Rezension Afrika-Doku: 7915 km (2008) – 7 Sterne – mit Video, Links & vielen Pressestimmen

Regisseur und Kameramann Nikolaus Geyrhalter folgt der afrikanischen Route der Dakar-Rallye (früher Paris-Dakar) und zeigt einfache Leute links und rechts der Piste – in Marokko, in der Republik Sahara, in Mauretanien, Mali und im Senegal. Die Autos selbst erscheinen nur wenige Sekunden, und die ganze Veranstaltung kommt nur gelegentlich zur Sprache: die tollkühnen Piloten hinterlassen Kugelschreiber und völlig zerstörte Straßen.

Die Kamera ist oft sehr statisch: kein Zoom, kein Schwenk, keine Tiefenschärfeverlagerung. Interviewpartner oder starre Landschaft erscheinen dergestalt statisch in zudem ungewöhnlich langen Einstellungen in extremem Breitformat (ich habe die Ausstrahlung bei 3Sat gesehen und dachte manchmal an ein Paris, Texas für Arme). Dann wieder folgt die Kamera Hinterköpfen durch Geröll und Dörfer. Es gibt keine Stimme aus dem Off, man sieht keine Journalisten, die Leute in ihren entlegenen Orten verhalten sich äußerst alltäglich, und Musik erinnere ich auch nicht.

In die Umgebung gemeißelt:

So wirken die einheimischen Sprecher – Ziegenhirten, Bootsbauer, Hausfrauen, Kinovorführer, Soldaten – sehr intensiv, fast wie hineingemeißelt in ihre Umgebung. Der Österreicher Geyrhalter zeigt Alltagsbilder fernab jeder Touristenromantik, fernab auch jeder Doku-Routine, speziell in der Sahara sind die Leute so spröde wie die steinige Gegend.

Die Dokumentation könnte freilich auch Streifzug durch Nordwestafrika heißen, denn mit der Autorallye hat er praktisch nichts zu tun. Nikolaus Geyrhalter nennt keine Ortsnamen, zeigt weder Karten noch Routen. Lediglich Landesnamen erscheinen kurz.

So wirkt die Zusammenstellung der Szenen etwas beliebig. Wenn etwas den Film zusammenhält, dann die zwei häufig angesprochenen Gegenbewegungen: Reiche Europäer düsen nach Afrika; arme Afrikaner würden gern nach Europa auswandern. Als Klammer erscheinen die ersten und letzten Bilder: Der Film beginnt mit startenden Rallye-Teilnehmehmern in Europa und endet mit senegalesischen Bootsflüchtlingen.

Der Regisseur im Interview:

Dem Wiener Standard sagte der Regisseur über seinen Film „7915 km“:

Andererseits hat es mich sowieso gereizt, einen Film über Afrika zu machen, und da habe ich einen roten Faden gesucht. Da hat sich die Strecke der Rallye angeboten.

Wir waren vier Monate lang unterwegs. Das Besondere daran war, die Leute vor Ort das erste Mal zu treffen und gleich zu drehen, wir haben das ganz bewusst so gemacht. Wenn man das vorbereitet, erfüllt man sowieso nur das eigene Klischeebild.

((Warum es keinen Sprecher gibt:)) Das ist ein Dokumentarfilm, aber er hat auch essayistische Momente. Eigentlich will ich das nicht klassifizieren, man könnte auch sagen, es ist ein Roadmovie oder ein Reisefilm.

Die Interviews führten dann immer die Dolmetscher, und ich habe ihnen die Fragen nicht vorgegeben. Im Gegenteil, ich ermutige die Dolmetscher immer zu fragen, was SIE interessiert. Ich habe sie nur gebeten nachzuhaken, wenn es im Gespräch einen Konnex zu Europa gibt.

Wir hatten 160, 170 Stunden Material. Da stellt sich natürlich die Frage: Wie sehr geht man in die Tiefe?

„Manirierte Ästhetik…“ – die Kritiker:

Kino-zeit.de:

Die Interviews wirken meist wie zufällige Fundstücke, die ein ganz anderes Bild der Länder und Regionen entwerfen, die man sonst nur als Kulisse für das große Rennen vorbeifliegen sieht

Movienerd:

Die Kamera fokussiert dabei immer die jeweilige Person und wendet sich nie ab, auch wenn diese Person auf ein Objekt außerhalb des Bildrahmens zeigt. Das alles läuft sehr langsam und gemächlich ab. Man hat mehr als genug Zeit, sich das Bild in all seinen Facetten zu verinnerlichen.

Die Furche:

So dreht sich die Studie nicht um den Kampfgeist der Rallye-Teilnehmer, sondern um die Sorgen der Menschen… Ihr (zum Teil verborgener) Kampfgeist ist es, den Geyrhalter in seinen oft epischen HD-Bildern aufzuspüren versucht. Die Kamera schafft Nähe, ohne sich aufzudrängen.

The Gap:

Geyrhalter und seinem Schnittmeister Wolfgang Widerhofer gelingt es sogar, der strikt linearen Reise-Chronologie gewisse dramaturgische Konturen abzutrotzen. Trotzdem fühlt sich die Aneinanderreihung von Eindrücken gelegentlich frustrierend beliebig an. (6/10)

Der Standard:

…langen, großformatigen Bildern… Das alles gäbe natürlich Stoff für eigene Filme. Die Anlage von 7915 km als Spurensuche erlaubt es jedoch, solche Linien anzureißen.

Ray-Magazin.at:

Es sind Momente wie dieser, in denen die Fülle des Daseins in einer weit entfernten Gegend der Welt eingefangen ist, die in Geyrhalters Film ein Gefühl der Nähe und Unmittelbarkeit ausdrücken, das alle vorgefertigten Wahrnehmungsraster in sich zusammenfallen lässt… immer wieder lange Einstellungen, die vor endlosen Horizonten die von den rasenden Autos und Motorrädern hinterlassenen Spuren zeigen

Film.at:

Ohne die ernüchternde Realität aus den Augen zu verlieren, entsteht so eine Hommage an Menschlichkeit und Langsamkeit, die eingefahrene Wahrnehmungen in Frage stellt… So scheint am Ende das Rennen als solches weniger bedeutend und dient hauptsächlich als Hintergrundkulisse für die verzweifelte Realität der Länder und der Menschen an den Straßenrändern.

Programmkino.de:

Doch der Erkenntnisgewinn dieses Ansatzes bleibt bescheiden. Da sieht man ein Kind, das eine Ziege „Rallye“ genannt hat und sich über Buntstifte freut, die sie als Geschenk bekommen hat… Das alles filmt Geyrhalter in fast immer starren Scope-Bildern, die in ihrer manierierten Ästhetik zwar teilweise eindrucksvoll sind, aber letztlich nicht kaschieren können, wie wenig substanzielles „7915 km“ zu erzählen hat. Neue Erkenntnisse über die Globalisierung, das Verhältnis zwischen Erster und Dritter Welt sollte man hier nicht erwarten, aber dafür viele künstlerisch wertvolle Bilder.

Fluter (Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung):

Die absolute Leere und Einöde vieler Teile des Weges werden in langen Einstellungen gezeigt… Die Tonspur bezeugt während dieser langen Aufnahmen eine atmosphärische Mischung aus dem Rauschen des Windes und flirrender Hitze… ein einfühlsamer Blick auf die Bandbreite afrikanischer Lebensformen, die nie als Folklore abgetan werden. Geyrhalter zeigt Menschen im Hier und Jetzt eines ziemlich schnörkellosen afrikanischen Alltags.

Variety:

Film’s intent is not to reflect on the race, but rather to create a visual meditation about human migration, in which rich Europeans drive south at great speed for sport and poor Africans travel north by foot and rowboat for a livelihood. Although the images are graced by stunning locations and colors, the format becomes repetitive and dull, as talking heads provide a few insights but much that is just banal… interview-dominated and far more interesting for its depiction of changing topography, from the deserts of Morocco, U.N.-occupied West Sahara Republic and Mauritania to increasingly verdant Mali and Senegal, than it is for revelations about local attitudes

Village Voice:

sublimely meditative7915 Km really measures the gulf between lives spent speeding for kicks and those in which travel is often a last-ditch bid for survival, dangerous if not impossible.



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