Rezension Meta-Naipaul-Buch: Sir Vidia’s Shadow: A Friendship Across Five Continents, von Paul Theroux (1998) – 7 Sterne

Der weltbekannte Weltautor Paul Theroux schreibt über seine jahrzehntelange Bekanntschaft mit dem noch weltbekannteren, neun Jahre älteren Weltautor V.S. Naipaul. Theroux nennt es sogar ständig „Freundschaft“.

Missgünstige Schreibe:

Theroux schildert Naipaul keinesfalls freundlich, man könnte auch sagen missgünstig. Vielleicht war das zu erwarten: Bei allen Ähnlichkeiten im Werk der beiden Meisterschreiber war Naipaul erfolgreicher, anerkannter, bekam mehr Preise, schon vor der Nobilitierung 2001 – und das zu Recht.

Theroux präsentiert Naipaul (1932 – 2018) als Restaurantrechnung-Allergiker, als exzentrischen, rassistischen, snobistischen, misogynen Zwerg, der keine Götter neben sich duldet, der allerdings laufend auch skurrile, unterhaltsame Tics und Bonmots produziert, die kurzweilige Lektüre garantieren. Theroux schont sich auch selbst nicht, wenn er etwa speicheltropfend beschreibt, wie es ihn nach Patricia Naipaul und anderen Ehefrauen gelüstet.

Schon in früheren Büchern wie Mein anderes Leben schrieb Paul Theroux (Vater von Louis Theroux) über sich in einer irritierenden Mischung aus Wahrheit und Fiktion. Aber da tauchten keine Prominenten auf, zumindest nicht mit Klarnamen.

Dichtung oder Wahrheit?

Offenbar hat Theroux auch in seinem Naipaul-Band Sir Vidia’s Shadow Dinge erfunden, die für den Leser realistisch klingen. Wer die „Wahrheit“ über Naipaul lesen will, nimmt eher Patrick Frenchs exzellente und von Naipaul anerkannte Biographie. French widerspricht Therouxs Sir Vidia’s Shadow in mindestens vier markanten Details und zitiert ergeben-devote Theroux-Briefe an Naipaul (French durfte Therouxs Briefe im Naipaul-Archiv lesen; Theroux selbst durfte seine eigenen Briefe nicht lesen). Naipaul selbst äußert sich nicht zu Sir Vidia’s Shadow.

Einmal mokiert sich Theroux leicht darüber, dass Naipaul bestimmte Mitbringsel aus Afrika begehrt. Nur bei French erfahren wir, dass Theroux zuvor Naipaul aufgefordert hatte, sich etwas zu wünschen.

Bei French erscheint Naipaul noch schriller als bei Theroux. French ist zwar gut lesbar, doch wegen seiner überbordenden Faktensammlung nicht so gut lesbar wie Theroux – der es womöglich mit der Wahrheit nicht so genau nimmt. Theroux lobte Frenchs Naipaul-Biographie in der englischen Times (nicht mehr ohne Anmeldung lesbar), wohl auch, weil French das negative Naipaul-Bild von Theroux mehr als bestätigt; im selben Artikel räumt Theroux kleinere dichterische Freiheiten ein.

Man sollte Sir Vidia’s Shadow daher wohl als gelungenen Roman und nicht als wirklichkeitsgetreue Biographie einer „Freundschaft“ lesen.

Bericht aus Afrika:

Theroux und Naipaul begegneten sich erstmals in Afrika. Die Atmosphäre in diesem Buchteil ist dampfig dicht, Therouxs Erzählung beste Unterhaltung für Anhänger des gepflegten Hot Country Reading. Das heiße, leicht heruntergekommene Uganda, später das steife, kalte England, die Käuze in der britischen Provinz. Und immer wieder auch: Probleme und Grübeleien von Autoren, die um Anerkennung, manchmal ums Überleben, aber zudem stets um bestmögliche Ausdrucksformen ringen. Ja, ich mochte die Einblicke ins Schriftstellerleben und die sorgfältigen Gedanken über gutes Schreiben, die nie gelehrt oder langatmig wirken.

In den ersten Buchkapiteln reisen Theroux und Naipaul gemeinsam durch mehrere Länder Ostafrikas. Bevor es Theroux ausdrücklich bestätigt, wird klar, wie und wo Naipaul Inspiration für seine meisterliche Afrika-Erzählung In einem Freien Land sammelte. Tatsächlich wirkt die Afrika-Stimmung bei Theroux ähnlich wie bei In einem freien Land – wohl ein gezielter Anklang.

Theroux erzählt lakonisch-treffend, zunächst mit etwas Amore, mit markanten Dialogen und, für Theroux-Verhältnisse, mit relativ wenig säuerlichem Selbstmitleid. Die Atmosphäre erinnert deutlich an andere jüngere Theroux-Bücher, die ebenfalls in Afrika, London und in der englischen Provinz spielen, so Mein anderes Leben und Mein geheimes Leben oder auch das schwächere Dark Star Safari. Der Ton ist bedächtig, aber nicht weitschweifig, das Auge scharf.

Gut geschriebene Zeitreise:

Motive, die in den ersten Jahren der Bekanntschaft eine Rolle spielten, tauchen drei Kontinente, 30 Jahre und 300 Buchseiten später wieder auf und geben Sir Vidia’s Shadow beeindruckende historische Tiefenschärfe. Wie die Jahre vergingen, denkt der Leser und tastet schüchtern, ob er nach dieser Zeitreise überhaupt noch Haare am Kopf hat.

Sir Vidia’s Shadow gilt als bösartige Abrechnung Therouxs mit V.S. Naipaul. Doch über viele Kapitel bleiben echte Tiefschläge aus. Vielmehr beschwört Theroux immer wieder die „Freundschaft“ der beiden Männer, die ungemütlich eng nebeneinander eine gemeinsame Nische auf dem Buchmarkt beackern. Über die vielen interessanten Kapitel hin verstärkt sich aber der Eindruck, dass Theroux vor allem Naipauls Restaurantrechnungen bezahlen und Naipauls Manuskripte lesen muss. Theroux betont tapfer, wie viel er durch den Austausch immer wieder lernt; er wirkt leicht masochistisch dabei.

Therouxs erste derbe Attacke trifft nicht Großmeister V.S., sondern dessen viel jüngeren Bruder Shiva Naipaul (dessen frühe Trinidad-Bücher mich durchaus an V.S. Naipauls eigene Trinidad-Bücher erinnern). Shiva Naipaul gilt allgemein als der nettere, umgänglichere der beiden ungleichen Brüder, aber Theroux rückt ganz andere Aspekte in den Vordergrund. Säuerlich vergiftet schreibt Theroux später über V.S. Naipauls zweite Ehefrau und erst danach beginnt die Demontage Naipauls mit einer Generalkritik seiner neueren Bücher, zuletzt mit billiger Verächtlichkeit samt Rassismus.

Lady Naipaul:

Der zweiten Lady Naipaul schreibt Theroux auch eine entscheidende Rolle beim Auseinanderdriften der beiden Autoren zu. Theroux traf Nadira Naipaul erstmals 1996 auf dem Literaturfest in Hay-on-Wye; wenig später redeten Theroux und Naipaul nicht mehr mit-, sondern nur noch schlecht übereinander. Allerdings, die Literaturwelt hat es gesehen: Beim Festival in Hay 2011 schüttelten Sir Vidia und Paul Theroux die Hände, Ian McEwan vermittelte es, ein iPhone-Video vom Ereignis steht im Netz (Photo und Bericht hier).

Therouxs Englisch war überwiegend leicht zu lesen, passend zum Schreibstil, es gibt aber für mich ungewöhnliche Vokabeln wie nigrescent. Eine weitere Naipaul-Fiktionalisierung liefert Hanif Kureishi mit Das letzte Wort (2014, engl. The Last Word; bei Amazon.de).


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