Kritik Sachbuch. Dagmar von Gersdorff: Marianne von Willemer und Goethe, Geschichte einer Liebe (2003) – 3 Sterne

Dagmar von Gersdorff scheint die Goethe-Marianne-Geschichte als bekannt vorauszusetzen: Sie erzählt mit vielen kleinen, irritierenden chronologischen Sprüngen. Fragen bleiben immer wieder offen, und der Leser kann nur hoffen, dass die Autorin verblüffend gekappte Erzählstränge später wieder aufgreift.

Ich kenne einige Biografien und weiß, dass deutsche B-Promis oft schlecht biografiert werden (meist schlechter als angelsächsische B- oder C-Promis). Nie habe ich so oft frustriert den Kopf geschüttelt wie bei diesem Buch: von Gersdorff verweigert Übersicht und leserfreundliche Klarheit beharrlich. Sie hat eine zauberhaft-dramatische Geschichte an der Hand, prima Quellen und – vermasselt’s. Nur wegen des hervorragenden Ausgangsmaterials blieb ich dran.

Unbestätigte Vermutung:

Mehrfach kündigt von Gersdorff verheißungsvoll Dinge an, die dann nicht (oder nicht bald darauf) erzählt werden, etwa auf Seite 23:

Die Vermutung wird durch ein überraschendes Ereignis bestätigt, das bald nach der Wiesbadener Begegnung stattfand: Goethe wird daran nicht unbeteiligt gewesen sein.

Und was geschah? Oder Seite 48:

Er war es, der die dramatischen Ereignisse festhielt, welche sich später auf der Gerbermühle abspielten.

Und welche? Der Leser weiß es hoffentlich schon.

Er ritt, schwamm, ritt, schwamm:

Die willkürliche Chronologie führt auch zu Wiederholungen. So sagt von Gersdorff (*1938) auf S. 23:

Einmal, in seinem unglücklichsten Schreiben, hatte Geheimrat Willemer sehr vertraulich versucht, dem Weimarer Freund seine schwierige private Situation zu erklären, in einem Klagebrief

Erst später – auf S. 27 – kommt sie darauf zurück und zitiert das Schreiben ausführlich. Eine seltsame Doppelung. Auf Seite 25 hören wir von Willemers Erschütterung über Goethes Wilhelm Meister. Auf Seite 39 erfahren wir erneut davon. Oder:

((S. 24:)) Er ritt und schwamm

((S. 61:)) ein Mann, der ritt und schwamm

(Ich weiß auch nicht, ob Reiten hervorhebenswert ist.)

Auch der Zeitzeugenbericht

nun erzählte sie, daß in diesem Garten Goethe sie geküßt habe

erscheint nach meiner Erinnerung mehrfach (hier S. 266).

Wohliges Wetter:

Die Sprache ist prinzipiell einfach, allerdings gelegentlich feuilletonistisch angekränkelt („es ist davon zu berichten, wie…“, S. 13), manchmal unschön („vertrat deshalb die Meinung“, S. 41), öfter wunderlich/lyrisch („lebensvoll“, S. 91, „lorbeerbekrönt“, S. 120, „wohliges Wetter“, S. 130, „Liebeserweisen“, S. 135, „widerspruchsvolle Gefühle“, S. 164, „Wunschbefehle“, S. 251) und manchmal falsch, z.B. S. 44 (korrekt „verband ihn mit ihm“):

Seit ihn der junge Jurist ((…)) beraten hatte, verband er mit ihm ein fast herzliches Verhältnis

Oder (S. 126, das „sich“ muss weg, Schreibung und Kursivierung wie im Buch):

Sie unterschrieb sich daraufhin ebenfalls als Suleiha.

S. 150 (Kursivierung der Biografin kennzeichnet Zitat):

Meyer empfing ihn so munter, froh und wohl

Hier muss es heißen „empfand ihn als“ oder „erlebte ihn“, da von Gersdorff nicht Meyers Gefühle meint.

S. 186 (korrekt „seinem“, da Singular beabsichtigt):

indem er seinen Konkurrenten ((…)) den angestammten Platz streitig machte

Vieles bleibt unerwähnt:

Einige Quellen nennt von Gersdorff in den Endnoten, aber unsystematisch zu selten – Fragen nach Quellen oder zumindest Jahreszahlen bleiben wiederholt offen. So heißt es auf S. 128 (Kursivierung der Biografin kennzeichnet ein Zitat):

Für Marianne wurde es die glücklichste Zeit ihres Lebens.

Von Gersdorff sagt hier nicht, wer wann „die glücklichste Zeit“ konstatierte – weder im Lauftext noch in einer Endnote, es gibt hier keine. Oder ist es diesmal gar kein Zitat?

Ein einziges Mal verwendet von Gersdorff doch (warum?) Anführungszeichen (S. 248):

Im September 1829 erzählte sie Goethe „anmutig“ von der Feier

Von wem dieses Wort „anmutig“ stammt, steht weder im Lauftext noch in einer Endnote.

Weitere Beispiele für mangelnde Unterfütterung:

  • „Ein glühender Liebesbrief“ (S. 166) geht an Goethe, „mit großer Eindringlichkeit ((…)) Nichts blieb unerwähnt“. Die Biografin kennt den Brief offenbar, zitiert aber kaum daraus, während sie andere Statements zu ausführlich wiedergibt.
  • Voll „Todtraurigkeit“ und „Verzweiflung“ (S. 176) schreibt Marianne einen weiteren Brief, den von Gersdorff offenbar auch kennt – aber sie zitiert gar nicht Aus Rücksicht auf Mariannes Nachfahren, die ihre Schatzkästlein geöffnet hatten? Dann sollte von Gersdorff das sagen, sonst bleibt der Verzicht auf O-Ton unverständlich.

Einer Endnote entnehmen wir, dass Goethe Mariannes Gedichte für die Veröffentlichung im Divan teils veränderte, und von Gersdorff zitiere nur das Original. Doch sie sagt nach meiner Übersicht nie, wie Goethe veränderte oder bringt eine Gegenüberstellung (Elisabeth Binder bringt mindestens einen Vergleich auf S. 214).

Als Goethe später bei Ulrike von Levetzow abblitzte, berichtet von Gersdorff aus Weimar: „das Gerücht über den fehlgeschlagenen Antrag hatte sich rasch verbreitet“ (S. 216f). Doch was die Weimar-Bubble über Goethes „Suleika“ Marianne von Willemer twitterte und whatsappte – davon kein Wort. Auch Goethegespons Christiane zeigt bei von Gersdorff keine Reaktion, obwohl Goethe Christiane  an ihrem 50. Geburtstags zugunsten Mariannes allein ließ.

Zu ausführlich schildert von Gersdorff die zahllosen Mitglieder von Mariannes Frankfurter Stieffamilie. Sie liefert dazu einige Gemälde-Repros, aber keinen Stammbaum.

Gingko:

Dagmar von Gersdorff bringt einen kurzen Farbbildteil auf Kunstdruckpapier – darunter Briefe und Collagen, die sie bei Willemer-Nachfahren aufspürte – und einige große SW-Bilder in leidlicher Qualität auf ungestrichenem Textdruckpapier. Manchmal kommentiert sie jedoch zeitgenössische Bilder, die sie dann nicht zeigt. Einige längliche Bilder bringt sie auf Querformat-Seiten, für die BU auf derselben Seite muss man das Buch aber wieder ins Hochformat drehen.

Das Buch liefert schöne Goethe-Autografen, fast Kalligrafien. M.E. könnte bessere Bildbearbeitung diese Handschriften lesbarer machen. Wunderlich auch, dass von Gersdorff handschriftliche Goethe-Worte meist in der ursprünglichen, aber gelegentlich in anderer Rechtschreibung wiederholt (z.B. in Goethe-Handschrift S. 112 „Ginkgo biloba… Blatt“; getippt S. 113 „Gingo biloba… Blat“; getippt S. 114 „Gingo Biloba“, getippt S. 140 „Gingko biloba“).

Vergleich der Goethe-Marianne-Bücher von Dagmar von Gersdorff (2003) und Elisabeth Binder (2019):

Dagmar von Gersdorff schreibt eher die Biografie einer historischen Beziehung. Elisabeth Binder betreibt eher Literaturwissenschaft und Lyrikexegese und geht weniger auf Marianne von Willemer ein, zitiert dafür mehr aus dem West-Östlichen Divan.

Binder schreibt lyrischer oder eigenwilliger als von Gersdorff und zieht mehr verblüffende Parallelen zu ganz anderen Werken, Künstlern oder Zeiten. Keins der Bücher ist sehr übersichtlich und einsteigerfreundlich; etwas mehr allgemeine Orientierung liefert von Gersdorff.

Beide Bücher haben einige Farbbilder, von Gersdorff zusätzlich SW-Abbildungen. Von Gersdorff bringt genaue Quellenbelege nur manchmal, Binder gar nicht. Jeweils keine Zeittafel, kein Stammbaum. Mir als Literaturendverbraucher gefiel keins der Bücher sonderlich, keine Autorin erzählt das packende Material wie einen (Sachbuch-)Roman.

*ich hatte das Suhrkamp-Hardcover von 2003

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