Kritik Roman. Daniela Krien: Irgendwann werden wir uns alles erzählen (2011) – 7 Sterne

Daniela Krien erzählt eine runde, klare Geschichte – Ort, Zeit und (ab dem dritten Kapitel) das Personal sind in sich geschlossen überschaubar. Das Buch endet, wiederum stimmig, mit einer abrundenden Vollbremsung.

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Auf diesem Bauernhof in der thüringischen Provinz leben drei Generationen unter einem Dach, leicht gepatchworkt. Die Atmosphäre mit harter körperlicher Arbeit, großen Tischrunden und kurzen, intensiv genossenen Freiheiten schildert Daniela Krien knapp, aber eindrücklich. Interessant auch die Ossiperspektive im Wendejahr 1990, samt neuen Gerichten, neuen Berufen, Wessibesuch.

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Die zu Beginn 16jährige Ich-Erzählerin gibt sich gern starken Männern hin, sie folgt ihnen „widerspruchslos“ und lobt ihren Freund (S. 14*):

noch niemals hat er mir wehgetan

Es ist gar kein Lob. Die Männer sollen ihr wehtun. Ihr Nächster, 24 Jahre älter als sie – „wirklich ein schöner Mann… ein grober, massiger Körper, mit einer steten Kraft“ – verletzt sie, ihre blauen Flecken muss sie verstecken. Aber sie kehrt gern zu diesem markant müffelnden Grobian zurück, denn sie vermisst „die Erniedrigung dieses Augenblicks und die Lust daran“.

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„Mach mit mir, was du willst“, flüstert sie, „und das tut er dann auch“. Ein Mann dürfte das nie schreiben – und selbst eine Frau… was twittern die Kulturcancler zu diesem undressierten Mann? Was dazu, dass die Grobianmutter von russischen Soldaten brutal vergewaltigt wurde, ein überflüssiges Detail? Oder psychosubtile Anamnese? (Ich bin leider selbst ein Mann, darf mich also nicht dazu äußern.)

„Manchmal reden wir nur“, sagt die Ich-Erzählerin später. Zwar tauschen sie sich gelegentlich über Bücher aus, und der Grobian erzählt die Geschichte seiner Mutter – trotzdem fragte ich mich, worüber sie eigentlich „nur“ reden.

Krien schildert zwei sehr extreme Hauptfiguren, umgeben von vielen gängigeren Typen. In sich wirkt die Geschichte stimmig.

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All das ist mit Heimlichtuerei und Versteck verbunden, denn die Ich-Erzählerin lebt untreu weiter bei ihrem gewaltfreien Freund und dessen Familie. Das bringt Spannung in den Roman. Der argwöhnische Hofknecht scheint die 16jährige zu durchschauen, zu belauern. Es gibt sogar einen Hitchcockschen Fenster-zum-Hof-Moment (eins der wenigen konstruiert klingenden Romandetails).

Weitere Spannung entsteht aus der Frage, wie die Beziehung endet, denn die Heimlichtuer rechnen selbst nicht mit längerem Bestehen. Das letzte Kapitel ist dramatisch und endet, wenn das Drama fast überstanden scheint, mit einer Überraschung.

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Daniela Krien (*1975) schreibt einfaches, angenehmes Deutsch, vielleicht gut für eine 16-17jährige Ich-Erzählerin, die zwar die Schule schwänzt und auf den Abschluss verzichtet, aber zuhause Dostojewski verschlingt. Auf jeden Fall ist der Ton angenehm.

Krien verwirrt mich jedoch in ihrem bestsellenden Erstling mit Tempiwechseln zwischen Präteritum und Gegenwart, die ich nicht verstehe. Mitunter fällt sie innerhalb der normalen Erzählung sogar ins Futur (S. 29):

((…)) ich werde ihn aus dem Umschlag nehmen und lesen: Liebe Mutter, ich ((…))

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Wir steigen die Treppen zu unseren Zimmern hinauf, und Johannes schiebt seine Hand unter mein Kleid.

So (S. 221) mechanisch beginnt bei Krien fast immer der Sex. Geht Ossisex so?

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Ein paar kleinere Schwächen: Die Ich-Erzählerin sagt nicht, wann mit wie viel Abstand sie ihre Erinnerungen niederschreibt, wie lange das Berichtete zurückliegt; dies könnte den Roman noch stärker erden. Sie flicht für meinen Geschmack zu viel Dostojewski-Nacherzählung und DDR-Pionierlager-Rückblick ein.

Mir gefielen aber die kleinen Paper-WhatsApps der Protagonisten zu Beginn der Affäre, verheißungsvolle Andeutungen, fast Drohungen. Doch sie klingen bald aus.

Assoziationen:

  • Daniela Kriens 2019er-Roman Die Liebe im Ernstfall schildert ebenfalls hart zupackende Männer und ergebene Frauen, hier in städtischem Bildungsbürgertum, wieder in klarem Deutsch; beide Bücher könnten stark autobiografisch grundiert sein, aber ich fühlte mich nie autofiktional zugelabert
  • Ich dachte manchmal an Wolfgang Herrndorf – das einfache klare Deutsch, junge Außenseiter in sommerlicher Ostprovinz

*ich hatte das List-TB, 3. Auflage 2015

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