Rezension Lustiger Nigeria-Spammer-Roman: Die meerblauen Schuhe meines Onkels Cash Daddy, von Adaobi Tricia Nwaubani (2009) – mit Video – 9 Sterne

Spannend, unterhaltsam, informativ, teils witzig. Oft pfiffig getextet, immer flüssig: Nwaubanis Erstlingsroman habe ich vergnügt fast in einem Rutsch gelesen (dt. Die meerblauen Schuhe meines Onkels Cash Daddy, engl. I Do Not Come to You by Chance).

Es geht nicht nur um Spanner, auch wenn der Roman so vermarktet wird:

Die erste Buchhälfte handelt kurzweilig von den Problemen einer Mittelschichtfamilie in Nigeria, von Teenager-Liebe, Geldsorgen, Korruption und Krankheit. Auch der zweite Teil ist nicht nur eine Beschreibung der Spamwelt: Hier geht es weiter um packende Familien- und Gewissenskonflikte. Lieber ehrlich und bettelarm oder skrupellos und bessergestellt? Nach dem Tod des Vaters muss der Erstgeborene für die Familie sorgen – aber auch mit anrüchigen Mitteln, und gegen den Willen der Mutter?

Nwaubani schreibt atmosphärisch dicht, so dass man nach Zuklappen des Buchs fast aus Nigeria zurückzukommen scheint. Ihr Roman wirkt souverän konstruiert, nur ganz gegen Ende meint man ein paar Flüchtigkeiten zu entdecken.

Die Autorin sagte selbst, dass sie keinen Spammer-Roman schreiben wollte. Sie suchte lediglich nach einem geeigneten Milieu, um bestimmte Konflikte durchzuspielen.

Früh übt sich:

Schon im ersten Buchteil produziert der Ich-Erzähler einmal Spam: Einen Liebesbrief für seinen Verwandten, mehrfach wiederholt an verschiedene Empfängerinnen, bereits in dem leicht eigentümlichen Englisch, das tatsächlich an Inbox-Logorrhoe vom Niger erinnert. Ich hab’s in der Originalsprache Englisch gelesen, ein lässig lakonischer, funkelnder, gut geschliffener Text, köstliches Parlando mit leicht exotischem Tonfall. Das Englisch fiel deutlich leichter als etwa bei Graham Greene oder Hemingway.

Ob das Spammen wirklich so funktioniert wie beschrieben? Die Roman-Opfer aus England oder USA wirken enorm leichtgläubig. Unterhaltsam ist es trotzdem, ebenso wie das großtuerische Gehabe der nigerianischen Spamkönige, die sich Cash Daddy, World Bank oder Pound Sterling nennen und in Jaguaren und Benzen über westafrikanische Schlaglochpisten chauffieren lassen. Möglicherweise sind diese Szenen so realistisch wie ein James-Bond-Film.

Vergleich mit Chinua Achebe:

Chinua Achebe, der bekannteste nigerianische Autor, hat ein paar Parallelen zu Nwaubani: So agieren in allen Romanen vor allem Mitglieder des Igbo- oder Ibo-Stammes aus dem östlichen Nigeria. Sie sind immer für unterhaltsame Sprichwörter und Metaphern gut – in allen Romanen von Nwaubani oder Achebe. Eine Nachbemerkung in der englischen Phoenix-Ausgabe von „I Do Not Come to You by Chance“ legt nahe, dass Nigeria-Spam vor allem von Igbo-Angehörigen kommt. Auch Achebe und Nwaubani wuchsen vor allem in der Igbo-Kultur auf.

Weitere Parallelen zwischen Nwaubani und Achebe:

  • Bei Nwaubani wie auch in Achebes „Der Pfeil Gottes“ (engl. „Arrow of God“) gibt es einen weißen Engländer namens Winterbottom, der keine rühmliche Rolle spielt (bei Nwaubani fällt er nicht nur Spam, sondern auch einem schadenfrohen Wortspiel zum Opfer)
  • Nwaubani wie auch Achebe im gelungenen „Heimkehr in ein fremdes Land“ (engl. „No Longer at Ease“) schildern trostlos überzeugend anwachsende Geldsorgen, die den zunächst zögerlichen, dann immer routinierteren Rückgriff auf anrüchige Verdienstmöglichkeiten auslösen. In beiden Büchern spielen auch teure Statussymbole und Protzerei eine wesentliche Rolle

Weitere gute Nigeria-Romane aus dem heutigen Lagos hat Sefi Atta geschrieben (auch auf Deutsch erhältlich).

Zur Autorin:

Die studierte Psychologin und Ex-Redakteurin Nwaubani stammt aus einer akademisch und literarisch hochambitionierten Familie und schuf einen männlichen Ich-Erzähler – vielleicht, weil sie ihre drei Brüder so mag, meint sie, oder um nicht mit dem Ich-Erzähler gleichgesetzt zu werden. Afrikanische Stimmen sagen, dass Nwaubani hier dennoch eigene Erfahrungen verarbeitete – nicht nur in den weiblichen Figuren, sondern vielleicht auch bei den besonderen Problemen des Ich-Erzählers mit der Verantwortung eines erstgeborenen Sohns: Adaobi, der erste Vorname der Verfasserin, bedeutet Erstgeborene.

Nwaubani holte mit den „Meerblauen Schuhen“ den Commonwealth-Preis für ein Erstlingswerk in Afrika (und setzte sich dabei gegen weitere Nigerianer durch). Sie gilt auch als erste nigerianische Autorin, die aus dem Land selbst heraus auf den Weltbuchmarkt kam (obwohl ich nicht weiß, warum „Things fall apart“ dafür nicht in Frage kommt). Wie Nwaubani online nach einem Buch-Agenten suchte und von Lektoren gefördert wurde, schildert sie in vielen Interviews.

Die englische Wikipedia liefert Links zu vielen aktuelleren journalistischen, englischsprachigen Texten Adaobi Tricia Nwaubanis. Hier spricht die Autorin über ihren Roman im Interview:

Und dieser nigerianische Spammer-Song passt perfekt zum Roman:

Im Roman ist immer wieder von „Mugus“ die Rede – die weißen, ahnungslosen Opfer der smarten nigerianischen Spammer. Ebenfalls von „Mugus“ handelt der unten eingebettete Spammer-Song „I Chop your Dollar“ des nigerianischen Komödianten und Sängers Uzodinma Okpechi (auch Osuofia genannt).

Die Zeile „You be the mugu, I be the master“ kehrt im Song öfter wieder, wenn auch hier falsch untertitelt. Ebenfalls im Buch wie im Song ist von 419 die Rede, einem nigerianischen Anti-Betrug-Paragraphen und ein Synonym für Betrug und Betrüger allgemein. Im Lied heißt es dazu fröhlich: „419 is just a game“:

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