Rezension Arzt-Memoiren USA, Kongo: A Doctor’s Life: Unique Stories, von William T. Close (2001) – 6 Sterne

William T. Close (1924 – 2009) blickt auf ein langes, abenteuerliches Arztleben zurück. Er ist zudem Vater der berühmten US-Schauspielerin Glenn Close, die ihm und seiner Frau ein liebevolles Vorwort geschrieben hat.

Auf etwa 48 Seiten beschreibt Close seine dramatischen Arzt-Anfänge in New Yorker Armenvierteln seit den 1950er Jahren. Dann folgen etwa 110 Seiten über die Jahre 1960 bis 1976 in Zaire (heute Demokratische Republik Kongo): Close war Chefarzt beim Militär, Leibarzt von Mobutu Sese Seko, leitete ein großes Krankenhaus und stemmte eine Ebola-Epidemie (über diese Zeit schrieb er weitere Bücher, Ebola behandelt Close nicht in A Doctor’s Life). Schließlich geht Close als Landarzt nach Wyoming (50 Seiten). Das Buch erschien in einer ersten Fassung 1996 unter dem Titel A Doctor’s Story und kam 2001 erweitert und überarbeitet als A Doctor’s Life heraus.

Fazit:

Close schreibt lebendig, leicht lesbar, mit Sinn für Pointen und bewegende Momente. Es entsteht jedoch kein Gefühl für Kultur oder Zeitgeschichte – das Buch ist die rein persönliche Erinnerung eines Arztes, Episode für Episode.

Schon die Anfänge in einem Stadtkrankenhaus von New York und als Damenurin-Beschaffer im Dienst der Wissenschaft sind guter Stoff für Arztmemoiren. Close schreibt unterhaltsam, nie weitschweifig; zeitweise bringt er zu viele medizinische Fachausdrücke, aber das stört wenig. Selbst lange zurückliegende Anekdoten schildert Close sehr pointiert, mit gut sitzenden Dialogen und abgerundetem Ausgang – vielleicht ist nicht jeder Satz authentisch.

Großes Abenteuer:

Close hat sicher das Herz auf dem rechten Fleck, aber Sophistication nicht mit dem Löffel gefressen. Als 18jähriger flog er Jets im Krieg, die Medizin sieht er dann vor allem als großes Abenteuer – er schreibt manchmal aufgeregt wie ein Junge, der bei der Feuerwehr mit zum Ernstfall darf. Immer wieder erwähnt er Adrenalinschübe im Einsatz.

Close betont, dass er jederzeit alles aufschneidet und zunäht. Babies und Geburten meidet er indes wenn irgend möglich; auch mit seinen vier Kindern konnte er eingestandenermaßen nicht viel anfangen. Close, seit vielen Jahrzehnten verheiratet, kommentiert immer wieder den Körperbau von Mitarbeiterinnen oder Patientinnen: „She tied her white apron snugly around her waist, giving her bust some prominence“; ich weiß nicht, ob sie gern bei ihm in Behandlung wären.

Nach Afrika kam Close zunächst nicht als Arzt, sondern als Berater der Organisation Moral Re-Armament (MRA, auch Oxfordgruppe genannt). Dafür trennte er sich zeitweise von Frau und Kindern. Auf eigene Faust distanziert er sich im Kongo von dieser Gruppe und nimmt seine große Leidenschaft wieder auf – das Operieren. Rückblickend scheint Close über MRA und seine MRA-Affinität selbst befremdet und er bedauert die Trennungen von der Familie.

Haarsträubende Geschichten:

Die Afrika-Kapitel sind zur Hälfte Krankenhaus-Desaster-Anekdoten – absurde Wunden von Kugeln und Macheten, Arbeit ohne Röntgengerät oder Blutkonserven, gewehrschwingende Soldaten im OP, Elefanten im Garten. Seine Rolle bei der Ebola-Krise 1976 (mit 318 Fällen) schildert Close dagegen nur in anderen Büchern.

Nach einigen Krankenhaus-Jahren wird Close Mobutu-Leibarzt, Chef-Militärarzt und Klinikchef. Auch von Mobutu berichtet er eher Anekdoten und nichts Schlechtes, außer dass er das Gesundheitswesen zum Schluss nicht mehr förderte; vielmehr lobt Close mehrfach Mobutus Umgänglichkeit und sein Lächeln (die offenbar massive Entlohnung erwähnt er nicht). Über de Gaulle lästert Close dagegen, und einen 1970 in den USA besuchten Präsidenten nennt er nicht beim Namen (Nixon).

Undeutlichkeiten:

Die Chronologie in den Afrika-Kapiteln ist manchmal undeutlich, es bleibt ein Reigen von Anekdoten. Mitunter bleibt unklar, welcher Präsident gemeint ist; die Ortsnamen Leopoldville und Kinshasa erscheinen durcheinander. Es gibt wenig Atmosphäre. Einen ordentlichen Überblick über des Doktors Leben und die politischen Veränderungen im Land liefern eher einige Online-Artikel (s. Links unten). Wer sich für Afrika oder für den Kongo allgemein interessiert, nimmt nicht viel mit. Weitaus dichter beschrieb V.S. Naipaul diesen Ort zu dieser Zeit in An der Biegung des großen Flusses.

Zuletzt im Wyoming-Teil praktiziert Close offenbar nur aus Hobby, finanziell hat er ausgesorgt. In diesem Buchteil stilisiert er sich als Traum-Landarzt alter Schule, der die einfachen Leute von der Ranch einfühlsam und immer ansprechbar auf ihrer letzten Reise begleitet. Er bewahrt seine Schützlinge vor kalter Apparatemedizin, und die treue Krankenschwester steht ihm stets zur Seite.

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