Kritik Theaterstück: Der Totentanz, von August Strindberg (1901) – 7 Sterne


Zwei resignierte, zynische alte Eheleute beharken sich mit Bosheiten erster Klasse. Die Frau betreibt sogar den Tod des Göttergatten, dieser bescheidet sich zunächst mit einer überfallartigen Scheidung – oder ist die nur vorgetäuscht? Beide ziehen wechselseitig noch einen Freund des Hauses und ihre Kinder ins böse Spiel. „Algen, Schlinggras, Tintenfische, Quallen, Nesseltiere“ wuchern nicht nur am Strindbergschen Meeresstrand (S. 75), sondern lauern auch in den Herzen der Akteure.

Unterhaltsam teuflisches Geplauder liefert August Strindberg (1849–1912) hier, jedenfalls im ersten Drittel. Wie schön, anderen beim Zanken zuzusehen. Kommt denn ein anständiger Mensch auf solche Gedanken? Strindbergs eigene Erfahrung scheint durchzuklingen – Paralleln zu seinem Leben als serieller Ehemann und Schauspielerinnenheirater fallen auf.

Wie in den Strindberg-Stücken Fräulein Julie und Der Vater und wie in einigen seiner Heiraten-Geschichten agiert die weibliche Hauptfigur auch im Totentanz übertrieben selbstbewusst, unschön empowert und teils boshaft:

K u r t. Wie scharfsinnig du wirst, wenn du haßt!

A l i c e. Und dumm, wenn man liebt!

Alices Tochte rühmt ihre eigene „glückliche Anlage, nicht leiden zu können“. So dürfte man das heute natürlich gar nicht mehr schreiben. (Auch nonbinäre, transmigrantische und LGBTQXYZ-Erfahrungen sind sträflich unterrepräsentiert und sollten das Stück an den Twitterpranger bringen.)

Gelegentlich werden Strindbergs Dialoge zu metaphysisch, will der Autor Ideen einbauen, die nicht ganz in die Psychologie passen (ein Unterschied zu den deutlicher naturalistischen, früheren Stücken Fräulein Julie und Der Vater). Manches im zweiten Teil geschieht viel zu rasch (Kurts Pleite, Allans Verschickung nach Norrland); hier dreht der Autor die Handlung brachial in beliebige Richtungen.

Die Eindeutschung von Willi Reich (Reclam) klingt überwiegend kompakt und nicht altmodisch, liefert aber auch Befremdliches wie „Ich weiß nicht, daß wir seit fünf Jahren so etwas wie einen Weinkeller gehabt haben“ (S. 6; mich interessiert, wie die verschiedenen Übersetzungen der deutschen Theaterverlage klingen und ob man womöglich für die Bühne anders übersetzt als für den Nur-Leser daheim).

Verfilmt wurde der Totentanz u.a. 1948 mit Erich von Stroheim, 1967 von Michael Verhoeven mit Lilli Palmer, Paul Verhoeven und Karl Michael Vogler unter dem Titel Paarungen, 1969 m. L. Olivier. Friedrich Dürrenmatt verjazzte die Geschichte 1969 zu Play Strindberg. Friederike Roth machte 2011 einen „Todestanz – Lebenstanz“ daraus. – Ein weiteres Buch mit delektierlich boshaftem Ehekrieg ist Simenons Die Katze.

August Strindbergs Dramen bei HansBlog.de

(1849–1912) Wertung Hansblog
1887 Der Vater

7

1888 Fräulein Julie

7

1901 Der Totentanz

7

1969 Friedrich Dürrenmatt: Play Strindberg

7

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