Filmkritik Liebes-Komödrama: Take This Waltz (2011, mit Michelle Williams, Seth Rogen) – mit Trailer – 7 Sterne

Margot (Michelle Williams) ist glücklich verheiratet mit dem etwas biederen Kochbuchautor Lou (Seth Rogen). Da zieht nebenan der attraktive Lebenskünstler Daniel (Luke Kirby) ein, und die beiden entwickeln Gefühle füreinander.

Margot will die Ehe nicht gefährden, aber der Sog zum anderen wird immer stärker. Der größere Teil des Films handelt davon, wie Margot und Daniel im hochsommerlichen Toronto umeinander schleichen.

Alle Zeit der Welt:

Dabei reden sie smart und unterhaltsam. Regisseurin. Autorin und Ko-Produzentin Sarah Polley hat schöne Dialoge geschrieben und zeigt auch längere wortlose Passagen. Die emotionale Kurve wirkt fast nachvollziehbar.

Im Making-of sagt Polley, dass sie einen Film über Verlangen („desire“) machen wollte, das ist ihr gut gelungen. Nicht so realistisch, aber sehr filmi: Sarah Silverman als zynische Alkoholikerin mit coolen Sprüchen.

Mit 1:55 Stunden (einschließlich Vor- und Abspann) ist der Film ausgesprochen lang, ohne dass sehr viel passiert. Jede Szene wird bis ins letzte ausgeführt, Blicke, Dialoge, alle Zeit der Welt. Bei Take This Waltz passt das, der Film erscheint nie gedehnt. Nicht einmal die (wenigen) Traumsequenzen stören (sehr), werden jedoch von einer hektischen Kreiselkamera gestört.

Kleine Beschwerden:

  • die Wohnungen erscheinen zu betont bohémien (Roger Ebert und The Hollywood Reporter merken an, dass keine der Figuren sich die Miete in dieser attraktive Ecke Torontos leisten könnte)
  • die Anspielungen auf Ehebruch, „zwischen den Stühlen“ und „Probleme mit Verbindungen“ gleich zu Beginn sind zu aufdringlich
  • die Mimik von Michelle Williams überzeugt in sehr emotionalen Momenten nicht immer; sonst wirkt sie sehr natürlich und in sich ruhend (Williams im Interview beim Guardian; in Blue Valentine ist sie besser)
  • Seth Rogen erscheint etwas zu eindimensional langweilig-gutmütig, und immer kocht er nur Huhn
  • die Anspielungen auf Schwüle und Sommer mit knappen Kleidchen, ständig klapperndem Ventilator und Straßencafés stören bald
  • Luke Kirby etwas zu glatt beau als Touristenrikschahfahrer und unentdeckter Maler

Der Filmtitel stammt von einem Leonard-Cohen-Song, der auch im Film erklingt.

Der kanadische Indie-Paarfilm Take This Waltz erinnerte mich auch an diese Produktionen:

Zur Bluray:

Meine Bluray hatte deutschen und englischen Ton, den englischen leider nur in 5.1. Untertitel gibt es nur auf Deutsch, zu meinem großen Bedauern nicht auf Englisch (ich sehe englisch gedrehte Filme gern im O-Ton mit E-UT).

Im 37minütigen Making-of (Englisch ohne Untertitel) reden die Hauptakteure vor allem über die Handlung und die Anlage der Figuren – weniger über Praktisches von den Dreharbeiten. In erster Linie sieht man hier die Hauptfiguren sitzen und reden oder es gibt Filmszenen, aber Reportagebilder vom Filmset nur momentweise. Es gibt keinen Kommentar parallel zum Hauptfilm.

Kritiken in der Übersicht:

Der Spielfilm erhielt einige Preise und wurde von Berufskritikern meist gelobt.

Treffende Profi-Kommentare:

  • The New Yorker: „The movie is little but an extended romantic tease leading to an inevitable conclusion which is rendered all the more obvious by a series of plot points displaying the old-shoe ordinariness of the husband … over-intentionalized screenplay
  • New York Times: „The last section of the film may seem a bit fuzzier. There is a moment about 90 minutes in that I was sure was the end, and I still think that stopping there would have made “Take This Waltz” perfect.“
  • Die Zeit: „Der wohl kitschfreieste Beziehungsfilm seit Langem – und eine Liebeserklärung an Toronto“ (mit Details und Karte zu den Drehorten in Toronto)
  • The Guardian, Philip French: „So truthful and honest a film that on the rare occasions it hits a false note or becomes over-explicit or sentimental, it really jars.“
  • The Guardian, Catherine Shoard: „It’s not perfect. Daniel is too much the dream man, all soul and restraint, intense paintings and hunky swimming… But Take this Waltz confirms Polley as a serious, intelligent talent.“
  • Time Out: „There’s a few too many flounces and false notes. The scene in which Margot and Daniel meet is fussy and implausible“
  • Spiegel: „dieser federleicht inszenierte Beziehungsreigen unter Endzwanzigern ist durchzogen von einer Ernsthaftigkeit, die sich erst nach und nach, dafür aber umso eindringlicher offenbart.“
  • Los Angeles Times: „There is so much that is delicate and soft, so much that is hurtful and hard about love“
  • The Hollywood Reporter: „Sarah Polley’s banal second feature is emotionally fraudulent and far too infatuated with its own preciousness… Cute and quirky can get very tired very fast and there’s an awful lot of both here… Polley’s dialogue is so over-written that almost every word out of the characters’ mouths sounds phony. „
  • Variety: „Maximum tension, humor and emotional complexity from a young wife’s crisis of conscience… a few tonal and structural missteps… sexy enough to appeal to discerning audiences of either gender… one of the more personal and persuasive portraits of a modern marriage in recent movies“
  • The Telegraph: „Michelle Williams… glows like a landscape at magic hour in this head-spinning, heart-bursting seriocomic romance“


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