Malaysia-Roman: Töchter des Monsuns, von Rani Manicka (2003, engl. The Rice Mother) – 5 Sterne

Malaysia im Krieg (aber nicht nur): Tragisches Schicksal unter Palmen

Ein Buch voller Leid, Unheil, Gewalt, Betrug, Niedertracht, Missgunst, Täuschung, Enttäuschung, Kriegsverbrechen, Trauer, Tränen. Geht es zwischenzeitlich friedlicher zu, weisen die verschiedenen Ich-Erzähler doch alle zwei Seiten düster auf ausstehende Tragödien hin. Zusätzlich raunen Wahrsager, dräuen Omen, wabern Traumfiguren. Man denkt zeitweise an einen Groschenroman.

Schlichte Sprache:

Obwohl die Ich-Erzähler immer wieder wechseln, klingen die Erzählstimmen weitgehend gleich – gesprochen wird ein sehr schlichtes, unambitioniertes und gelegentlich altmodisches Englisch, das sich für mich leichter lesen ließ als viele andere Romane, aber auch keinerlei Faszination erzeugte und wirklich hohe Bewertung verhindert (ich hatte die englische Ausgabe The Rice Mother; dt. Töchter des Monsuns).

Obwohl viele Erzähler in diesem Roman aus bildungsfernen Schichten stammen, verwenden sie gelegentlich erlesene Fremdwörter und Dichterworte. Und nicht nur gleichen sich die Erzähler im Tonfall, die Akteure schildern auch übereinstimmende Eindrücke – die Autorin versucht gar nicht erst, durch unterschiedliche, mehrstimmige Wiedergabe eines Ereignisses besonderes Interesse zu wecken. Erst ganz gegen Schluss bricht die Chronologie deutlich auf, erfahren wir Neues über lang zurückliegende Ereignisse.

Lebhafte Hauptfigur:

Die Roman-Hauptfigur Lakshmi ist offenbar Manickas Großmutter nachempfunden. Interessant zu beobachten, wie diese energiegeladene Frau – verheiratet mit 14, sechs Kinder mit 19 – ihre Familie verbissen durch alle Katastrophen steuert, von früh bis spät Gemüsegarten, Hühner, Kühe, Küche und Nähmaschine bewirtschaftet, ihren tumben Mann managt und für alles ein Hausmittel auf Naturbasis hervorzaubert, das Wunden heilt, Haut und Augen verschönert und sogar Asthma kuriert: einfach eine neugeborene Ratte schlucken. Lakshmi begeht jedoch auch schreckliche Fehler.

In einem Interview sagt Manicka:

„(The book industry is) dictated by what people want to read—books that are easy to read, things they can digest for a little while, then go watch their videos or play their computer games.“

Obwohl oder weil das Englisch so schlicht ist, habe ich den 500-Seiten-Roman zügig heruntergelesen. Es gibt interessante Einblicke aus fremden Welten in vergangener Zeit, teils spannende Entwicklungen.

Tamilen, Malaien, Chinesen, Japaner:

Die Hauptfiguren sind Ceylon-stämmige ethnische Tamilen in Malay(si)a, die dort auch mit ethnischen Chinesen und Japanern zu tun haben. Weiße spielen keine Rolle. Ich habe die Entwicklung der Sippe mit Interesse verfolgt, obwohl niemand rundum sympathisch wirkt. Die Familie wirkt nicht ganz so unübersichtlich wie andere Clans in Romanen, dennoch hätte ich mir in meiner englischen Ausgabe einen Stammbaum gewünscht.

Erst gegen Romanende, fast schon in der Jetztzeit, bringen es einige Akteure zu westlich-luxuriösem Lebensstil. Hier betont die Autorin Übernatürliches deutlicher als zuvor und bringt deftige Episoden, die selbst in einer schwül drittklassigen Privatsendermitternachtssoap schrill wirken. Deutlich besser ist die erste Buchhälfte, die sich vor allem auf die Hauptfigur Lakshmi und ihre wachsende Familie konzentriert.

Manickas späterer Roman The Japanese Lover scheint eine teils ähnliche Grundstruktur zu haben und zudem Motive aus The Rice Mother aufzugreifen: Tamilin aus Sri Lanka kommt zur Heirat nach Malay(si)a, dabei fliegen falsche Versprechungen auf, sie durchleidet die japanische Besatzung; wie sie selbst sagte, erfüllte sie den Wunsch des Verlags nach einem Buch, das The Rice Mother ähnelt.

Momentweise erinnert Töchter des Monsuns an Tash Aws Malaysia-Roman The Harmony Silk Factory – Die Seidenmanufaktur „Zur schönen Harmonie“ von Tash Aw, der teils ebenfalls in den 30er und 40er Jahren spielt.


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