Kritik Roman. W. Somerset Maugham: Südsee-Romanze (1932, engl. The Narrow Corner) – 5 Sterne

Mit wenigen Sätzen kreiert W. Somerset Maugham (1874 – 1965) sogleich ein Szenario, in dem der Leser behaglich Platz nimmt – atmosphärischer Schauplatz, interessante und mild sinistre Protagonisten. Da bleibt man gern dabei und freut sich auf den freien Samstagnachmittag.

Show, don’t tell:

Zu ausführlich erörtert Maugham jedoch den Charakter seiner Figuren allgemein, statt ihn durch Dialog und Handlung zu belegen. Er schreibt ihnen allerlei verblüffende, teils widersprüchliche Eigenschaften zu.

So betont Maugham wieder und wieder die Schurkenhaftigkeit von Captain Nichols, ohne ernsthafte Belege, abgesehen von Slangsprache. Show, don’t tell. Erst am Buchende tut Nichols nachweislich etwas für seinen Ruf.

Auch Nichols‘ Passagier Blake betont die Verderbtheit des Kapitäns, reist gleichwohl monatelang mit ihm über die Meere. Und Hauptfigur Dr Saunders steigt zu Nichols ins Boot, obwohl er ihn für einen Schurken hält und Blake ihn vehement ablehnt. Passt das?

Perspektiven:

Maugham erzählt meist aus der Perspektive von Dr Saunders, bricht diese Perspektive jedoch vereinzelt – störend. Andere Dinge, die ohne Saunders passieren, werden Saunders über viele Seiten lang von weiteren Protagonisten berichtet, also Maugham-typische Rückblenden und Perspektivwechsel wie auch in vielen seiner Kurzgeschichten.

Ideal erscheint das hier nicht, die erzählenden Einschübe anderer Akteure sind zu lang. Ein allwissender Erzähler wäre besser für den Roman.

Zudem verlor Dr Saunders seine ärztliche Zulassung, wie mehrfach gesagt wird. Warum, erfährt man nicht – eine Frage, die auch nach der letzten Seite offen bleibt. Einige Rezensenten haben eine Vermutung dazu.

Entertainment:

Der gelernte Arzt Maugham erzählt die Geschichte aus Perspektive des Arztes Dr. Saunders, und er scheint sich mit dem fiktiven Kollegen zu identifizeren (S. 14):

Dr Saunders took an interest in his fellows that was not quite scientific and not quite human. He wanted to receive entertainment from them.

Der Arzt bekommt immer wieder schwülstige Anwandlungen, die den Roman stören (S. 77):

A stark simplicity, as bare and severe as a straight line, filled the soul with rapture. Dr Saunders knew at that moment the ecstacy of the mystic.

Ab der Buchmitte bevölkern weitere Mystikfreunde den Roman, da ist auch von den Veden und Upanishaden die Rede, vom „natural instinct for philosphy“ der Hindus (S. 116) und

Brahma is the only religion that a reasonable man can accept… Yoga ((…is)) only a schismatic branch of Sankhya.

Gegen Ende drückt der Autor seinen Figuren zusätzliche moralphilosophische Dialoge auf. Jedenfalls im englischen Original: die deutsche Romanfassung Südsee-Romanze wurde eventuell um die säuselnden Passagen gekürzt.

Good looking:

Die enge Männer-WG auf dem Kutter bringt Maughams Homoerotik stärker heraus als sonst irgendwo – Entertainment auch hier (S. 77):

Fred Blake stripped his pyjamas and stood on deck naked… Fred turned round. He was tall, with square shoulders, a small waist and slender hips; his arms and neck were tanned… on his lips was the outline of a smile. ‚You’re a very good-looking fellow‘, said the doctor.

Auch Diener Ah King hat seine Reize (S. 76, S. 79):

The boy opened his eyes and his lips broke immediately into the slow smile that gave such a beauty to his young face… slim and graceful

Aber Maugham ist nicht einseitig (S. 120):

((The sarong)) fitted her slim body like a sheath, tight over her young nipples and tight over her narrow hips. Her bosom and her legs were bare. She wore high-heeled green shoes

Später auf dem nächtlichen Balkon (S. 151):

She wore a sarong round her loins, but the upper part of her body was naked.

Denn etwa zur Buchmitte entsteigt die verschwitzte Männercrew der Sammelkajüte und geht auf einer verschnarchten Insel an Land. Dort trifft man weitere Männer – und erstmals auch eine einzelne Frau. Sie bringt Heteroverwicklungen und -rückblenden in Gang, die Maugham pathetisch und verklärt beschreibt.

Reiseerlebnis:

Ich weiß nicht warum, die Sprache scheint mir stumpf und monoton im Vergleich zu vielen anderen Maugham-Texten. Sie ist zunächst nüchtern, ab der Buchmitte jedoch zunehmend schwülstig. Kaum vorstellbar, wie cool im Vergleich dazu Hemingway zur selben Zeit schrieb.

Die erste Bootslandung in einer Lagune mit Bestattung eines verstorbenen Perlentauchers trägt nichts zum Plot bei – sie wirkt wie ein unverbundenes Reiseerlebnis, das Maugham gern unterbringen wollte (und gut erzählt). Später bei einer Beerdigung erscheint offenbar nicht die Figur Louise, die man dringend dort erwartet hätte.

Meine Ausgabe* enthält ein kurzes Maugham-Vorwort, das Teile der Handlung vorausnimmt. Der Text auf dem Rückumschlag verrät weitere Plotelemente. Danke dafür.

*Ich hatte die englische Ausgabe als Vintage-TB mit der unpassenden Party-Titelgrafik „Paris by Night“

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