Reportage: Einzelwandern im Everest-Gebiet (1984) [Story auf Deutsch]

Wie bitte – ins Everestgebiet für zehn Mark am Tag? Indes, wer gern mehr mit Sherpas zu tun haben möchte und Kartoffelgerichte grundsätzlich mag, sollte tatsächlich den Agenturen absagen und auf eigene Faust lostrekken. Denn Khumbu, das Land um den höchsten Berg, ganz im Osten Nepals, bietet alle Möglichkeiten für Einzelreisende. Hans D. Blog machte sich auf den Weg; seine Wanderung beginnt am Airport von Kathmandu.

 

Die 19sitzige Twin Otter der Royal Nepal Airlines knattert über tief gefurchtes Hügelland unter weißen Tupfen. Dann im Norden: die Himalaya-Hauptkette. Grau-schwarz-weiß gemusterte Sechstausender ragen schroff und souverän aus dem Wolkenmeer, markieren die Grenze zu Tibet.

Die Tür zum Cockpit steht offen; durch die Frontscheibe erkenne ich steile Felswände, und die Maschine propellert genau auf diese Mauer zu. Wir setzen zur Landung an. ,,Jetzt nicht blitzen“, mahnt noch der Stewart, dann gehen wir – rrrummms, holper, stolper – auf Luklas Graspiste nieder, beim Bremsen hilft die 80-Meter-Steigung der grünen Landebahn. Neben drei anderen Twin Otters bleiben wir stehen.

Lukla, 2830 Meter: Wer nicht von Kathmandu die Woche bis hierher zu Fuß gehen will, fliegt eben für 60 Dollars. Bis nach Namche Bazar, touristisches Zentrum der Everest-Region mit guter Sicht auf den Allerhöchsten, läuft man nochmal knapp zwei Tage. Lukla bietet schon einen Vorgeschmack auf den Touri-Rummel weiter oben: Ein Wust von rund 20 Herbergen, Wander-Shops und Restaurants, eingerahmt von benadelten Steilhügeln, Agrarterrassen und dahinter spitzen Gipfeln.

Erstmal setze ich mich zum Staunen aufs Mäuerchen; Träger sind scharf auf unsere Rucksäcke und heben sie prüfend an, ohne daß wir sie um ihre Dienste gebeten hätten. Sieben Mark wollen sie für einen Tag.

,,Der Mann da schafft doch die Höhe gar nicht mehr“, lästert ein Junger über seinen ergrauten Konkurrenten. ,,1978 war ich mit den Italienern auf dem Everest“, erzählt ein anderer Sherpa. Sehr imposant, und wie hoch? ,,Ja, ganz oben natürlich.“ Und ,,für einen guten Preis“ will er auch uns durch Khumbu, das von Sherpas bewohnte Land am Everest, führen.

Nicht nötig. Die Wege finden wir auch so, 6000 Touristen jährlich hinterlassen unübersehbare Trampelpfade. Die Gefährtin kauft im Trekking Food Shop schnell noch teure Schokolade, dann stiefeln wir los. Oberflächlich wirkt die Gegend idyllisch: Korn auf den Feldern, zottelige Yaks auf den Wiesen, Frauen und Kinder auf den Wegen. Doch der zweite Blick offenbart Khumbu als Abenteuer-Spielplatz eines weltweiten Trekk-Sets, von dem Nepals König Birendra konsequent erst Wanderausweis-Gebühren kassiert, dann nochmal Nationalpark-Eintritt:

Überall werben Schilder in komischem Englisch für Herbergen, die mal Apfelkuchen und Doppelzimmer, mal spartanisch Bratkartoffeln und Schlafsaal bieten. Und riesige Touristengruppen, die mit Shorts und Leibchen im eher zugeknöpften Sherpa-Land fast schon obszön wirken, schieben sich unbeschwert durch den Berg. Keuchende Träger und Trägerinnen, manchmal auch Yaks, schaffen ihnen Matratzen, Ketchup, Klapptische und Blumenkohl hinterher; zur Teepause knabbern die Gruppen-Trekker Kekse vom Tablett. Man nächtigt in Reihenzelt-Siedlungen. Manche Touristen lassen sich ihre Skier hoch zu den Gletschern tragen, andere pflügen per Mountain-Bike gen Everest. Die Einheimischen stehen freundlich lächelnd dabei und scheinen für das wunderlichste Hobby Verständnis zu haben.

Schlafsack und Iso-Matte haben wir im Rucksack, denn die braucht man auch beim Übernachten in den Herbergen. Dazu dicke Klamotten zum Wechseln, Wasserflasche und Bücher, insgesamt jeweils gut neun Kilo. Das reicht auch für den Aufstieg nach Namche Bazaar.

Das Garmisch-Partenkirchen der Everest-Region, 3400 NN: Durch dieses Groß-Dorf kommen Rekordkletterer und Ferienwanderer. Unser Zimmerchen in der Khumbu-Lodge hatte 1985 Jimmy Carter bewohnt; Aufkleber wie ,,Indonesian Women Climb Himalaya 1987“ oder ,,Belgian Everest Winter Expedition 1988/89“ pappen an jedem Fenster.

Die Touristen hier haben nichts mit den Hippies und Kulturbeflissenen gemein, die in Kathmandu die  Szene prägen. In Namche dominieren entschlossene junge Männer mit Daunenjacke und Schnurrbart. Typische Sätze: ,,Ich hasse Rasttage.“ Oder: ,,Ich hasse Mittagspausen; ich nehme ein Pack Kekse mit und laufe durch.“ Ihr Ziel ist das Everest-Basislager mit Aussichtsberg Kala Pattar. Das heißt für uns: Wir steigen ein Tal weiter westlich auf, nach Gokyo. Dort sieht man die gleichen Berge, nur kein Basislager und kein frisches Brot. Aber auch viel weniger Touristen.

Doch zunächst bleiben wir nochmal in Khumjung hängen. In diesem Sherpa-Dorf auf 3800 Meter Höhe läd uns ein Schüler ein: ,,You come to my house?“ Aber gerne. Einen Sherpa-Steinbau betritt man weich, denn im Erdgeschoß hausen, auf Laubboden, die Yaks. Über eine steile, düstere Treppe steigen wir ins Wohngeschoß. Zuerst bekommen wir Tee, natürlich westlichen mit ,,aliali chini“ (wenig Zucker) und nicht den bizarren Sherpa-Tee mit Butter, Salz, Milch und weiteren Zutaten. Touristen-Wünsche sind bekannt bei unseren Gastgebern.

Nur mühsam gewöhnen sich unsere Augen an die verqualmte, halb abgedunkelte Küche. Wir orten kupferne Töpfe und Teller, die in den Regalen prangen wie Ausstellungsstücke. Die Augen der Hausfrau zucken gereizt von der ständigen Arbeit an der tönernen Feuerstelle. Wir kriegen Kartoffeln gebraten, gekocht, in Suppe, in Chapati-Teigfladen. Die Schalen heben wir auf für die Rinder, die im Erdgeschoß dröge brummen. Denn bei Sherpas kommt nichts weg: Neben Speiserest-Verwertung wird Yakmist als Brenn- und Dichtmaterial, Menschmist als Dünger genutzt. Da entsteht kaum Abfall. Mit der Luft, die heftig aus dem Dampfdruck-Kochtopf zischt, belebt ein Sherpa noch sein Feuer.

,,Your country?“ erkundigt sich die ältere Tochter. ,,West-Germany“ antworte ich und frage zurück: ,,And your country?“ Sie erklärt: ,,Khumjung.“

Von den Touristen hat sie etwas Englisch gelernt. Zur Schule geht sie nicht, weil sie im Haushalt so praktisch ist. Die jüngere Tochter und der Sohn büffeln dagegen täglich Englisch und Nepali – beides Fremdsprachen für die Sherpas mit ihrem tibetischen Dialekt  –, dazu Mathe und Holzkunde.

Der Vater steigt natürlich grad mit einer Trekking Group umher. Der große Bergboom seit Ende der 60er Jahre krempelte das Leben in Khumbu um: Kartoffelfelder und Wohnstuben verwaisen, weil die Männer Touristen führen oder in Kathmandu Tuchfühlung zu den Agenturen halten wollen. Der Völkerkundler von Fürer-Haimendorf schreibt: Während die Sherpa-Männer oft in der Hauptstadt noch eine jüngere Geliebte haben und zudem von Touristinnen umworben werden, bleiben die Sherpa-Frauen in den Dörfern allein hocken.

Nachts will die Gefährtin zum Außenklo. Sie tapert mühselig durch die Yak-Etage, biegt draußen nach rechts zum Örtchen – da fängt darin ein Hund an zu bellen.

Unsere Gastgeber wollen vor allem wissen, ob West-Germany bei Alaska liegt, denn von dort hatten sie neulich sehr netten Besuch. Die Touristen prägen auch schon das Outfit der Sherpas: Ein Mädchen geht mit ,,ski elan“-Stirnbinde zur Wasserstelle, ihre Mutter trägt zum yak-wollenen Sherpa-Rock Turnschuhe und, auf dem Markt, einen Innnengestell-Rucksack.

Am nächsten Morgen ziehe ich etwas erleichtert weiter. Denn ich stehe nicht gern jede Sekunde im Mittelpunkt, ob ich mir nun die Schuhe zubinde oder eine Kartoffel schäle. Daß wir für das Essen die Herbergs-üblichen Preise zahlen sollen, erfahren wir auch erst zum Abschied.

Mittags legen wir uns ins Gras und genießen die Sonne – zum letzten Mal Sommer; dann steigen wir nördlich durch gilbenden Mischwald und flammrote Berberitzen – es herbstet; abends in Dole erreichen wir die 4000-Meter-Marke und damit den Schnee, wo uns die Kälte brutal in die Hütte treibt – Winter. Daran müssen wir uns jetzt gewöhnen.

Der Pfad, durch kniehohen Schnee freigetreten, steht voll dünnflüssigem Schlamm, der überall, weit über die Gamaschen hinaus, hinspritzt. Jederzeit kannst du wegrutschen. Dazu bläst es ganz heftig, mittags tappen wir durch dicken Nebel. Endlich: Machermo, 4500 Meter; hier gibt es eine große Herberge. Doch der Wirt klagt uns sein Leid: ,,Ich habe 15 Betten und schon 16 Gäste!“ Das ist aber ärgerlich für ihn. Und auf dem Boden – sorry, auf dem Boden möchte er uns auch nicht schlafen lassen. Eine Stunde weiter gebe es aber nochmal eine Hütte mit vier Betten.

Besten Dank: in 20 Minuten wird es dunkeln, und die ist doch garantiert auch voll. Bleibt nur, was wir uns im warmem Kathmandu bei Orange Shake und Vegetable Chopsuey mit schönem Schauder ausgemalt hatten: Wir schlafen auf dem Acker.

Der mächtige Cho Oyu, 8120 Meter, glüht mild im letzten Licht, als die Gefährtin kopfschüttelnd ihren Schlafsack rauskramt. Wir ziehen an, was sich nur in den Rucksäcken findet, legen den Rest über die Schaumstoffmatten, koppeln die zwei Schlafsäcke zu einer großen Wärmkammer, betten uns auf einer schneefreien Stelle und schließen Wetten ab. Die Gefährtin optimistisch:  ,,Ich glaub‘ nicht, daß wir erfrieren.“ Höchstens, bei den Wolken, daß wir einschneien. Nach den Temperaturtabellen wird es nachts minus 15 Grad. Als ich das erste Mal aufwache und unter meinem Schal-Verdeck vorsichtig die Augen öffne, denke ich irritiert, jemand hat das Licht angelassen. Zwei Millimeter Schal beiseite gelupft: Da steht der Halbmond tief und beleuchtet surreal die nahen Sechstausender. ,,Toll“, wispert es neben mir, ,,ich hab‘ ganz warme Füße“. Dann ziehe ich den Schal aber schnell wieder über die ungeschützten Quadratzentimeter Haut, denn die eiskalte Luft beißt herzhaft zu.

Jetzt könnte die Nacht eigentlich um sein; ich finde keine gemütliche Lage auf dem unebenen Grund. Wenn die Gefährtin die Bändel der Wärmekragen zuzurrt, habe ich die Strippen in der Nase; drehe ich mich, murrt sie, es ziehe ‚rein. Ich wache im  Zehn-Minuten-Takt auf und luge vorsichtigst durch eine Schalspalte… immer noch Sternenhimmel. Soooooo kalt ist ihr, jammert nunmehr die Gefährtin. Ich probiere glücklos neue Lagen aus.

Oh Dämmerung, Gnädigste, willkommen! Endlich! Der Cho Oyu strahlt mich an. Die Gefährt versucht das Gleiche und krächzt ein ,,Morgen“. Erstaunlich schnell haben wir unseren Krempel in die Rucksäcke gestopft und marschieren weiter zur nahe gelegenen 4-Betten-Herberge. Die Wirtin versorgt uns mit Rekord-Mengen stark gesüßtem Porridge und Bratkartoffeln, dazu dem neuesten Khumbu-Klatsch: ,,Habt ihr gehört, da sollen zwei draußen geschlafen haben… und ich hatte vier Betten frei.“

Dann türmt sich vor uns die riesige Endmoräne des Ngozumpa-Gletschers auf. Links und rechts die Seitenwände lang kommen Flüsse herunter. Wir wandern den Dudh Kosi aufwärts, den ,,Milchfluß“, denn hier grasen sommers Yaks – und Naks, die Weibchen. Nach zwei kleinen Seen, sogar mit Enten, erreichen wir Gokyo, 4790 Meter, eine winzige Sommersiedlung wie alle Orte hier über 4000 Meter. Denn im verregneten Monsun-Sommer von Juni bis September treiben die Sherpas ihre Yaks hier hoch, damit sie nicht im Dorf das Gemüse wegfressen. Ab Oktober, wenn die Wolken fort sind und die Bergsichten fantastisch, wird umgestellt auf Herbergsbetrieb.

Wir haben es nicht eilig, auf den Gokyo-Peak zu kommen. Viele Wanderer erklimmen hektisch den 5380 Meter hohen Aussichtsberg, knipsen das Panorama mit Everest in der Mitten und hetzen wieder zu Tal. Dabei läßt es sich in Gokyo gut aushalten. Mittags wird es am See fast T-Shirt-warm. Die siebenjährige Tochter des Hauses verschenkt Bonbons, wir revanchieren uns mit Vicks Throat Drops. Die Sherpa-Wirtin umsorgt uns aufmerksamst und bringt ihre gut gewürzte Kartoffelsuppe ins Freie; der Knoblauch darin soll das Blut flüssig halten – in 4800 Meter Höhe wichtig für die Sauerstoff-Zirkulation. Wir steigen auf den Gletscherrand und blicken in eine seltsame, weiß überzuckerte Geröll-Hügellandschaft mit einzelnen Teichen und Spalten. Irgendwo rumpelt und plätschert es.

Ein 62jähriger Belgier kommt vom Gokyo-Peak zurück. ,,Ich habe es nur halb ‚rauf geschafft“, schnauft er, ,,zum ersten Mal im Leben mußte ich aufgeben.“ Ehrlich gesagt, mir war auch nach Abbruch zumute. Fast senkrecht steigt der Weg über Fels und festgetretenen Schnee. Eine Minute vorwärts, eine Minute Pause. Ein grinsender Bayer drückt sich auf Skistöcken locker an mir vorbei. Schweizer mit Höhenmesser kommen entgegen und machen Mut: ,,Es lohnt sich wirklich. Und nur noch 400 Höhenmeter!“

Matt, aber happy genieße ich schließlich einen gloriosen Rundblick über das strahlend weiß-blau-schwarze Dach der Welt mit Cho Oyu, 8102 Meter, Mount Everest, 8848, Lhotse, 8501, und Makalu, 8481. Aber ich hielt die höchsten Berge noch nie für die schönsten: Der knubbelige Kangtega, der scharf geschnittene Tramserku und der Ama Dablam, schiefer Turm von Nepal dort im Süden, sie alle bringen es zwar nicht mal auf 7000 Meter; aber spitze sehen sie trotzdem aus. 500 Meter unter uns liegen rührend klein die drei Häuser von Gokyo… dahinter alle drei Seen… und noch vor der Sechs- bis Achttausender-Phalanx wälzt sich der Ngozumpa-Gletscher, streng eingefaßt in die Seitenmoränen. Sein geheimnisvolles Krachen wäre das einzige Geräusch, wenn nicht ein Ami mit Kamera, Stativ und Träger regelmäßig zu inbrünstigem SHITTT!!! ausholte. Dann schieben sich die Nachmittagswolken über Gokyo. Wir thronen darüber in der Sonne und schauen zu; das späte Licht färbt die Schneehänge golden – wir müssen zurück.

Unter begeisterten ,,Good luck, nice trip you“-Rufen der Herbergseltern ziehen wir fort. Wir überholen einen Höhenkranken, der von zwei Leuten geführt werden muß, weil er völlig unkontrolliert torkelt. Das deutet auf Wassermangel im Kopf; uns macht weder dies Symptom zu schaffen noch Wassermangel in der Lunge, das Atemprobleme verursacht, denn wir halten uns an die Regeln: Viel trinken, tags hohe Pässe, aber nie mehr als 300 Meter Aufstieg zwischen den einzelnen Nachtlagern.

Auf einem Hof in Na, 4400 Meter, schauen wir beim Nak-Melken zu; die herrliche Milch wird gekocht und kommt auf die Kartoffel-Pfannkuchen. Die Knolle ist das Hauptnahrungsmittel der Sherpas; ansonsten gedeiht in Khumbus Höhenlagen nur noch ein spinatartiges Gemüse. 1850 kamen Kartoffeln über die englisch-indische Bergprovinz Darjeeling ins Sherpa-Gebiet. Sofort wuchs die Bevölkerung. Zurück in Namche, sehen wir auf dem Samstagsbazaar, daß Speisezettel-Abwechslung möglich ist: Händler aus dem Hügelland haben Reis, Erbsen, Kekse, Eier, Butter, Fleisch, dazu Küchengerät und billige Kleider heraufgeschleppt. Samstag für Samstag strömen aus ganz Khumbu die Sherpas herbei, geben ihre üppigen Erlöse aus dem Berg-Business aus und führen lange Debatten. Ich achte darauf, was die Sherpa-Frauen für vier Orangen hinblättern und ordere das Gleiche – super. Auch wenn es in Namche gar Chocolate Cake und Zimtrolle gibt – ich will noch mehr Zivilisation. ,,In Kathmandu kauf‘ ich mir erstmal ’ne Newsweek“, versichere ich der Gefährtin. ,,Und die liest du dann bei ’nem Walnuß-Eis im Nirula’s,“ weiß sie.

Würde ich gern. Doch im Flughafen-Kaff Lukla kommen wir auf Platz 250 der Warteliste. Garantiert fliegen dürfen nur die weisen Wanderer, die sich aus der Hauptstadt eine Rückflug-Reservierung mitgebracht haben. Wir Standby-Kandidaten können nur auf Extra-Flüge für die Überzähligen hoffen, und dazu müssen wir morgens um acht an der hölzernen Airport-Bude sein. 250 Bergfexe sind es mit uns. Jetzt heißt es Würde bewahren. Gestern soll eine Frau schreiend umhergesprungen sein, als sie nicht wegkam. Nicht mal der Privathelicopter, der für 300 Dollar Eilige zu Tal schafft, wollte sie mitnehmen. Keiner mag die Woche zurück zu Fuß gehen, alle drängeln sich um die ,,Royal Nepal“-Hütte. Dann wogt die Meldung durch die Menge: Heute keine Extraflüge.

Tja, Newsweek? Null-Week. Du hast ja soviel Zeit, bis nächsten Morgen um acht die Hoffnung auf Extraflüge wieder enttäuscht wird. Nach zwei Tagen kann ich die frustrierten Gestalten nicht mehr sehen. Mein Gesicht soll sich jedenfalls nicht so in die Länge ziehen. Wir gehen jetzt zu Fuß. Vor uns liegt die Solu-Region mit ihrem maßlosen Auf und Ab: Weil der Weg nach Westen führt, die vom Gebirge herabrauschenden Flüsse das Land aber nord-südlich furchen, geht es ständig ‚rauf auf den Paß, runter ins Flußtal, und so fort. Einen Tag steigen wir 2000 Meter ab und 1500 auf, bis auf drei-fünf. Am nächsten umgekehrt. Ein Helicopter, der über uns hinwegschraubt, signalisiert: In Lukla herrscht immer noch Verstopfung.

Na und? Ich genieße die Strecke: Im düsteren Höhenurwald schimmern Moose und Farne im Gegenlicht; reifes Korn steht auf den Terrassenfeldern; auf 2000 Meter die erste Bananenstaude, weiter unten Dahlien und Weihnachtssterne. Von den Paßhöhen überblicken wir die zurückliegende und die bevorstehende Route. Und nach jedem Paß ändert sich die Landschaft: Kommen wir aus einer tropischen Region, so tut sich hinter der nächsten Höhe eine österreichische Alm mit Wiesen und Fichten auf. Dann wieder wachsen Orangen.

Nach fünf Tagen lösen Hindus die buddhistischen Sherpas ab. Das sind ganz andere Menschen: Viel hektischer, viel direkter und aufdringlicher. Erstmals verlangen Kinder ,,mitai“, Süßigkeiten, oder ,,one pen“. Zum Glück kommt bald Jiri – Endstation einer Straße nach Kathmandu, die mit Schweizer Hilfe entstand. Die einzigen Fahrgäste sind wir nicht. In der Morgendämmerung stehen wir vor einem rammelvollen Bus. Wir halten uns streng an den Rat aus der Heimat, ,,steigt nicht in überfüllte Busse!!!“, und klettern auf das Dach des Gefährts. 80 Nepalis und Touristen tun das Gleiche. Während wir in wilder Serpentinenfahrt gen Hauptstadt donnern, kassiert der Schaffner virtuos bei jedem Dach-Passagier ab. Nach 14 Stunden verzweifelten Anklammerns erreichen wir die Hauptstadt Kathmandu.

,,What a horrible way to end beautiful trip“, räsoniert ein Amerikaner. Recht hat er.

 

 

 

 

 

 

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