenzänderungen nach Ende der Kolonialzeit. Entdecker wie Mungo Park, Richard Francis Burton oder Mary Kingsley tauchen flüchtig auf, als einziger Kolonialheld erhält Frederick Lugard ein eigenes Kapitel.

Allison müht sich erkennbar, die Rolle der Engländer und ihre Beziehung zu den Afrikanern speziell in Westafrika in ein gutes Licht zu stellen – vor und nach der Unabhängigkeit. Dabei erzählt Allison auch von seinen eigenen Erlebnissen in Nigeria.

Insgesamt wirkt das Buch (Link zu Amazon) wie die engagierte, interessante, aber unsystematische Fleißarbeit eines Rentners der Kolonialverwaltung, der im kalten England noch einmal der Afrikanostalgie nachhängt.

Zitat:

Auch andere Ex-Kolonialverwalter erwärmten sich an Allisons Sammlung, hier ein Zitat aus Britishempire.co.uk:

So where is the deeper and undeniable value of this minimal text in a book of nearly two hundred pages? The answer lies, grandly and gloriously, in the historical triumph of its illustrations. There are nearly one hundred and fifty (exceptional value for money!)… Philip Allison’s fascinating assemblage of illustrations is deliberately complemented by rather than subordinated to his text. The result is no coffee-table book just to impress visitors but a cornucopia of goodies. These instantly recapture innumerable aspects of that life which so many of us enjoyed – and just a few endured – all the way along the West Coast of Africa down to that Bight of Benin where „There’s one comes out for forty goes in“. A veritable treasure-trove indeed!

Assoziationen:

  • Ich dachte momentweise – vor allem bei der Bootspassage – an ein anderes Sachbuch über britischen Kolonialismus, The Fishing Fleet, wie auch an Bücher über die britischen Afrika-Entdecker Richard Francis Burton und Mary Kingsley.
  • Der Allison-Band verwendet die alte englische Bezeichnung für Westafrika, White Man’s Grave. Das erinnert an einen vergnüglichen Westafrika-Roman von Richard Dooling, White Man’s Grave, der auf Deutsch als Grab des weißen Mannes erschien (bei Amazon.de).


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