Kritik Sachbuch: Phantastische Wirklichkeit. Das 20. Jahrhundert im Spiegel des Polit-Thrillers, von Hans-Peter Schwarz (2006) – 7 Sterne

Bekannt wurde Hans-Peter Schwarz durch Biografien zu Konrad Adenauer, Helmut Kohl und Axel Springer. Hier in Phantastische Wirklichkeit kommentiert Schwarz (1934 – 2017) die 13 bekanntesten Politthriller-Autoren, „die Meister des Genres“, für Schwarz gleichbedeutend mit weltweiten Bestsellerkönigen (S. 11 der dva-Hardcover-Ausgabe von 2006). Gemeint sind u.a. Ian Fleming, Tom Clancy, Graham Greene, John le Carré, Eric Ambler, Frederik Forsyth und Robert Ludlum. Eine „Exhumierung“  heute vergessener Thrillerautoren interessiert Schwarz nicht (S. 14).

Gelegentlich nennt Schwarz weitere Autoren außerhalb seiner Auswahl, u.a. neben Le Carré andere Verfasser von Deutschland-Polit-Thrillern.  Kurzauftritte haben auch Karl May und Johann Mario Simmel. Solche Tipps reicht Schwarz teils im Nachwort und in den Endnoten aus. Bestenlisten oder Verkaufshitparaden liefert Schwarz nicht, auch wenn er gelegentlich Verkaufszahlen nennt.

Romanverfilmungen erwähnt Hans-Peter Schwarz, kommentiert jedoch mit einer Ausnahme auf S. 42 weder Qualität noch Werktreue. Ein kleiner Exkurs vergleicht die Wirkmechanismen von Thrillern im Film und im Buch.

Dabei traut Schwarz einigen Autoren viel Sachverstand zu (S. 86):

Aus heutiger Sicht sind diese Thriller zumeist politisch inkorrekt. Ambler schildert die Welt nicht sentimental, sondern so, wie sie ist.

Freilich: Schwarz‘ Buch erschien 2006, die Romane stecken im 20. Jahrhundert fest. Sie behandeln Ost-West-Konflikte und ein paar Dritte-Welt-Themen. Kaum eine Rolle spielen Xi Jinpings China, Putinrussland, Klima, Popularismus, Rassismus, Migration oder Kryptowährung. Eine Art 9/11 erscheint nur als Zukunftsvision von Tom Clancy, und ein Forsyth-Roman endet exakt am Tag der Terroranschläge. „Fanatische Muslime“ (S.272) und „jede Menge von Arabern“ (S. 306) bringt ansonsten nur der Palästinenser-Konflikt in die Literatur. Auch „Feminismus“ (S. 278) erscheint nur bei Clancy, Cyberkrieg nur bei Forsyth.

Lob und Tadel:

Schwarz wagt handfeste Verrisse (bei Ian Fleming „Jugendlektüre für Erwachsene“, S. 153, und „viel Flachware“, S. 134; Forbes‘ „Bösewichte haben keinen psychologischen Tiefgang. Die Dialoge sind flach“, S. 199; Robert Ludlum schreibe „eine redundante Folge schundiger Kolportageromane“, S. 250). Aber auch Lob äußert der der Politikprofessor und Ernst-Jünger-Doktorand Schwarz freigiebig: Ian Fleming sei nebenbei ein guter „Reiseschriftsteller“ (S. 136, wie auch John Buchan), Le Carré ein „großer Könner“ (S.176), sein Welterfolg „verdient“ (S. 162), Graham Greene „der literarisch bedeutendste aller Autoren von Spionagethrillern“, ein Ambler-Roman „hervorragend komponiert“ (S. 79), Forsyth schreibe „akkurat recherchiert“ (S. 217), Clive Cussler „kompositorisch raffinierter als alle konkurrierenden Thriller-Autoren“ (S. 233).

Wie zu erwarten vermeidet Hans-Peter Schwarz souverän den Lieblingsfehler aller bezahlten und unbezahlten Literaturkritiker: er erzählt nicht breit und lang Inhalte nach. Er vermeidet weitere Unsitten: schwafelt keine Allgemeinplätze, verzichtet auf emotionales Schwärmen und Schimpfen (aber nicht auf deftige Urteile).

Schwarz schildert vor allem den politischen Grundtenor einzelner Romane, Autoren oder Autorengruppen („Überblickt man die Gesamtheit der Thriller Forsyths… betrachtet sich der Thrillerschreiber Forsyth insgeheim als eine Art Anti-Le Carré?“, S. 228f), arbeitete Stilbesonderheiten heraus, erwähnt bei Helen McInnes den Verzicht auf sonst übliche Gewaltexzesse, bei Ambler die Konzentration auf unglamouröse, apolitische Hauptfiguren, bei Forbes die positive Darstellung westlicher Geheimdienste, Ambler und Erdmann pflegten „lässigen Zynismus“, Clancy sei Pentagon-freundlich, Ludlum liefere „grelle Effekte, eine wilde Abfolge von Menschenjagd und Mord-Szenen“ (S. 250). Natürlich skizziert Schwarz bei allen wichtigen Romanen die politische, soziale und wirtschaftliche Großwetterlage; Stories, die in der bei Erscheinen nahen Zukunft spielen, gleicht Schwarz mit der tatsächlichen Entwicklung ab.

Der Konservative vom Dienst Hans-Peter Schwarz ordnet die zwölf gewählten Autoren in ein „Rechts-Links-Schema“ ein (S. 10; warum nennt er „Rechts“ zuerst?). Er sortiert die Autoren auch in punkto Handlungs- und Figurenaufbau in bestimmte Fächer. Die Frühgeschichte des Politthrillers lässt Schwarz 1821 beginnen. Diese erhellenden übergeordneten Betrachtungen verteilt Schwarz unübersichtlich – auf Vorwort, Hauptteil, Nachwort, Autorenlexikon und üppige Endnoten.

Keine Literaturkritik:

Schwarz schreibt keine übliche Literaturkritik, auch wenn er bei Le Carré gelegentlich komplizierte Plots und ausufernde Dialoge, bei anderen Autoren politische Belehrungen moniert. Umfassende Werkschauen liefert Schwarz ebenfalls nicht. Meist kommentiert er über je rund 25 Seiten zwei bis fünf Bücher pro Autor.

Schwarz pickt signifikante biografische Phasen der Autoren heraus, die oft selbst in Geheimdienst, Armee oder Diplomatie arbeiteten: So weist Schwarz darauf hin, dass John Le Carré 1947 für die britische Armee in Wien war – just im Geheimdienstsumpf, den Graham Greene im Dritten Mann beschrieb. Eric Ambler schrieb über die Atombombe neun Jahre, bevor sie fertiggestellt und eingesetzt wurde. Roberd Ludlum war bei den Marines, Forsyth war Bomberpilot und Reporter, Erdman saß in Basel im Gefängnis, Erskine Childers starb vor einem Erschießungskommando.

Bei John Le Carré interessieren Schwarz vor allem die Bücher aus den 1960er Jahren, die in Deutschland spielen, insonderheit lobt Schwarz den Spion aus der Kälte. Überraschend: Sein Le-Carré-Kapitel überschreibt Schwarz mit einem an Greene angelehnten Titel „Lauter ausgebrannte Fälle“.

Schwarz lästert immer wieder über Graham Greenes angebliche Linksneigung, schreibt ihm aber auch das Verdienst zu, den ersten modernen Dritte-Welt-Thriller geschrieben zu haben, der zudem erstmals Kolonialkriege thematisiert (Der stille Amerikaner; nur im Ambler-Kapitel erwähnt Schwarz auch Eric Ambler als Dritte-Welt-Erzähler); mit Unser Mann in Havanna liefere Greene eine bemerkenswerte Spionagesatire, die – ungewohnt – den eigenen britischen Dienst veräppelt. Schwarz‘ Häme bei Greene rührt vielleicht auch daher, dass er sich stark auf Michael Sheldens hämische Greene-Biografie stützt (aber auch Sherrys geschwätzige Greene-Biografie erscheint in den Endnoten).

Sprachliches:

Hans-Peter Schwarz schreibt meist flüssig und vollmundig („unser Buch möchte unterhalten“, S. 15) und zitiert en passant Ringelnatz, Shakespeare oder Thomas Mann, sieht den Sagenhelden Odysseus als „Urvater aller Geheimdienstleute“ (S. 268). Das dva-Hardcover-Buch ist unaufdringlich gut produziert. Gerade bei dieser Qualitätsmannschaft überraschen einige sprachliche Mängel. Dazu gehört zu viel Passiv, etwa gleich zweimal auf Seite 181:

…ins Bewußtsein einer breiten Öffentlichkeit gerückt worden

…in die Strudel von Währungskrisen hineingezogen worden

Das ginge ansprechender aktivisch. Auch sterile No-No-Phrasen wie „bezüglich“ (S. 192) oder „erfolgte“ (S. 196) erscheinen mitunter, der Shakespeare-Spruch „von keines Gedanken Blässe angekränkelt“ steht mindestens drei Mal im Buch (u.a. S. 279).

Dazu kommen weitere Enttäuschungen, u.a. dieser Satzausschnitt (S. 134):

…, daß er auf den tadellos aussehenden, sportlichen, kühlen, trinkfreudigen, allzeit zur Liebe bereiten und bei allem stillvollen ((sic)) Superman James Bond…

Hier stört nicht nur „stillvoll“ allein (auf S. 144 steht das Wort viermall korrekt), sondern auch dessen gemeinsames Auftreten mit dem sehr ähnlichen „tadellos aussehenden“. Auf S. 154 steht mit Trennung „Einschleu-ßung“. Wiederum auf S. 134 gibt’s ein mehrzeiliges Ian-Fleming-Zitat, dass in den Endnoten 1:1 erneut erscheint – reicht nicht ein Mal? Was meint Schwarz mit einem „darstellerisch ziemlich mißglückten Buch“ (S. 65) oder „darstellerisch recht ungleichwertigen Thrillern“ (S. 196)? Auf Seite 179 schreibt Schwarz:

Doch daß die Munterkeit aufgesetzt ist, vermag niemanden zu täuschen.

Gemeint ist sicher etwas grundsätzlich anderes, z.B. „Doch die aufgesetzte Munterkeit vermag niemanden zu täuschen“ oder „Doch daß die Munterkeit aufgesetzt ist, ist leicht zu bemerken“.

Wie auch in anderen Büchern, v.a. seiner Kohl-Biografie, streut Schwarz zu viel aus dem Englischen Herübergedeutschtes ein: die „anämische“/“feindliche“/“schöne“/“schöne blonde“ „Heroine“ (S. 48, 55, 121, 137, 174, 175, 179, 293, für weibliche Hauptfigur), „die Intelligence“ (S. 92), „vitriolisch“ (S. 109), „unzeremoniell“ (S. 199), „sensitiv geschrieben“ (S. 176), „kontinentales Europa“ (S. 120), „West Indies“ (S. 226), „Proliferation“ (S. 227), „Akronym“ (S. 231), „Assortiment“ (S. 275), „exzellieren“ (S. 291), „Menukarte“ (sic, S. 295), „serialisiert“ u.ä. (S. 285, 335) oder eitle Fremdwörter wie „Médisance“ (S. 160)

Bei der Greene-Verfilmung Der Dritte Mann redet Schwarz von der „sentimentalen Zithermusik Alexander Kordas“ (S. 159); Kordas war Produzent und vielleicht Entdecker, aber nicht Urheber des nervtötenden Geschrammels.

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