Rezension Nostalgischer Vietnam-Film: Der Duft der grünen Papaya (1993) – 2 Videos – 8 Sterne

Die verklärte Geschichte eines armen Hausmädchens in Vietnam ab 1951 – erst ist sie etwa zehn Jahre alt, dann 25.

Ein betörendes Kammerspiel – und Kamera-Spiel:

Denn Meister der Linse Benoît Delhomme ist einer der Stars in diesem Vietnam-Nostalgie-Film. Wunderschön stimmige Bilder, erdige Farbkompositionen, endlose lässige Kamerafahrten durch loftig-luftig-tropische Wohnhäuser, sinnliches Tasten über Deko-Details und Frösche auf Topfpflanzen…

Man träumt sich einfach weg in dieser Atmosphäre, Bildwelt, möchte sogar noch einmal nach Saigon… aber man kann es wohl auch für Kitsch und Verklärung halten.

Aber „Kammerspiel“ trifft es auch:

Denn „Der Duft der grünen Papaya“ (engl. „The Scent of the Green Papaya“) spielt meist in – wenn auch luftig-durchlässigen – Familienhäusern. Die wenigen Straßenszenen riechen mehr nach Filmstudio als nach Saigon anno 1951.

Das fortwährende Vogelgezwitscher und Verkehrsrumoren im Hintergrund klingt nach käuflich GEMA-freier Klangtapete. Tatsächlich entstand das komplette Werk im Studio bei Paris. Aber egal:

Selten passierte in einem Film so wenig und selten habe ich so den Atem angehalten:

Kein Hindi-Film (auch nicht die alternativen von Mira Nair, Aparna Sen und Shyam Benegal oder die Dorfgeschichten aus Kerala) hat mich je dermaßen gepackt. Die zehnjährige und die 20jährige Hausdienerin Mui agieren traumwandlerisch sicher, mit intim beobachteter Anmut. Ebenso plastisch die tragisch-gefasste Mutter, die ältere Dienerin Ti, der abtrünnige Vater, die jungen Söhne und die, zunächst, frohgemute Komponistenverlobte.

Gut sehen die Darsteller auch noch aus aus, und zwar natürlich, unglamourös gut. Verblüffend: alle außer Trân Nu Yên-Khê als 20jährige Mui (tatsächlich Frau des Regisseurs Anh Hung Tran) sind Laien, die sonst kaum irgendwo auftreten; sie hatten vor den Dreharbeiten einige Monate geprobt.

Ein paar Nachteile gibt’s auch, sie drücken die Wertung:

  • die etwas studiohafte, allzu malerisch schwül-tropische Atmosphäre
  • die Abwesenheit von Handlung
  • der überwiegend allzu liebevolle Umgang miteinander (außer Sohnemann vs. Ameisen und Sohnemann vs. Dienerin)
  • der etwas unrealistisch liebevolle Blick auf Krabbeltiere und Frösche
  • teils über-dramatische Musik
  • „far more style than substance“ (Washington Post)

So wirkt der Film mitunter hohl. Aber wer gepflegte Indochina-Atmosphäre schnuppern will, ist hier allemal besser bedient als mit „Der Liebhaber – Indochine“.


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