Kritik Roman, Essay: Hintergrund für Liebe, von Helen Wolff, Marion Detjen (2020) – 8 Sterne

Ich mag pathosfreie Romane über Liebe, ich mag Mediterranien; und ich mag Schriftstellerbiografien, sofern die Protagonisten auch außerhalb der Schreibstube was erlebten. All das bekomme ich hier luftig leicht, frisch und lebendig. Fein.

Dichtung

Im Roman Hintergrund für Liebe schildert Helen Wolff ihr südfranzösisches Liebes- und Landleben schmalzfrei mit Herz, feinsinnig, mild selbstironisch, unaufdringlich originell und mit teils unbürgerlichen Ansichten. Eine sympathische, eigenwillige Erzählstimme.

Auf fällt, dass die Ich-Erzählerin gern Ansagen von Männern bekommt:

((Ich)) tue, was ein fremder Herr von mir will: Ich belege einen Platz im Autobus nach Toulon.

Ohne klare Anweisungen fehlt ihr was, so kurz nach einer Trennung:

Ich bin ein paar Tage Frau gewesen und soll jetzt wieder Entschlüsse fassen, tüchtig sein, organisieren, das Räderwerk in Gang setzen ((…)) ich habe mich noch nicht satt gegessen an Abhängigkeit und Versorgtsein

Da klingt die Stimme des nächsten Kavaliers willkommen:

„And now come along kid“, und er schiebt seinen Arm in den meinen

Die große Liebe der Ich-Erzählerin ist ein übergriffiges Arschloch, das an den Twitter-Pranger der Culturcanclerinnen gehört. Die Ich-Erzählerin himmelt es an, über Demütigungen hinweg.

Wahrheit

Dem kurzen Roman folgt ein biografischer Essay der Wissenschaftlerin und Wolff-Verwandten Marion Detjen. Er ist fast so gut wie der Roman, eben so lang und nicht nur ein „Nachwort“ – ich würde dem Roman acht Sterne geben und dem Essay sieben.

Marion Detjen verknüpft oft leicht lesbar die frühe Wolff-Jugend in den 1920er Jahren und Wolffs Leben in Südfrankreich und USA mit der heutigen literarischen Landschaft Deutschlands und überraschenden Querbezügen, gut belegt.

Detjen erklärt verschiedene Romanfassungen, die abhängig von Zeitumständen und Veröffentlichungschancen in den 1930ern entstanden. Lange Briefauszüge untermauern die biografische Fundierung der Erzählung Hintergrund für Liebe und lassen auf die Persönlichkeit der Autorin schließen.

Von Marion Detjen würde man gern auch eine ausgewachsene Biografie zu Kurt und Helen Wolff lesen, sofern sie auf verwandschaftliche Rücksichtnahme verzichtet; doch viele Briefe befinden sich offenbar im Besitz der Nachfahren, Detjens Verwandte ebenso wie Helen Wolff – keine gute Voraussetzung für eine nüchterne Biografie.

Freie Assoziation:

  • Die liebevollen Schnodderschnauzen mit Herz der Ich-Erzählerin und der Romanfigur Wolf erinnern momentweise an Erich Kästner, v.a. an dessen Fabian/Gang vor die Hunde.
  • Hans‘ Blog ist voll von Belletristik und Sachbüchern über Südfrankreich, aber eine rechte Assoziation zum südfranzösischen Hintergrund für Liebe entstand nicht – weder bei Büchern über Bewohner oder Zuwanderer noch über Touristen.
  • Die Freundesclique (Marianne, Wolf) der liebesbekümmerten Ich-Erzählerin erinnert fast an die Freunde des Single-Trauerkloßes Bridget Jones. Der muntere Kumpeltyp Wolf bei Helen Wolff erinnert fast an den schwulen Klischee-Beichtbruder einer jeden unfreiwilligen Singlefrau (wie auch in Bridget-Jones-Büchern).

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