Kritik Roman. W. Somerset Maugham: Der bunte Schleier (1925, engl. The Painted Veil) – 7 Sterne

Fazit

Liebe, Verrat, Lebensgefahr, Tod und Glaube vor exotischer Kulisse: Das ist großes Kino und immer wieder neu spannend. Autor W. Somerset Maugham entwirft einen Plot mit interessanten Verstrickungen, intimen Zimmerdramen und beklemmenden Dialogen bis zum runden Schluss – feinstes Storytelling-Kunsthandwerk.

Der Autor kredenzt aber auch Kitsch und Schmalz: nicht nur wegen des Mediziners in der Hauptrolle dachte ich an „Arztroman“.

Inhalt

Londoner Schickse heiratet aus Torschlusspanik öden Arzt, begleitet ihn nach Hongkong und betrügt ihn dort mit smartem Karrieristen. Dann folgt sie ihrem Medizin-Mann in ein gefährliches Choleragebiet ins Innere Chinas.

Konstruktion

Wie in seinen fernöstlichen Kurzgeschichten beginnt Maugham plastisch in der erzählten Jetztzeit, blendet dann zurück und arbeitet sich von dort peu à peu in die Jetztzeit vor. Er findet auch ein rundes Ende – man schließt das Buch leicht erschüttert, aber zufrieden.

W. Somerset Maugham (1874 – 1965) schreibt einen kurzen Roman mit kurzen Sätze in kurzen Kapiteln – eine einzige durchgehende Szene unterteilt er bisweilen in drei Kapitelchen. Das liest sich sehr leicht. Zwar geriet manch innerer Monolog zu lang, doch dahinter wartet schon wieder ein neues Kapitel und ein neues kleines oder großes Drama. Der Roman ist über weite Strecken spannend.

Traumehe

Der gehörnte Arzt sagt seiner Frau auf den Kopf zu, dass er sie schon vor der Ehe „silly and frivolous and empty-headed“ fand, trotzdem liebt er sie selbst nach dem Ehebruch. Sie fand ihn immer schon hässlich und fad, trotzdem heiratete sie ihn. Er wusste vorab, sagt er ihr, dass sie ihn „only… for convenience“ heiratete. Realistisch?

Der lange Teil im Choleraheim ist viel zu gottesfromm. Den Unterschied zwischem betrogenem Ehemännchen und glamourösem Ehebrecher betont Maugham zu aufdringlich – Gestalt, Außenwirkung, wahrer Charakter.

Die weibliche Hauptfigur widmet „anything but passing and somewhat contemptuous attention to the China in which fate had thrown her“, und das gilt auch für den Buchautor: Chinesen spielen keine Rolle im Buch, abgesehen vom Kurzauftritt einer Manchu-Prinzessin; sie wirkt jedoch wie nachträglich  angeklebt und beeinflusst die Handlung nicht. (Maugham-Biografin Hastings schreibt auf S. 254 über Maughams zugrunde liegende, lange Chinareise 1919: „His consuming interest was in the expatriate milieu“.)

Sprache

W. Somerset Maugham greift tief in den Schmalztopf:

she felt so defenceless in his virile arms… She could not hold back the sob that choked her… And then he found her lips and the pressure of his upon them shot through her body like the flame of God…

Die Londoner Schickse schmachtet ihren externen Lover an:

„He loves me with all his heart and soul… he means everything in the world to me“… „I’m so lonely and so miserable; I want your love so badly.“

Das Buch kann aber auch bewegen, vor allem gegen Ende, als man den Ausgang bereits zu kennen glaubte.

Ich hab’s auf Englisch gelesen und stieß auf ungewöhnliche Ausdrücke wie pusillanimous, parsimony, K.C., Hobson’s choice, the westering sun, thenceforward. Auch die Satzstellung klingt mitunter muffig-altmodisch. Manche Figuren haben rassistische Gedanken, die man leicht dem Verfasser anlasten könnte.

Verfilmung

Die Geschichte inspirierte Literaturverfilmungen

  • 1934 (mit Greta Garbo (Wiki)),
  • 1957 und
  • 2006 mit Naomi Watts und Edward Norton, Regie John Curran (Wiki).

Diese letzte Fassung hatte ich als Gebraucht-Blueray bestellt, die jedoch kaputt bei mir eintraf. Während der 2006er-Film einige Dialoge fast wörtlich übernimmt (Beispiele bei IMDB), weicht die Handlung deutlich ab, vor allem am Ende (Buch-Film-Vergleich bei dt. Wikipedia, Nobyeni).

Assoziationen

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