Rezension US-Indische Kurzgeschichten: Fremde Erde, von Jhumpa Lahiri (2008) – 9 Sterne

Die Geschichten aus Fremde Erde (engl. Unaccustomed Earth) handeln – wie auch die anderen Bücher dieser Autorin – meist von indischstämmigen US-Akademikern an der US-Ostküste, dazu ein paar wenige Szenen aus Kalkutta, London und Italien. Ungewöhnlich für Lahiri: Eine Geschichte spielt diesmal in Seattle, aber es musste nur irgendein Ort fern der Ostküste sein, und dann gibt es hier noch ein paar Seiten aus Thailand. Sie schöpft wohl weitgehend aus der eigenen Biographie und nicht nur die Orte, auch die Figuren in den unterschiedlichen Geschichten und Büchern ähneln sich oft.

Was macht Lahiris Figuren so besonders?

Diese Inder, genauer gesagt Bengalen, sind gut assimiliert in den USA und mitunter scheint es, als könnten die Geschichten auch direkt von weißen Amerikanern handeln. Doch die Inder – auch in den USA – haben engere Familienbande als viele Weiße, strengere Sitten, mechanisch arrangierte Ehen, Heimweh, und das erzeugt interessante Konflikte, auch und gerade in den USA. Von diesen Konflikten erzählt Lahiri wie gewohnt ruhig, lakonisch, mit unterkühlter Melancholie, lässigem Gleichmut, doch in höchster Präzision; Dramen spielen sich mit wenigen Worten oder nur indirekt ab; Alkoholismus und tödliche Krankheiten kommen vor, wühlen aber nicht auf.

Mitunter wirkt der Begriff Drama bei Lahiri schon übertrieben, sie seziert eher kleine Verstörtheiten und Irritationen, und dies meisterlich. Äußere Spannung entsteht nur in zwei Geschichten – in beiden Fällen geht es um Dreiecksbeziehungen und eine daraus resultierende besondere Dynamik.

Viel Spannung:

Hatte ich die Figuren einer Geschichte erst kennengelernt, konnte ich kaum noch absetzen. Und schon auf den ersten Seiten einer Erzählung zieht Lahiri sofort in die Handlung hinein. Quality time mit einer Meisterschreiberin.

Die letzten drei, lose verbundenen Geschichten begleiten Hema und Kaushik von der Jugend bis in ihre mittdreißiger Jahre, es ist schon ein kleiner Roman. Speziell die erste Geschichte wäre ohne die Fortsetzung nicht sehr interessant, sie hat auch ein unrundes Ende.

Dieser Jugendbericht hat mich nicht ganz so interessiert, aber generell liefert Lahiri auch hier tolles Hot Country Reading. Diese Hema-und-Kaushik-Erzählungen erschienen auf Deutsch als eigenes Buch, Einmal im Leben.

Noch stärker sind aber die anderen fünf, unabhängigen Kurzgeschichten aus Fremde Erde; sie zählen vielleicht zum Besten von Lahiri überhaupt, sind jedenfalls besser als Das Tiefland und noch beiläufiger, hintergründiger, alltäglicher komplex als The Namesake und Interpreter of Maladies.

Bücher aus Indien etc. auf Hansblog.de:

 



Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.