Über Reisejournalismus: Smile When You’re Lying: Confessions of a Rogue Travel Writer, von Chuck Thompson (2007) – 3 Sterne

Chuck Thompson, altgedienter Reisejournalist, findet den gängigen Reisejournalismus verlogen, unauthentisch, schönfärberisch. Reiseartikel seien nur der „Tiramisu des Journalismus“, Reiseschreiber untalentierte Schnorrer. So weit, so gut.

Schon auf den ersten Seiten bringt Thompson zum Beweis zwei Reiseerlebnisse, die seine bornierten Reiseseiten-Redakteure nie drucken wollten. Und da enttäuscht der zornige Metajournalist: Thompson reportiert Ranziges aus Thailands Rotlichtbereich. Sehr verständlich, dass kein Redakteur sowas ins Blatt hebt, Danke dafür.

Mackersprache:

Thompson macht zudem gleich auf den ersten Seiten klar, dass er ein cooler Ami mit dito Cowboysprache ist. Andere liefern „piss poor writing“, Thompson macht’s besser. Natürlich trägt er auf dem Foto eine Schirmmütze.

Gewiss, „Smile When You’re Lying“ ist oft amüsant und liefert ein paar unterhaltsame Geschichten vom Reisen und vom öffentlichen Schreiben darüber. Dennoch stößt Thompsons schwitziger Macho-Ton ab.

Gleich auf den ersten Seiten lernen Sie Thompson kennen:

  • Die stärksten Reiseerfahrungen: „Getting laid, sick, lost, home“
  • Seine Heimatstadt in Alaska: „There are two things to do in Juneau, drink and get drunk“
  • Thailand: „I first heard about Thailand in jail“
  • Thailänder: „The nicest people money can buy“

Bis Seite 44 berichtet Thompson weiter erregt Porno-Grafisches aus Bangkoks Nachtleben, danach kommt eine Silvesterparty in Alaska und die touristische Entwicklung dort.

Was all das mit Reisejournalismus und seinen Mängeln zu tun hat? Weiß ich auch nicht:

Vielleicht geht es in dem Buch aber auch gar nicht um Reisejournalismus. Vielleicht muss man die Unterzeile auf dem Titel wortwörtlich nehmen: „Confessions of a Rogue Travel Writer“. Ja, das trifft es gut, wenn auch die „Bekenntnisse“ reichlich mackerhaft-stolz sprudeln und „rogue“ etwas untertreibt. Will er es dem schrillen „Gonzo-Journalismus“ seines dauer-bekifften Namensvetters Hunter S. nachtun?

Einmal beschreibt Chuck Thompson stolz, breit und maximal unappetitlich die verheerenden Folgen eines Besäufnisses auf einer Fähre. Ist das nicht ein bisschen unreif, dachte ich und bedauerte mich, denn ich hatte ich gerade mit dem Abendessen angefangen.

In den weiteren Kapiteln berichtet Thompson über seine Zeit als Englischlehrer in der japanischen Provinz, stellt ausführlich seine kauzigen Trinkgenossen vor und hakt dann ein paar Weltregionen ab. Überschriften:

  • „Why Latin America Isn’t the World’s Number One Tourist Destination and Probably Never Will Be“
  • „Am I the Only One Who Can’t Stand the Carribean?“

Langweilige Sportkommentare:

Ich hab’s teils überblättert. Billiger Gonzo-Journalismus oder öde private Anekdoten als Seitenfüller. Langweilige Sportkommentare. Schwachsinnig pubertäre Autorennen.

Selten hält Thompson mein Interesse länger als einen Absatz lang. Mehr Aufmerksamkeit wecken immerhin die Geschichten zur Gründung des Print-Reisemagazins von Travelocity.com, bei dem Thompson anheuerte und später wieder gefeuert wurde.

Haue für die Kollegen:

Ein paar Insideranekdoten, ein paar aufgespießte Reisemagazin-Klischees, ein paar Schreiber-Regeln und dennoch: Irgendwelche Enthüllungen oder Bemerkenswertes zur Branche gibt es nicht, nur Thompsonsche Schimpftiraden, oft mit Furor getextet: Ein Gefälligkeitsartikel gilt als „8 page blow job“ und Paul Theroux, dessen Bücher Thompson hoch lobt, bekommt für allzu freundliche Magazinartikel ordentlich Haue.

Prügel bezieht auch der Lonely-Planet-Verlag; gar nicht mal für die Qualität seiner Recherchen, sondern vor allem für seine moralischen Appelle an umweltfreundliches und verantwortliches Reisen. Obwohl Thompson die Landkarten der Lonely-Planet-Bücher schätzt, boykottiert er sie wegen der Moralappelle.

Philippinen und Deutschland:

Warum auch immer, das Philippinen-Kapitel hat mir besser gefallen. Dort, in den frühen 90ern, besucht Thompson die in Olangapo stationierten US-Soldaten. Zwischen saufenden Mackern und zirpenden Girlies ist Thompson sichtlich in seinem Element.

Eine witzige Episode schildert, wie kaum ein Taxifahrer Thompson in eine muslimische Hochburg auf Mindanao bringen will. Als er es endlich ins vermeintlich hochgefährliche Marawi schafft, wird er zehnmal eingeladen und kehrt bester Dinge wieder heim.

Über Deutschland:

Thompson schreibt, er sei regelmäßig in Deutschland gewesen und flicht mehr deutsche Vokabeln ein als andere Zeitgeist-Autoren (unter anderen „dreck“ und „verboten“). Er schreibt jedoch nur über zwei Besuche in Magdeburg, das kurz nach der Wiedervereinigung so anders aussah als nochmal sieben Jahre später.

An einer Stelle erzählt Thompson vier Anekdoten: dreimal schäbige Touristen sowie einmal sympathischer Tourist. Der Leser soll die Herkunftsländer der Akteure raten. Auflösung: Die Schäbigen sind aus Deutschland, Indien und Frankreich; der Sympathische ist Amerikaner.


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