Rezension Länder-Buch-Bericht: Finding George Orwell in Burma, von Emma Larkin (2005) – 9 Sterne

Emma Larkin berichtet über eine Myanmar-Reise auf den Spuren von George Orwell, der dort in den 1920er Jahren Kolonialdienst tat und dann den lesenswerten Roman Tage in Burma schrieb. Larkin erzählt packend von vergangenen und heutigen Zeiten.

Selten habe ich einen Länderbericht gelesen, der

  • so sensibel
  • so informativ und lebendig
  • so flüssig, gut lesbar

geschrieben ist.

Finding George Orwell in Burma hat mehrere große Grundthemen:

  • die Kolonialisierung Burmas seit dem frühen 19. Jahrhundert
  • George Orwells Zeit in Burma (heute Myanmar) 1922 – 1927
  • Bezüge zwischen den Orwell-Büchern Burmese Days, Animal Farm und 1984 einerseits und Burma andererseits
  • Burma/Myanmar als Polizeistaat seit den 1960er Jahren, samt Bezügen zu Nazideutschland und DDR
  • das praktische und intellektuelle Leben in Burma/Myanmar Anfang der 2000er Jahre (alternativer Buchtitel: Secret Histories: Finding George Orwell in a Burmese Tea Shop)

Die Autorin wechselt alle paar Absätze zwischen diesen Themen, findet jedoch so unauffällige Übergänge, dass man es gar nicht merkt. Der Leser ist umgeben vom Palaver in Teestuben, vom Gedröhn der Motorräder, riecht den Muff in alten Mauern und dreht sich vorsichtig um, wenn wieder einmal ein Mitarbeiter der burmesischen Stasi herantritt. (Oder ist es doch nur ein harmloser Neugieriger?)

Geschrieben unter Pseudonym:

Larkin liefert überdies sehr lebendige, teils ergreifende Portraits ihrer Gesprächspartner, charakterisiert eine Persönlichkeit mit wenigen Sätzen markant und menschlich – weitaus subtiler als Orwell selbst in seinen Burmese Days.

Emma Larkin ist ein Pseudonym, das sich nicht ohne weiteres entschlüsseln lässt; ihre Stimme gibt es bei NPR, dort spricht sie auch über ihre Gründe für ein Pseudonym. Die Ausgabe von 2011 enthält ein kurzes, skeptisches Nachwort zu neuesten Entwicklungen, aber da war Aung San Suu Kyi noch nicht auf Europatour gewesen. Über den Zyklon Nargis und dessen Verarbeitung in Myanmar veröffentlichte Larkin 2010 das Buch Life in Myanmar: Everything Is Broken. Hoffentlich liefert sie weitere Berichte zu Myanmar ab Beginn der Öffnung.

Frappierend sind die politischen Witze, die in burmesischen Teestuben und Hinterzimmern kursieren. Warum müssen sie zum Zahnarzt immer ins Ausland reisen? In Myanmar selbst dürfen sie ja den Mund nicht aufmachen.


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