Kritik Roman: Privateigentum, von Julia Deck (2019) – 7 Sterne

Julia Deck (*1974) beschreibt lakonisch-bösartig die Vorort-Hölle in einer Pariser Reihenhaus-Siedlung, inklusive „Solarmodulen und Kompostbecken“ und Wüsteneien entlang der Ausfallstraßen. Die Nachbarn plaudern scheißfreundlich über „Komposthaufen oder Flohmärkte“, belauern sich, werden beiläufig läufig und übergriffig. Diesen Albtraum samt giftgrünem Rasen und Autowaschen vorm Haus schildert Julia Deck beklemmend, düster satirisch, momentweise lustig.

Allerdings schwächelt das Romänchen auch:

Das letzte Drittel ist weitgehend ein Kriminalfall, dessen Wendungen ich nicht ganz verstanden habe. Es unterscheidet sich deutlich von den ersten zwei Dritteln, spielt auch gutteils nicht im Vorort. Ich rätsele bis heute, wer welche Verantwortung trägt.

Und: Beide Hauptfiguren sind verschrobener als nötig. Der Mann der Ich-Erzählerin geht seit 27 Jahren zur Psychiaterin, nimmt Psychopharmaka und dämmert teils vor sich hin. Die Ich-Erzählerin selbst gibt sich zu diffus und sagt Dinge wie:

Es kam so selten vor, dass man mir ein Stück Tarte anbot, dass ich nicht einmal wusste, ob ich das überhaupt wollte.

Oder:

Ich ((…)) ging, ohne zu wissen, ob es mir überhaupt gefallen hatte.

Mich würde das Buch stärker beeindrucken, wenn die Hauptfiguren weniger Tiqs hätten.

Stratosphärische Abwesenheit von Originalität:

Dazu kommt, dass die Ich-Erzählerin im Roman durchgehend mit „du“ zu ihrem Mann spricht, als ob sie ihm einen Brief schreibe. Warum sie „du“ sagt, klärt sie bis zum Schluss nicht, auch wenn ich eine Vermutung habe.

Auch die Übersetzung überzeugt mich nicht, etwa beim Wort „Städtebauplanungsbüro“ – redet so eine Architektin? Was sind „Systemscheiterer“? Überzeugen „brachliegende Baulücke“ oder „stratosphärische Abwesenheit von Originalität“? Mich nicht. Profikritiker lobten die Übersetzung.

Wie das Originalbuch auf Französisch heißt (Propriété privée), verrät das rotgewandete deutsche Wagenbach-Sɐlto-Büchlein nicht – guter Stil? Hauptsache, man ist „die schönste Geschenkbuchreihe“ (Verlagsprospekt).

Freie Assoziation:

  • Die TV-Komödien Ein Reihenhaus steht selten allein (Wiki) und Neues aus dem Reihenhaus
  • Langweilige Mittelschichtbürger in Frankreich, irgendwann ein Kriminalfall – das klingt oberflächlich nach einem Non-Maigret von Georges Simenon, ist aber ganz anders
  • Rache per Katzenmord, das erinnert nun doch an Georges Simenons Die Katze
  • Mit „du“ redet die Ich-Erzählerin hier ihren Mann an, aber es erinnert an Geschichten, in denen der Ich-Erzähler mit „du“ sich selbst meint, wie in Bright Lights, Big City von Jay McInerney oder in Lorrie Moores Kurzgeschichten aus Leben ist Glückssache (engl. Self-Help)
  • Fremdgegangen, „nicht einmal, nicht zwei- oder dreimal, sondern viermal“, und ohne gewaltige Konsequenzen – just wie in Nick Hornbys Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst

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