Rezension: Axel Springer. Die Biographie, von Hans-Peter Schwarz (2008) – 8 Sterne – mit Presseschau & Video

Der emeritierte Politikprofesser, Adenauer- und Kohl-Biograf Hans-Peter Schwarz (1934 – 2017) interessiert sich vor allem für die politische Landschaft: So dokumentiert er die Entwicklung Altonas und die Beziehung zu Hamburg seit dem späten Mittelalter. Er zitiert ausführlich aus politischen Artikeln in den Altonaer Nachrichten, die Springers Vater gehörten – auch wenn sich Springer junior kaum für Politik interessierte und diese Artikel kaum selbst geschrieben hatte.

Andere Dinge schildert Schwarz weniger ausführlich, so etwa Springers ausschweifendes, durch Eheschließungen kaum gebremstes  Liebesleben bis in mittlere Lebensjahre. Auch das Blattmachen steht nicht im Vordergrund.

Zwar interessiert sich Schwarz sehr für die Spitzenleute in Springers bekanntesten politischen Blättern, vor allem für Chefredakteur Hans Zehrer bei der Welt, aber auch für einige Verlagsleiter wie Voss und Kracht sr. Doch die vielen Fotos auf 32 Bildtafeln zeigen zahlreiche Politiker, Springer-Gattinnen, Bauwerke und einen Spiegel-Titel zum Thema Springer – und keine einzige der legendären Springer-Zeitungen. Zu Günter Wallraff gibt es nur wenige Zeilen und kein Foto. Bezeichnend auch: Im Nachwort skizziert Schwarz noch einmal die politische Entwicklung Springers und der Bundesrepublik; von der Entwicklung des Springerverlags und seiner Exponenten nach Tod des Inhabers 1985 kein Wort mehr.

Salopp:

Schwarz schreibt ein lebendiges, schnörkelloses Deutsch, das sich hervorragend lesen lässt und fast nie professoral oder auftrumpfend klingt. Kaum ein Nebensatz scheint überflüssig, abgesehen von kurzen Verallgemeinerungen à la „Wie häufig in solchen Situationen“.

Gelegentlich wird Schwarz salopp, etwa wenn er einen Brief als „fischig“ bezeichnet oder beim enthusiastisch zupackenden Springer (1912 – 1985) mindestens dreimal den Ausdruck „abfahren auf“ verwendet. In den 30er Jahren als kleiner Redakteur der väterlichen Altonaer Nachrichten sei Springer ein frauenfixierter „Leichtfuß“ gewesen, „under-worked and over-sexed“.

Zum frühen Verhältnis Springer-Adenauer textet Schwarz typisch griffig (S. 200):

…mit dem Kauf der ((Tageszeitung Die)) Welt war Springer doch in den Bannkreis des „Alten“ getreten, der seinerseits fest entschlossen war, ihn nicht mehr von der Angel zu lassen.

Gern zitiert Schwarz auch pointierte, bissige und süffisante Kommentare seiner Akteure. An mehreren Stellen erscheint das Wörtchen „doch“ zu oft in einem Satz, oder „doch… allerdings“ oder „doch… jedoch“:

  • Seite 210: „…doch zur Berufung Wirsings kam es dann doch nicht“
  • Seite 611: „Doch die Einigung… beunruhigte ihn dennoch.“

Häufiger erscheint ein Verb doppelt innerhalb eines Satzes oder innerhalb von zwei bis drei Sätzen:

  • Seite 660: „Gegen die APO machte die SPD anfangs noch mobil, bis sich Willy Brandt auf den Weg machte, …“

Hier hätte Lektor Thomas Bertram stärker eingreifen müssen.

Während Schwarz meist überraschend lesbar und leicht augenzwinkernd formuliert, fallen bei der Beschreibung politisch weniger konservativer Akteure Misstöne auf: So bezeichnet Schwarz die Verleger von Stern, Spiegel und Zeit wieder und wieder und dann noch einmal als „Hamburger Kumpanei“ (in Anführungszeichen) und schießt sich speziell auf Rudolf Augstein ein. Ein Beispiel:

  • S. 398: „…streitsüchtig… Freude an der Bosheit und am Streit um des Streites willen… vergiftete Kolumnen“

Auch die Springer-kritischen Studenten ab 1967 beschreibt Schwarz dezidiert giftig.

Nur gelegentlich setzt Schwarz Vorwissen voraus – um seine Erzählung komplett erfassen zu können, sollte man das Schicksal von Springer-Sohn Sven Simon bereits kennen und wissen, dass die Springer-Kollegen Augstein und Bucerius einst im Bundestag saßen. Vorausgesetzt werden Begriffe wie Berlin-Ultimatum, Oder-Neiße-Grenze, großer Orlog, Dutschke, Ohnesorg, SDI, MBFR oder Marconi.

Nicht-linear:

Schwarz erzählt zunächst weitgehend linear ohne längere Vorgriffe oder Rückblenden. Freilich erscheinen gelegentlich Übersichtskapitel etwa zu Springers Krankheiten, politischen Standpunkten oder Wohnsitzen (und das Vorwort fasst Springers ganzes Leben hervorragend zusammen).

Ab dem Jahr 1958, so schreibt Schwarz (der sich sonst komplett zurücknimmt), verlangten die komplexen, zeitlich überlappenden Abläufe „dem Biografen eine etwas veränderte Darstellung“ ab (jew. S. 275):

„Die wichtigen oder die besonders kennzeichnenden Vorgänge und Handlungsstränge müssen für sich und in Längsschnitten behandelt werden“

In Ordnung. Doch nun verblüfft, dass Schwarz Vorbereitung und Ablauf des Chruschtschow-Besuchs vom Januar 1958 auf zwei Kapitel verteilt, statt einen kompakten „Längsschnitt“ zu liefern. Nötig wird dies, weil Schwarz mit dem Jahr 1958 ein neues, großes Kapitel beginnt: Die Reiseplanungen liefen schon 1957 auf Hochtouren, nach Moskau reiste Springer jedoch erst Anfang 1958. Springer moderiert das neue Kapitel dann erst allgemein an, bevor er das Chruschtschow-Narrativ wieder aufnimmt. Zwischenzeitlich wirkt das, als ob Schwarz über Springer in Moskau gar nichts sagen wolle (außer dem schon vorher mehrfach geäußerten Spott). Für mich ist diese Spaltung der Chruschtschow-Episode die einzige deutliche Schwäche in einem sonst souverän erzählten Buch (eine kleinere Schwäche sind überlange Schilderungen letztlich gescheiterter Geschäfte, s.u.).

Allerdings: Bei einer Biografie mit gut 650 Seiten Haupttext, breiten politischen und zeitgeschichtlichen Panoramen und einer überaus geschäftigen Figur wie Axel Springer erwarte ich fast, dass ich mitunter den Überblick verliere: Welche Begegnung, welche Aquisition, welche Frau und welches Blatt war wann? Obwohl Schwarz sicher vorbildlich übersichtlich schreibt, holte ich mir zwischenzeitlich in der Wikipedia die vermisste Orientierung. Schwarz könnte das auch leisten – mit einer Zeittafel am Buchende, aber die gibt es nicht. (Wer sich für Geschäftsdaten und Spitzenmanager im Springer-Imperium interessiert, liest mehr, aber unterhält sich weit weniger beim Wirtschaftshistoriker Tim von Arnim, der auch eine Zeittafel spendiert.)

Nicht autorisiert:

Gut zu wissen: Schwarz hatte (als erster Biograf, wie es heißt) praktisch unbegrenzten Archivzugang bei Springer. Wieder und wieder zitiert Schwarz aus Springerbriefen an die gesamte politische Hautevolee.

Mit Verlegerwitwe Friede Springer und Konzernchef Döpfner verabredete Schwarz, keine „autorisierte Biografie“ zu schreiben, sondern ein Werk nach eigenem Geschmack, das er allein verantwortet – gut so. Und die Bio- wurde wahrlich keine Hagiografie: Während Schwarz Springers Energie und unternehmerische Entscheidungen offenbar bewundert, hält er den Verleger politisch eindeutig für unreif; er verspottet etwa Springers Chruschtschow-Reise 1958 mehrfach als „töricht“, ebenso tadelt er Springers Anrennen gegen die Ostpolitik der 70er Jahre. Erst im Nachwort wird Schwarz deutlicher: In den 70ern sei Springer zeitweise „eine wichtigere politische Figur als mancher Ministerpräsident oder Kabinettsminister“ gewesen, lobt ihn als „politisch unkorrekten Unruhestifter“ unter allgemein beliebteren „angepassten Leisetreter(n)“ (S. 661, 663).

Mitunter glaubt man, dass Schwarz Dinge rücksichtsvoll verschweigt: So schildert er zwar länger und mild kopfschüttelnd Springers esoterische Phase mit Hellseherin, Gebetshöhle und Seelenkrise; aus dem Jammertal heraus fand Springer dann laut Schwarz auch dank einer „erotischen Verrücktheit“, bei der ein außerehelicher „‚blonder Engel'“ die Hauptrolle gespielt habe  (jew. S. 248 in meinem List-TB) – mehr enthüllt Schwarz hier dezent nicht, obwohl man ahnt, dass er mehr weiß. Schwarz ist eben nicht die Bildzeitung.

Lieber diskutiert er über viele Seiten, zu welchen Bedingungen Springer Ende der 60er Jahre welche Anteile seines Konzerns an wen verkaufen wollte (ähnlich dann beim geplanten Verkauf der Welt an die FAZ 1976). Nichts davon setzte Springer jedoch um, und darum wirkt Schwarz bei diesem Thema ausnahmsweise zu ausführlich.

Hans-Peter Schwarz Tim von Arnim
Axel Springer. Die Biographie „Und dann werde ich das größte Zeitungshaus Europas bauen“. Der Unternehmer Axel Springer
erschienen 2008 2012
Jahrgg. Biograf *1934 *1975
meine Ausgabe List-Taschenbuch Campus-Hardcover
Seiten insgesamt ca. 733 399 o. IHV
Seiten Haupttext ca. 653 259
Seiten Apparat ca. 68 139
Abbildungen 32 nicht pag. Seiten SW-Bilder auf Kunstdruckpapier; dazu einige kleine SW-Abbildungen auf Textdruckpapier; keine Grafiken, Zeitungstitel o. Tabellen 21 SW-Abb. auf Textdruckpapier inkl. Zeitungstiteln; 22 Grafiken, 11 Tabellen
Gewicht Gramm 656 788

Kritiker:

Wie bei Sachbuch-Kritiken, speziell bei Biografien, üblich, erzählen die Rezensenten vor allem den Inhalt nach und beurteilen Stil und Zusammenstellung kaum. Dies gilt ganz besonders für Arnulf Barings Kritik in der FAZ (unten).

Süddeutsche Zeitung (bei Bücher.de):

…wird immer wieder das zeithistorische Umfeld geschildert, die Person Springer eingeordnet. Schwarz gelingt es aber trotz dieses nüchternen Blickwinkels lebhaft zu erzählen… drei Jahre an dem Buch gearbeitet… ein differenziertes, in der Grundtendenz eher wohlwollendes Bild…

Arnulf Baring in der Frankfurter Allgemeinen (ebf. bei Bücher.de):

Man kam dabei überein, Schwarz alle relevanten Dokumente fast ausnahmslos (bis auf die privaten Konten Springers, seine beiden Testamente und die Vorstandsprotokolle der Axel Springer AG) auswerten zu lassen. Er legt nun eine breit, vielleicht streckenweise zu breit angelegte, detailreiche, ja opulente Darstellung vor.

Die Zeit:

((Durch den gewährten, priviligierten Archivzugriff könnten)) bei einer so polarisierenden Gestalt wie Springer, Rücksichtnahmen erwachsen, die den scharfen Blick beeinträchtigen. Hans-Peter Schwarz ist, dies sei bereits vorweggenommen, der Gefahr manchmal erlegen, obwohl er sich nach Kräften bemüht, die Balance zwischen einfühlendem Verständnis und kritischer Distanz zu wahren… Es ist gut, dass der Autor diese Männer ((Springers leistungsfähige Verlagsleiter)) nicht hinter der übermächtigen Verlegerfigur verschwinden lässt, sondern ihren Anteil ausführlich würdigt… Wer sich für die (fünf) Ehen und die zahlreichen Affären interessiert, der kommt hier auf seine Kosten… Über die rebellierenden Studenten und die mit ihnen sympathisierenden Linksintellektuellen äußert er ((Schwarz)) sich nur in süffisant-ironischem, manchmal auch in höhnisch-diffamierendem Ton… ((Fazit:)) Besticht durch flüssige Darstellung, Fülle des ausgebreiteten Materials und viele unbekannte Details aus dem Leben des Pressetycoons. Die vielschichtige, facettenreiche Persönlichkeit Springers tritt plastisch hervor. Doch dessen Rolle als politischer Verleger hat Schwarz allzu weich gezeichnet.

Stern:

Kongenial und leichtfüßig. So hat den beherzten Träumer und Tycoon vor dem Adenauer-Biografen Schwarz bisher noch niemand eingeordnet.

Tagesspiegel:

((Die Biografie)) operiert souverän jenseits der Parteinahme, die Springers Positionen und Wirkungen herausfordern, und widmet sich vielmehr – spürbar fasziniert – den Ambivalenzen dieses Lebens. So wird die Geschichte dieses Verlegers zu einem Kapitel Zeitgeschichte, in dem die dynamischen Möglichkeiten der alten Bundesrepublik, ihre steilen Aufstiege und Gefahrenzonen nebst ihren Irrungen und Wirrungen Person und Ereignis werden. Doch gleichzeitig bleibt diese Biographie nahe an der Figur, folgt mit der Neugierde auf das Menschlich-Allzumenschliche ihren Leistungen wie ihren Eskapaden: Zeit- und Charakterbild in einem… mit Wohlwollen geschrieben, aber alles andere als eine Hagiographie… ((Schwarz)) überrascht immer wieder mit gut platzierten Details und Durchblicken, die Person und Zeit erhellen… hier öffnet sich eine empfindliche Schwäche des Buches: Es ist der verharmlosende Umgang mit der Haltung Springers und seines Hauses gegenüber der Studentenbewegung. Da blendet sein ((Schwarz‘)) Grundrespekt gegenüber seiner Hauptfigur… doch zu viel aus… Gleichwohl ist Schwarz ein glänzendes Buch gelungen. Immer voll im Getümmel dieses Lebens und seiner Zeit, keinen Moment langweilig…

Handelsblatt:

Ein Meisterstück… Im Gegensatz zu von Arnim kann Schwarz unterhaltend schreiben. Das macht sein Buch zu einem Lesevergnügen.

www.hsozkult.de:

Eine umfangreiche und gut lesbare Studie, die Axel Springer freundlich, zugleich aber aus kritischer Distanz porträtiert… Detailreich, ohne sich aber in Einzelheiten zu verlieren… Die höchst gelungene, informative Verquickung der drei Erzählstränge a) Person des Verlegers, b) Entwicklung des Verlages und c) bundesdeutsche Rahmenbedingungen sind eindeutig die große Stärke des Buches… die Ankündigung des Propyläen-Verlags, es handele sich um die erste aus Archivalien gearbeitete Biografie, ist etwas hoch gegriffen, denn die umfangreichen und informativen Hamburger Archivalien des Unternehmensarchivs der Axel Springer AG stehen bereits seit etwa 15 Jahren Journalisten und Wissenschaftlern zur Verfügung. Doch Hans-Peter Schwarz konnte auch auf den bis dahin gesperrten Berliner Archivalienbestand zurückgreifen, wodurch das Buch an Detailreichtum gewinnt

Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte, Band 95, 2009:

Facettenreich, farbig, mitunter sogar spannend… ((Springers Leben von 1912 bis 1967 schildere Schwarz)) in einem austarierten Spannungsverhältnis zwischen Empathie und kritischer Analyse…, ohne die gebotene Distanz… zu verlieren oder gar in Affirmation zu verfallen… ((Doch mit Beginn der Enteignet-Springer-Kampagne 1967 liefere Schwarz)) unangenehm schrille Töne… ((Schwarz habe wohl)) auch noch im Jahre 2008 ähnliche Ressentiments ((gegen die protestierenden Studenten wie seinerzeit Springer selbst.))… Jedenfalls büßt der Biograph… seine bisherige Souveränität im Umgang mit seinem Material ein… es ist für den Leser nicht immer auszumachen, ob hier ein konservativer Historiker nachträglich alte Schlachten in eigener Sache zu gewinnen hofft oder lediglich den Abstand zu seinem Sujet verliert… ((Schwarz lasse keine Gelegenheit aus, die Studentenbewegung)) mal süffisant, mal höhnisch zu diffamieren… Stets trifft er den falschen Ton und denunziert die APO durch die Gleichsetzung mit der SA… ((Fazit:)) Gut lesbar präsentierte Material- und Detailfülle

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