Kritik Roman: Lauras Schweigen, von Paula Fox (1976, engl. The Widow’s Children) – 7 Sterne

     

Es ist eins dieser Familientreffen, das alle Beteiligten lieber mieden: „this ghastly chore, this family matter“. Eine Fünfergesellschaft verbringt einen Abend im Hotelzimmer und im Restaurant. Die Figuren umkreisen sich mit Nebengedanken, Hintergedanken, Erinnerungen und Abschweifungen. Sie ignorieren nach Belieben, sie reden Peinliches – und sonst passiert zunächst nicht viel.

Der Roman liefert die hochaufgelöste Wiedergabe eines Familientreffens. Gruppendynamik und Dialoge schreibt Paula Fox meisterlich, aber sie produziert keine köstlich boshaften Einzeiler.

Zwar hat die Hauptfigur Laura ein frisches Wissen, das sie den anderen Versammelten verschweigt. Doch spielt Lauras Wissen auf den ersten rund 140 von 210 Seiten keine Rolle, man vergisst es fast.

Bis zu dieser etwa 140. Seite wird nur geredet. Das erste Kapitel gilt dem Treffpunkt Hotelzimmer, ein weiteres dem anschließenden gemeinsamen Restaurantbesuch. Zwischen Zimmer und Restaurant palavern die Akteure aber auch, deshalb heißt das zweite Kapitel „Corridor“ (ich kenne nur die englische Norton-TB-Ausgabe von 1999 und kann die Eindeutschung nicht beurteilen).

Etwa auf der 140. Seite bricht Laura ihr Schweigen und es kommt etwas Bewegung in die Handlung, tatsächlich sehen wir in der erzählten Jetztzeit noch drei weitere Schauplätze.

Paula Fox verarbeitet erkennbar Motive und Figuren aus ihrer eigenen Familiengeschichte, so die spanisch-kubanische Abstammung des mütterlichen Zweigs samt replizierter Personenaufstellung und vieler biografischer Details (darunter die Kleider- und Geldgeschenke, die der jungenTochter wieder weggenommen wurden). Die Autorin identifiziert sich eindeutig mit der Romanfigur Clara: Clara teilt nicht nur wesentliche Elemente von Paula Fox‘ Biografie, Fox erzählt auch überwiegend aus Claras Perspektive. (Dass die Erzählerin gelegentlich auch in die Köpfe der anderen Figuren blickt, irritiert.)

Paula Fox entblößt ihr Personal als lieblos, unachtsam, selbst- und alkoholsüchtig. Denkt man an Fox‘ Familiengeschichte und ihre Kindheitsmemoiren In fremden Kleidern, haut die Autorin hier scheinbar erneut ihre verkorkste Familie in die Pfanne.

In der zweiten Buchhälfte franst die Geschichte leicht aus. Dort darf Clara über viele Seiten selbstmitleidig ihre lang zurückliegende Kubakindheit reminszieren, die Einheit von Ort und Zeit gerät aus den Fugen. Sämtliche Familienmitglieder agieren/reden befremdlich bis abstoßend. Der strömende Regen und die schwarzen Wolken im Finale sind zu melodramatisch, Niesel wäre cooler.

Wegen dieser Merkmale fällt es schwer, den Roman trotz aller Meisterschaft entspannt zu loben. Feuilletons in Deutschland und USA priesen das Buch.

Wollte Paula Fox  (1923 – 2017) mit den Namen ihrer fünf Hauptfiguren Verwirrung stiften oder gerade Übersicht schaffen? Die drei spanischstämmigen, blutsverwandten Hauptfiguren heißen ähnlich klingend Laura, Clara und Carlos (die Rede ist noch von einer Alma). Die zwei externen Hauptakteure heißen, wiederum ähnlich klingend, Peter und Desmond, die Rede ist zusätzlich von einem Ed.

Fünf Personen nur im Hotel und im Restaurant – das klingt wie die Vorlage zu einem Budget-Theaterstück. Dort ließen sich aber die vielen Hintergedanken und Erinnerungen an weitere Familienmitglieder nicht ohne weiteres erzählen.

Beim Roman Lauras Schweigen dachte ich auch an:

  • den Spielfilm Wer hat Angst vor Virginia Woolfe, wegen der intensiven, klaustrophobischen Gruppendynamik auf engem Raum
  • den Spielfilm Blue Jasmin wegen der dominanten älteren weiblichen bizarren Hauptfigur
  • Paula Fox‘ Jugendmemoiren In fremden Kleidern/Borrowed Finery, die viele Motive und Konstellationen von Lauras Schweigen/The Widow’s Children enthalten
  • Paula Fox‘ Roman Luisa/A Servant’s Tale, der die Familie aus Lauras Schweigen in jüngeren Jahren zeigt

Paula Fox bei HansBlog.de

      Goodreads* Amazon.com* HansBlog
  Belletristik:        
1970 Desparate Characters Was am Ende bleibt

3,69 (3811)

3,5 (80)

 

1972 The Western Coast Kalifornische Jahre

3,77 (70)

4,0 (5)

 

1976 The Widow’s Children Lauras Schweigen

3,68 (286)

3,4 (10)

7

1984 A Servant’s Tale Luisa

3,67 (114)

3,6 (5)

 8

2011 News from the World: Stories and Essays Die Zigarette und andere Stories

3,65 (74)

5,0 (3)

   

  Memoiren:

2001 Borrowed Finery In fremden Kleidern

3,57 (578)

3,8 (25)

8

2005  The Coldest Winter Der kälteste Winter

3,44 (185)

3,0 (15)

5

   

  Bernadette Conrad: Die vielen Leben der Paula Fox

*Leserwertung (Zahl der Stimmen), Stand August 2019

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