Kritik Marokko-Roman: Himmel über der Wüste, von Paul Bowles (1949, engl. The Sheltering Sky) – 6 Sterne

Ein Buch, das länger nachwirkt. Eindrucksvolle Beschreibungen von Landschaften in Marokko, aber auch von Menschen, Gassen, schäbigen Zimmern, schaurigem Essen. Siedlungen und Gebäude bekommen dabei deutlich mehr Gewicht als die offene Landschaft.

Die ungewöhnlichen Hauptfiguren laden kaum zur Identifikation ein. Das zentrale „Ehepaar“ (deutlich an Paul und Jane Bowles erinnernd) lebt zeitweise so distanziert, dass Bowles getrennte Kapitel oder Absätze braucht, um ihre Handlungen zu beschreiben; sie verhalten sich eher wie Zufallsbekannte.

Zeitweise fallen sehr überraschende und offensichtlich unkluge Entscheidungen. Die bizarren Akteure wie auch die seltsamen Entschlüsse nehmen dem Roman Überzeugungskraft.

Meine Vorbehalte:

Längere Buchstrecken beschreiben unangenehme Gefühle und Leiden, doch Akteure wie auch Erzähler wirken eher gleichgültig. Auf interessante, wenn auch seltsame Dialoge folgen ausgedehnt halbphilosophische Gedanken und Diskussionen über Ausgeliefertsein, Nichtsändernkönnen und Nichtsändernwollen (Bowles zieht zum Vergleich Camus, Sartre und Genet heran; ich dachte manchmal auch an Heart of Darkness, Zen and the Art of Motorcycle Maintenance, die Afrika-Romane von V.S. Naipaul und an Bruce Chatwin.

Ich hatte das englische Original, The Sheltering Sky, es war eher leichter zu lesen als andere englische Romane. Ich hätte gern eine Landkartenskizze im Buch gehabt.

Eigentlich interessant, aber:

Ich mag die Dialoge, die psychologischen Einblicke, die Figuren auf der Reise in einer exotischen Umgebung und würde darum gern mehr Romane von Bowles lesen. Offenbar sind seine weiteren, später geschriebenen Romane jedoch allesamt noch düsterer und enthalten eventuell auch mehr Gewalt.

Die Verfilmung hatte ich auf DVD da, doch ich bin nur durchgezappt – auch wenn ich sonst sogar schlechte Literaturverfilmungen sehe, sofern ich den Roman kenne: Die bizarren Figuren mit ihren weltfremden Sprüchen wirken auf der Leinwand noch viel deplatzierter als im Roman; viele edle, aber auch klischierte Bilder, die teils für Studiosus Reisen und teils für Hess Natur Safari werben könnten; immer weit weg vom Buch, oft künstlich, und natürlich ohne die Grübeleien der Figuren. Ein oder zwei Minuten sieht und hört man Paul Bowles als Erzähler im Hintergrund; er verriss den Film später.

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