Kritik Sachbuch: Therese von Bayern. Eine Königin zwischen Liebe, Pflicht und Widerstand, von Carolin Philipps (2015) – 7 Sterne

Carolin Philipps schreibt pep- und schwunglos, aber auch unprofessoral leicht lesbar (sie schreibt auch Jugendbücher). Philipps verzichtet gänzlich auf hohles Blabla oder Verallgemeinerungen, macht Therese und die ihren durch Briefauszüge zeitweise lebendig – ihr Bild wird viel klarer als in Ludwigografien.

Die Autorin rühmt sich im Vorwort der „Auswertung von Tausenden von Briefen Thereses“, und ihr Quellenverzeichnis listet einige weitere Archive sowie zahllose Sekundärliteratur (einen Recherchebericht gibt es nicht). Mein Piper-TB („Originalausgabe“ 2015, 392 Seiten) hat jedoch innen kein einziges Bild, keinen Stammbaum, keine Zeittafel, keine Landkarte, keine Autografen. So klingt speziell die geraffte Geschichte von Thereses Vorfahren unübersichtlich.

Nach Biografenunsitte nennt Philipps nicht bei allen Zitaten den Urheber im Lauftext. So gibt es etwa auf S. 94 gleich zwei nicht identifizierte Zitate über das Kronprinzenpaar – ob die Worte aus der Tagespresse, von Zeitzeugen oder späteren Historikern stammen, erfährt man nur aus den Endnoten 300 Seiten weiter hinten.

Blaublütiger Engel:

Von den Seitensprüngen Ludwigs I. einschließlich der Hochzeitsnacht erzählt die Autorin viel weniger und zurückhaltender als etwa der (sensations)lüsterne Rudolf Reiser, dessen Bodycount Philipps mehrfach zitiert (S. 116, S. 278). Bei Biografin Carolin Philipps ist Therese oft allein auf sich gestellt, muss unsicher selbst entscheiden, hätte aber lieber Ludwigs Ansage; der weilt jedoch immer wieder dienstlich in Wien oder Paris oder auf Lustreise in Bella Italia.

Während andere Ludwigografen Therese als gelegentlich wütend beschreiben, ist sie bei Philipps ein durchweg sanfter, treu ergebener, nie lauter Engel, sie nimmt sich maximal zurück. Dies unterstreichen auch Thereses warmherzig-romantische, ja anrührende Briefauszüge. Davon hätte Philipps noch mehr bringen, sogar Briefdialoge kreiieren können. Interessante Einblicke liefern auch die Erinnerungen der bürgerlichen Theresefreundin Auguste Escherich.

Carolin Philipps beschreibt sehr ausführlich Thereses Herzensgüte, ihr Mutterglück, die Kinderschar (v.a. den Ludwig-Nachfolger Max II. sowie den Griechenkönig Otto) und die Münchner Traumhochzeit mit Ludwig – es klingt fast nach Sissi oder Groschenroman (bis Therese Zahnschmerzen bekommt und Ludwig allein um die Häuser zieht). Philipps will sich in Therese einfühlen und erkennt in ihren frühen Briefen etwa eine

große Ängstlichkeit, einen Fehler zu machen.

Die Biografin diskutiert allerdings nicht, inwiefern Thereses Briefton typisch war für die Zeit und diese Gesellschaftsschicht, wie viel davon Konvention oder Mode ist und wie viel sich tatsächlich über Thereses Wesen erahnen lässt.

Keine politische Dimension:

Von Politik reden Philipps und Therese kaum, und nachvollziehen konnte ich die im Buch erwähnten Kriege und Machinationen nicht. So heißt es auf S. 71:

General Wrede… Rheinbund… Alliierten“

Nach meiner Übersicht wurden diese Begriffe nicht eingeführt (oder ich hab’s übersehen). Warum Ludwig 1818 einer Verfassung zustimmte und damit Macht aus der Hand gab, sagt Philipps auch nicht. Politisch bringt die Therese-Biografie also nichts.

Freilich betont die Biografin ohnehin, wie unpolitisch und unerfahren Therese war (S. 75):

Eine sachliche Kommentierung mit politischer Dimension wird man bei Therese vergeblich suchen

Therese gab den Armen und Hungernden, ohne systemische Mangelernährung und Hartz 4 zu reflektieren (S. 102):

Für sie war es ein Gebot der christlichen Nächstenliebe.

Therese kümmerte sich mit anderen adligen Damen um „Socken und Filzschuhe für die Soldaten“ (Überschrift S. 74) und lieferte meist (S. 75) „Kommentare, die auf der emotionalen Ebene liegen“. Therese war also keine Caroline von Humboldt, Jane Digby-Ellenborough, Michelle Obama, Hillary Clinton, Eleanor Roosevelt, Rosa Luxemburg. Letztlich ist Therese damit zwar eine liebe, aber ebenso wie ihr Mann keine funkelnde, inspirierende Persönlichkeit, und andere Biografien könnten anregender sein.

Manchmal verwundern auch die Sätze der Autorin, etwa (S. 206):

Aber letztlich waren es nur Studentenunruhen, sie hatten keine politische Dimension

Verblüffend ausführlich schreibt Philipps bei aller Politik-Abstinenz ab S. 237 gut ein Dutzend Seiten lang über den Münchner Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken, obwohl Therese dabei keine eigene Rolle spielt (auch wenn sie evangelisch im katholischen München war, sie hat sich nicht in den Streit eingemischt). Sehr ausführlich und klar schildert die Biografin zudem das Drama um Lola Montez und Ludwig, auch hier tritt Therese selbst kaum in Erscheinung.

Heitere Fassade:

Wir erfahren nicht ausführlich, wie Therese die außereheliche Perma-Schürzenjagd ihres Göttergatten rezipierte – zumeist blickte sie offenbar pikiert weg, darum kann Carolin Philipps nicht so viel schreiben. Die Biografin betont ein ums andere Mal, dass Therese ihrem Ludwig eine heitere Fassade präsentieren sollte und wollte (u.a. S. 216).

Erst ab etwa 1834, um die Silberne Hochzeit herum, erhob Therese brieflich deutlicher ihre Stimme, und dann noch etwas deutlicher ab 1846 wegen Lola Montez – beeindruckende Dokumente, und auch hier verlor die Königin der Bayern nie die Contenance, leistete nur „passiven Widerstand“ (Philipps).

Trennfehler:

Philipps entwertet ihren faktenreichen Text gelegentlich durch unnötige Wertungen, die sie dem Leser überlassen könnte, etwa „verständlicherweise“ (S. 288) oder „besonders perfide“ (S. 357).

Ich habe keine üblichen Tippfehler gesehen, jedoch fehlte am Zeilenende immer wieder der Trennstrich, u.a. bei „Kö nig“ (S. 10) oder „wa ren“ (S. 266).

Der Satz

Ludwigs Erzieher Herr von Gagner bekam einen Orden von Ludwig

muss m.E. mit „Luitpolds Erzieher“ beginnen.

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