Reisebuch Persien, Afghanistan: Der Weg nach Oxiana, von Robert Byron (1937) – 4 Sterne

Das beste Reisebuch der Dreißiger? Bruce Chatwin huldigt ihm und seinem Autor in einem wenig informativen, aber hymnischen Vorwort meiner englischen Picador-Taschenbuchausgabe. Der große Dalrymple scheint zuzustimmen. Ein Erfolg war das Buch jedoch offenbar nicht.

Byron interessiert sich kaum für die Menschen unterwegs. Das sind alles Eseltreiber, Fahrer, bestenfalls Botschaftsangehörige. Die Bewohner eines Landstrichs nennt er pauschal „seedy mongrels“ (ich hatte die englische Ausgabe, The Road to Oxiana).

Byron und seine Begegnungen:

Zweimal hat Byron mild unfreundliche Begegnungen mit zwei unterschiedlichen Arabern und folgert:

„So much for Arab charm.“

Dieser Byron hegt wohl nicht nur ein Faible für Architektur und Geschichte Zentralasiens, er ist auch ein Völkerkundler von Gnaden.

Stimmt, es gibt einige pfiffige Dialoge, die Byron allerdings oft mit seiner schneidend arroganten Ironie prägt. Ansonsten lesen wir lange historische, kunsthistorische und architekturgeschichtliche Betrachtungen, Ruinenbesichtigung im Überfluss, und dann wieder resignierten Spott über das nächste verlauste Übernacht-Loch. Alkohol oder dessen Mangel thematisiert Byron auch wiederholt.

Selten hatte ich Hot Country Reading, bei dem Land und Leute so wenig lebendig wurden; seine nicht-enden-wollenden deskriptiven Absätze wirken heute noch langatmiger, da man das alles mit einem Klick in Google Streetview sieht. Andere Buchausgaben zeigen offenbar Byrons eigene Fotos, nicht so jedoch mein Picador-Taschenbuch.

In Persien wird es etwas interessanter, aber nur etwas:

Etwas lebendiger wird es im zweiten Teil, ungefähr ab Shiraz im heutigen Iran, doch immer schweben Byron und sein Begleiter distanziert über dem Geschehen, selbst wenn sie wörtlich bis zu den Knien im Matsch stecken. Interessant ist der ständige Wechsel der Transportmittel – Pferd, Pkw, Lkw, Esel, Zug, Fußmarsch, Boot; Flugzeuge und Kamele erscheinen nur gesprächsweise, Fahrräder und Motorräder gar nicht.

Der Ton erinnerte mich etwas an andere Engländer oder nach englischer Art Schreibende:

  • Die vor allem im ersten Teil verächtlich rassistische Stimmung klang etwas nach Paul TherouxThe Great Railway Bazaar; Theroux wuchs zwar in den USA auf, lebte aber vor Beginn der zugrundeliegenden Reise in England und englischen (Ex-)Kolonien, mit einer BBC-Redakteurin (seine frühesten Romane aus Afrika klingen weniger arrogant).
  • Dann dachte ich an Journey without Maps/Der Weg nach Afrika von Graham Greene denken, eine Westafrika-Wanderung, entstanden fast zur selben Zeit wie Byrons Oxiana; Greene schreibt nicht sehr arrogant, aber à la Byron distanziert bis gelangweilt von den örtlichen Umständen, weit abschweifend, und Graham denkt (und nippt) auch viel an Spirituosen.

Byron ist allerdings der einzige von den Genannten, der klar tagebuchartig schreibt. Die einzelnen kurzen Absätze wirken teils zusammenhanglos, nicht immer war mir die Rolle der erwähnten Personen klar und ich fragte mich, ob hier für den Druck irgendetwas redigiert wurde (ein Absatz in „Oxiana“ impliziert, dass Byron sein Reisetagebuch zwei Jahre nach der Reise an einem Schreibtisch in China für den Druck durchgesehen hat).

Das beste Reisebuch? Sogar Bruce Chatwin selbst ist besser.


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