Rezension Reise-Kultur-Buch Spanien: Between Hopes and Memories. A Spanish Journey, von Michael Jacobs (1994) – 8 Sterne

Jacobs schreibt auf 410 eng bedruckten Seiten ausführlich über seine lange Spanienreise 1991, berichtet aber auch von ausgedehnten früheren Spanien-Besuchen, zitiert aus der Geschichte und aus sehr vielen oft sehr alten Büchern. Speziell die Literatur und literarische Figuren haben es Jacobs angetan, ebenso Maler; aber wir lernen auch Busfahrer, Pfarrer und viele Freunde des Autors kennen.

Altes und Neues:

Diese Wechsel zwischen alten und neuen Reisen, Berichten über Bekannte, über historische Figuren und über historische Berichte über historische Figuren erzeugen Sprünge, machen das Buch gelegentlich heterogen. Zu diesem unausgewogenen Eindruck schreibt der Independant:

„It does not really describe a journey at all, but a whole mosaic of journeys, some of its chapters reading like reprints or at least rehashes of earlier essays, some indeed like Sunday supplement contributions.“

Michael Jacobs orientiert sich an vielen spanischen Autoren und Malern, die wohl nur Spezialisten kennen, und an einigen englischen Reisenden wie Gerald Brenan, Laurie Lee und V.S. Pritchett. Verblüffend, dass er den sonst gern zitierten, süffisant ironischen Richard Ford nur gelegentlich und nur in der zweiten Buchhälfte erwähnt – vielleicht war Ford ihm zu schneidend, oder zu allgemein bekannt.

Sinn für Skurriles:

Jacobs Motivation für den Valencia-Aufenthalt: „To see what was left of the world Sorolla had painted and Blasco Ibánez had yearned for“. In Barcelona folgt er den Spuren Pepe Carvalhos – eine Erfindung des Autors Vásquez Montalbán. In Calanda in der Autonomen Region Aragón erinnert er an die Jugend Luis Buñuels.

Solche Orientierung an weniger bekannten Autoren, Malern und anderen Künstlern finden wir immer wieder – doch nie ist das Buch trocken und spröde historisierend, stets gibt es interessante Beobachtungen und ausgedehnte Begegnungen in der Jetzt-Zeit (also 1991).

Kein Touristen-Blick:

Um Touristen-Schwerpunkte kümmert sich Jacobs andererseits nicht: In Madrid besucht er nicht den Prado, in Sevilla weder Alcázar noch Kathedrale. In Granada erzählt er allgemein über die Alhambra, geht jedoch nicht hin; ebenso ergeht es Gaudís Bauten in Barcelona.

Eher interessiert Jacobs sich fast für verkommene Altbauviertel, gesichtslose Plattenbau-Fluchten und abgelegene Käffer: Einmal strandet Jacobs in Goyas Geburtsörtchen Fuendetodos südlich von Saragossa; ein Freund muss ihn aus der unterkunftslosen Einöde retten und fragt: „Michael, why do you always end up in the most Godforsaken places?“ (S. 278 in meiner Picador-Taschenbuch-Ausgabe, die 1996 gedruckt wurde)

Ja, Jacobs sucht teilweise gezielt morbide, geschmacklose oder verkommene Plätze, darunter auch die südliche Provinz Murcia mit der Hafenstadt Cartagena. Dennoch hat man den Eindruck, das Land wunderbar kennenzulernen: Mehr aus der Sicht gebildeter – und lebensfroher – Spanier als aus der Perspektive von Touristen.

Auf dem Jacobs-, nein Jakobsweg:

Ein Touristen-Highlight absolviert Jacobs doch – den Jakobsweg, vier Wochen lang, und landschaftlich für ihn ein Genuss, aber vom religiösen Aspekt muss er sich gleich distanzieren: „I felt like a complete fraud, a participant in an absurd medieval charade…“ (S. 282)

Manchmal will er eine nationale Berühmtheit treffen, wie den Designer Javier Mariscal. Das Interview scheitert, doch wie es scheitert, erzählt Jacobs sehr gekonnt – und immerhin ziert eine Mariscal-Grafik den Umschlag. Vásquez Montalbán immerhin begegnet Jacobs tatsächlich.

Enigmatisch-feuilletonistisch:

Jacobs gliedert sein Buch in sieben Teile, doch aus den Teile-Überschriften sowie aus den Überschriften der untergeordneten Kapitel erhellt kaum einmal, um welche Region es geht. So heißt der Madrid-Teil „Kafka’s Uncle“ (weil Kafkas Onkel in Madrid lebte), und einige Kapitel in diesem Abschnitt überschrieb Jacobs enigmatisch-feuilletonistisch „The Chasm of Unanswered Questions“ oder „Sybaritic Games“.

Auch eine Landkarte fehlt, Fotos sowieso. Nur das sehr ausführliche Stichwortverzeichnis hilft bei der Suche nach bestimmten Regionen.

Die Regionen und ihre Titel insgesamt:

  • Teil 1, „Kafka’s Uncle“: Madrid
  • Teil 2, „The Traveller Rises at Dawn“: nahe Madrid in Alcarria auf den Spuren von Camilo José Cela, La Mancha auf Spuren Cervantes‘ und seines Don Quixote und auf Spuren anderer Cervantes-Verfolger; Toledo
  • Teil 3, „Sweet Vengeance“: Andalusien mit Sevilla, Huelva-Provinz, die neuen Moslems in Granada (kein Wort über Cádiz, Jerez oder Málaga)
  • Teil 4, „Fabled Shore“: Spaniens mittlere Küste u.a. mit Cartagena, Valencia
  • Teil 5, „Olympian Heights“: Barcelona und katalanisches Hinterland
  • Teil 6, „To the End of the World“: Aragón, Hintergründe zum Jakobsweg, Baskenland, Kantabrien mit Santander
  • Teil 7, „The Desiccated Heart“: Kastilien und Estremadura im Winter

Friedhöfe in der Hauptstadt:

Jacobs beginnt mit Madrid und konzentriert sich auf drei Bereiche: Friedhöfe, Dichter-Cafés früher und Nachtleben heute. Dabei trifft Jacobs bekannte Künstler wie Pedro Almodóvar, aber sie erscheinen nur am Rand – lieber zitiert er aus zahlreichen Romanen, Biographien und Theaterstücken, die madrilenische Etablissements verwenden.

Gegen Ende des Teils schildert Jacobs dann noch eine längere Kneipentour. Doch ich hätte gern mehr von seinen Bekannten und weniger über unbekannte Dichter verflossener Dekaden gelesen.

Kultiviert:

Jacobs schreibt ein sehr gebildetes Englisch, ich musste öfter Vokabeln nachschlagen als in den meisten anderen Büchern. Der Ton ist gelehrt, feinsinnig, kultiviert, dabei sympathisch, mild ironisch-selbstironisch, stets flüssig lesbar sowie ohne Wortgeklingel.

Jacobs beweist zudem enorme Übersicht über spanische Kultur und Literatur sowie zugleich ein großes Herz für die Käuze in staubigen Provinzcafés – insgesamt ist Jacobs damit der ideale Begleiter auch für die 410 eng bedruckten Seiten hier in Between Hopes and Memories.

Mitunter kombiniert Jacobs seine Vorlieben für eigenwillige Figuren und für Geistesgeschichte und referiert über mehrere Seiten die Theorien von Jorge-Mária Rivero, der Kantabrien für die Wiege der Menschheit hielt. Jacobs findet das selbst abwegig, muss es aber weitläufig zitieren.

Buchempfehlungen:

Schon im Lauftext nennt Jacobs hunderte Buchtitel, viele sind vermutlich nur auf Spanisch erschienen. Im Anhang empfehlt Jacobs ausdrücklich noch einmal englische oder spanische Bücher zu Spanien und spezielle Bände zu Architektur, Literatur, Philosophie und dem Phänomen der „romantic travellers“. Wie immer bescheiden, lässt er seine verschiedenen eigenen Spanien-Bücher komplett aus.

Ganz anders als dieses Ganz-Spanien-Buch, und doch in vieler Hinsicht vergleichbar, ist Jacobs‘ liebenswerter andalusischer Dorfbericht Factory of Light (Besprechung und Videos bei HansBlog.de).

Professionelle Kritiken zu A Spanish Journey:

…sind online kaum zu finden. Doch als Jacobs Anfang 2014 61jährig an Krebs starb, schrieb der Guardian im Nachruf Sätze, die auch zu diesem Buch passen:

„The world lost one of its most contagious and mischievous smiles, and twinkliest but keen-sighted pair of eyes… Michael would not write until he had a full story to tell, and was convinced that its truth was stranger than any fiction“

Lesenswerte Nachrufe auch hier, hier und hier. Andalusien-Auswanderer Chris Stewart widmet sein 2014er-Buch Last Days of the Bus Club Michael Jacobs und beschreibt auch einen Ausflug mit Jacobs.

The Independent meint zu Between Hopes and Memories:

„The book is far more a ramble than a quest… it alternates between moods of profound literary inquiry, wry contemplation and hangover… The worst part of the book is Jacobs‘ persistent flirtation with the picaresque. There is something faintly embarrassing about his frequent nights on the tiles, spent with companions hazily alluded to… It is my only complaint. For the rest Jacobs is an engaging, wonderfully informative and ever-surprising companion… His eye is clear, except on mornings after, his style is sceptical, and one feels throughout that what he writes is true“

Treffende Stimmen vom Rückumschlag:

  • Ian Gibson: „Quizzical, well-informed, rich in human interest… entertaining and compulsively readable“
  • Times Literary Supplement: „A gift for finding exotic corners and of reuscitating the forgotten with colourful intensity
  • New Statesman and Society: „Funny, learned and beautifully written


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