Reif für die Inseln. 4979 Kilometer Gegenwind: Radeln in Neuseeland (Fragment, 1995) [Story auf Deutsch]

Gefälle voraus. Juchuh, denkst du, jetzt nur noch tief durchschalten, dann lassen wir es sausen. Du schiebst dich über die Kuppe und spürst schon die Beschleunigung… Doch dies hier ist Neuseeland: Die Topographie mag dir geneigt sein – die Winde sind es nicht.

Wwwwusch – du rauschst vor eine unsichtbare Wand. Es verschlägt dir den Atem. Gegenwind, wieder mal. Du stemmst dich gegen die himmlischen Kräfte, schaltest runter, strampelst in einem lächerlich kleinen Gang gen Tal. Ein paar Schafe nebenan stecken ihr zotteliges Hinterteil in den Wind und lassen sich durchpusten. Geduckt kämpfst du dich vorwärts, geduckten Gräsern und Büschen entgegen.

Mein Kampf mit den Elementen des Fünften Kontinents beginnt gleich hinter Auckland, dort, wo alle Übersee-Touristen niederkommen. Auckland liegt im Norden der Nordinsel. Also radle ich nach Süden. Einzige Piste: der tosende State Highway 1. Es regnet.

Plüschsessel und Highways

Es regnet sich ein, so daß ich mir den Plan vom wilden Zelten abschminke. In Hamilton steuere ich triefend die Jugendherberge an und bin angenehm überrascht: hier schlafen nicht mehr als vier in einem Zimmer, und Nachtruhe, Ausgangssperre oder sonstige Kasernenallüren gibt es nicht. Nach einer heißen Dusche mische ich mich unters Publikum; das bevölkert zwanglos die Plüschsessel im urigen Wohnzimmer.

Nebenan in der Küche kippe ich ein Pack Nudeln ins Wasser und setze mich mit dampfendem Teller in die gute Stube. Ah, das tut gut; Regen und Autolärm, diese Enttäuschungen meiner ersten Neuseeland-Etappe, verblassen, ich fühle mich wohl. Sogar eine Gitarre lehnt in der Ecke und verhilft meinen Fingern zu Bewegung.

Anderntags klart es auf. Kette ölen, Karte studieren, dann geht es weiter Richtung Süden. Diesmal aber auf Nebenstrecken.

Ich radle durch Mischwälder und Fichten-Monokulturen. Durch Kleinstädte mit Schachbrett-Geographie. Bin ich dafür 30 Stunden geflogen? Platte Igel, Shell-Tankstellen und Kellogs Cornflakes im Supermarkt – lohnt sich der Weg? In Tokorora verlangt mein Magen einen Stop.

Auf drei Millionen Neuseeländer kommen 60 Millionen Schafe, die gegessen werden wollen: Gar nicht so einfach, als Vegetarier hier ein passendes Billiglokal zu finden. Schließlich entdecke ich einen Spezialladen für gefüllte Kartoffeln. Auf Einladung des Managers hieve ich mein schwerbepacktes Luxus-Rennbike einfach in die gute Stube.

Drinnen bin ich der Star. Gäste und Gastgeber fühlen sich geehrt, daß einer ihretwegen um die Welt fliegt. Ich muß ausführlich von meinen zweitägigen Radl-Erfahrungen berichten. Dann füllt der Manager für mich ein Los aus – er möchte, daß ich bei der Weihnachtslotterie ein Auto gewinne.

Abends will ich endlich in freier Wildbahn zelten, habe aber Schwierigkeiten: Jede kleine Lichtung ist abgezäunt, für oder gegen die Schafe. Am Rand eines Feldwegs finde ich ein lauschiges Plätzchen. Ein Tankwart macht sogar extra nochmal den Laden auf, um mich mit Wasser und Brennstoff für den Benzinkocher zu versorgen. Beim Abendessen und beim Frühstück stapfen ein paar Jäger und Bauern vorbei. Aber sie finden es viel normaler als ich selbst, daß hier einer sein Lager aufschlägt, und wir wünschen uns einen schönen Tag.

Auf Nebenstrecken nach Peep-o-day

So rolle ich tagelang über rauhen Asphalt, vorbei an Kihikihi, Peep-o-day und Mangapipi; durch Felder und Wälder mit Schafen und Kühen. Ich halte mich nur noch an Nebenstrecken, auch wenn das Extra-Kilometer bedeutet. Auf diesen verlassenen Sträßchen fröne ich verbotenen Freuden und spiele ein bißchen Rechtsverkehr. Kommt mir doch mal ein Auto entgegen, trolle ich mich halt auf die linke Straßenseite – und grüße zurück.

Will ich mehr Kontakt, brauche ich nur an einer Kreuzung anzuhalten, zum Beispiel dort, wo Hicks Road und Luck at Last Road aufeinanderstoßen, und auf die Karte zu gucken. Sobald mit wehender Staubfahne ein Auto herangenaht ist, wird es stehenbleiben: „Hast du dich verfahren? Brauchst du Hilfe? Wo kommst du her?“

Kurz vor Taupo bläst es mal wieder aus dem Vollen. Mal wieder von vorn. Ich setze mich in eine geschützte Hofeinfahrt und packe eine Stulle aus. Schon stiefelt die Bäuerin heran. Ich will mich grade rechtfertigen, warum ich hier auf ihrem Grund Brotzeit mache, da läd sie mich ein: „Wir haben nebenan noch ein Häuschen, da kannst du gern ein paar Tage bleiben.“

Diese Einladungen – sie kommen echt häufig – werten die Tour auf und machen das Allein-Reisen viel erträglicher; dennoch nehme ich sie oft nicht an: Nach 130 Kilometern Gegenwind mit 25 Kilo Gepäck bin ich viel zu fertig für Smalltalk und Familienanschluß; ich will nur noch im Zelt liegen, einen dampfenden Eimer Gekochtes aufsaugen und selig entschlummern.

Anderen Radlern geht es ähnlich: „Ich mach schon kaum noch ’ne Pinkelpause“, erzählt eine Bayerin, „sonst halten die gleich an und wollen mir helfen.“

Am riesigen Taupo-See genieße ich erstmals blauen Himmel. Und weil überm Südpol das Ozonloch klafft, nimmt die UV-Strahlung gleich rapid zu. Schon in den ersten, grauen Tagen meiner Tour mußte ich mir dreimal täglich Faktor 25 auf die Poren schmieren – und fühlte mich abends doch leicht angesengt. Gegen das Bilderbuch-Wetter am Taupo-Gewässer hilft die Chemie gar nicht mehr: dicke Pusteln auf den Handrücken melden Sonnenallergie.

Soll ich denn mit Handschuhen radeln? Ich weiß, Schulkinder dürfen mittags offiziell nicht in die Sonne, die Farmer auf dem Acker sollen Hut und langes Hemd tragen. Aber beim Radeln sehe ich sehr wohl, daß sich niemand daran hält – und ich tu’s auch nicht. Die prächtige Sonne zieht alle magisch an. Neuseeland hat eine der höchsten Hautkrebsraten der Welt.

Vulkan-Massive im Ginster-Meer

Majestätisch ragen hinterm Lake Taupo die Vulkane des Tongariro-Parks auf. Solitäre Brocken, der N_¿__?_, der _¿__?_ und der _¿__?_, strecken sie ihre schneebedeckten Häupter in den tiefblauen Himmel. Die unglaublich klare Luft macht sie aus 100-Kilometer-Distanz zum Greifen nah. Und mein Weg führt mich direkt dran vorbei: an enormen, weißen Massiven, die aus einem gelb flammenden Ginster-Meer in den Äther wachsen. Ein Paradies für Wanderer und Skiläufer.

Hier erheben sich, mit rund 2800 Metern, die Höhe-Punkte der Nordinsel, die mit ihren _¿__?_ Quadratkilometern etwas größer als Deutschland ist. Ein richtiges Gebirge, so wie auf der ähnlich großen Südinsel, gibt es nicht. Aber deswegen radelt sich die Nordinsel keinesfalls einfacher: die Vulkane haben das ganze Land in lauter große und kleine Falten geworfen. Es geht rauf-und-runter, rauf-und-runter, und dann zur Abwechslung runter-und-rauf. Selbst wenn die Straßen auf der Landkarte mal keine Höhenlinien queren, führen sie nicht etwa durch die Ebene. Es handelt sich dann nur um lauter kurze Steigungen und Gefälle, die sich heimtückisch zwischen den 100-Meter-Höhenlinien verstecken. An diesen Höhen und Tiefen der Nordinsel führt kein Weg vorbei. Nieder mit den Höhenlinien, denke ich, und pflüge schnaufend durchs Hügelland.

Bis mich eine Schafherde aufhält. Da geht gar nichts mehr. Der Weg ist verstopft mit Zotteltieren; ihnen folgen ein paar bellende Hunde und ein Bauer auf dem Traktor. An mir vorbei trauen sie sich aber auch nicht – bis die Hunde Druck machen. Da drängen die hintersten Schafe nach vorn, und die vorderen stehlen sich ängstlich an mir vorbei. Schließlich kommt der Farmer angerollt und interessiert sich gleich für meine Tour.

Er erzählt, daß es jetzt zum sheep-shearing geht. Das Schafe-Scheren kenne ich noch gar nicht. Noch bevor ich nachfrage, bin ich auch schon eingeladen.

Eine ziemlich rauhe Prozedur. Durch eine kleine Türe werden die verschreckten Tiere einzeln aus ihrem Pferch gezerrt. Die shear-gang – ein paar junge Männer, die von Hof zu Hof ziehen – fackelt nicht lange: das Schaf wird unter den Vorderbeinen gegriffen und mit einem überdimensionalen Rasierapparat kurz und klein geschoren. Blut rinnt auch. Schülerinnen fegen die Wolle in große Säcke. Das nächste bitte.

Und dann bleibe ich in Eketahuna hängen. Schonmal gehört? (Ich auch nicht.) Es regnet Tag um T

 

 

 

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