Kritik Roman. Daniela Krien: Die Liebe im Ernstfall (2019) – 7 Sterne

 

Daniela Krien schreibt flüssig in betont einfachem, klarem Deutsch, das nie schwach klingt – stark. Sie verbindet die Leben und Buchabschnitte der fünf Protagonistinnen geschickt und reizvoll. Allerdings kommt die erste Protagonistin, Paula, gegen Ende abhanden, ein Mangel.

Die Autorin liefert kaum Verallgemeinerungen, Reminiszenzen und Blabla, sondern jederzeit konkrete Handlung und Dialog. Dabei nicht nur Selbstmitleid in Prenzlberg, sondern detailreiche Einblicke in weniger Roman-übliche Gefilde wie Arztpraxis, Pferdehaltung, Möbelrestauration, Onlinedating, Schwesternbeziehungen, klassische Musik. Schwerpunkte sind freilich serielle Monogamie, serielles Beziehungsunglück, serielle Untreue, Kinderbetreuung und weibliche Psychosomatik = wenn Frauen zu sehr lieben. Ihr Ost-West-Wende-Thema aus früheren Büchern hält Krien im Zaum.

Das leichte chronologische Zickzack produziert hier keine Cliffhanger, aber interessante Überraschungen, wenn auch momentweise Unübersichtlichkeit. Ein Ausklapp-Organigramm wäre willkommen.

Insgesamt gutes, sogar spannendes Schreibhandwerk.

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Aber auf den ersten Romanmetern gehen zunächst die roten Fahnen hoch: Schon laut Klappe hinten studierte Autorin Daniela Krien „in Leipzig“ (wenn auch nicht Literaturmechatronik), und die fünf Protagonistinnen heißen laut Klappe vorn ernsthaft „Paula, Judith, Brida, Malika und Jorinde“.

Brida heißt übrigens „Brida Lichtblau“ und hat „Hermine und Undine“ zur Welt gebracht. Zu „Jorinde“ gehören „Ada und Jonne“.

Zu Romanbeginn feuert Krien Trendvokabeln ab, „ökologisches Bauen“, „Bioladen in der Südvorstadt“, „das Treppenhaus stand voller Fahrräder“, „die Hausgeburt“. Damit nicht genug: Die Autorin lässt Protagonistin 1, Paula, ein selbstherrliches Ökoarschloch heiraten, Bühne frei für Weißecismännerbashing.

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Ein weiteres Ökoarschloch figuriert in der fünften Episode. Und weitere schwächliche Frauen folgen starken Männern, die auch sexuell hinlangen. Die typische Krien-Frau verspürt „die Erregung, die seine körperliche Nähe in ihr ausgelöst hat… Das Kribbeln im Unterleib… Sie stellte sich vor, seine Frau zu sein“. Und typisch Krien-Mann dann: „Im Bett wollte er Dinge, die sie nicht mochte. Und er wollte sie oft und heftig… seine Neugier ließ sie erstarren.“

Die Krien-Frau widerspricht nicht. Sie ergibt sich hin und switcht den Macker nicht, denn „nichts lag Malika ferner, als zu erobern“.

Mindestens drei Frauen ähneln sich deutlich, Paula, Brida und Malika; Jorinde ist auch nicht so weit weg. Allzu deutlich als Gegenstück zu den sanften Weibchen konstruiert Krien die selbstbewusste, kinderlose Ärztin Judith. Die holt sich Männer bedarfsweise aus der Kneipe und sucht Nachschub online. Glücklich wird auch Judith nicht, denn wir sind chez Krien.

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Liegt’s an den Zeitsprüngen, will’s die Erzählerin so? Es gibt mindestens eine überflüssige doppelte Passage im Buch. Zuerst auf Seite 117*:

Sie hatten sich auf das Nestmodell geeinigt – die Kinder blieben in der Wohnung, und die Eltern wechselten sich ab. Lebte Brida bei den Mädchen, schlief Götz in der Werkstatt, für ihre eigene kinderfreie Zeit hatte Brida ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft.

Derselbe Inhalt auf Seite 183, teils wörtlich wiederholt:

Die Lösung, auf die sie sich einigten, hieß Nestmodell. Sie trennten sich, die Kinder aber blieben in der Wohnung, und nur die Eltern wechselten sich ab. Lebte Brida mit den Kindern, schlief Götz in der Werkstatt, für ihre eigene kinderfreie Zeit hatte Brida ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft.

Mir fällt so etwas unangenehm auf, sogar in einem gedruckten Buch, in dem ich weniger leicht recherchieren kann als in einem E-Text.

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Daniela Krien (*1975) schildert das Immobilien- und Beziehungsgewese der Hipster in Ersatzberlin Leipzig: Das klingt nach Anke Stelling etc. und inhaltlich nach Massenproduktion aus dem Deutschen Literaturinstitut Leizpig. Krien studierte zwar in Leipzig, aber nicht LMtr, Literaturmechatronik.

Verblüffend, dass Romanfigur Brida just am Leipziger Literaturinstitut studiert, dort lt. Krien einen „Diplomroman“ generiert, aber an Leipzigerzeugnissen „überkonstruierte, unglaubwürdige Figuren und Handlungen“ und „auf Stil getrimmte Texte“ moniert – ein Seitenhieb der Krien auf ihre Leipziger Nachbarn?

Jedenfalls schreibt sie besser als der generische Leipziger Literaturmechatroniker. Vielleicht wird deshalb nur Krien in allerlei Sprachen übersetzt (Love in Case of Emergency, Love in Five Acts, El amor en caso de emergencia).

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Teile des Narrativs müffeln nach selbstwehleidiger Autofiktion. Unter anderem präsentiert die Autorin Krien die Protagonistin Krohn – Mann weg, Kind tot, Krohn auch nicht kregel. Protagonistin Brida Lichtblau verarbeitet ihren Beziehungsjammer zufällig in Romanen; deren Inhalt lässt sie von der Ärztin Judith verifizieren – so agierte vielleicht auch Daniela Krien bei Die Liebe im Ernstfall mit der Ärztinfigur Judith.

Das verbindet sich ungut mit dem gefühligen Nachwort: die Autorin berichtet aus dem Diogenes-Verlag von „überwältigender Herzlichkeit. Es war wie nach Hause kommen“. M.E. entwertet das den Roman, sowas twittert man doch (wenn schon) bitte. Dazu noch das betont sensible Autorinfoto in der Klappe.

Tatsächlich erzählte die Autorin der Presse, wie sie reihenweise eigene Erfahrungen ins Buch packte: auch die alleinerziehende Daniela Krien hat wie ihre Figur Paula ein Kind mit Impfschaden, mag wie Judith Reiten und klassische Musik, zerreißt sich wie Brida Lichtblau zwischen Schreiben und Kindpflege. Ich fühlte mich gleichwohl nie (massiv) zugelabert.

Assoziationen:

  • Daniela Kriens 2011er-Erstling Irgendwann werden wir uns alles erzählen schildert ebenfalls einen hart zupackenden Mann und ergebene Frau, hier in ländlichem Thüringen, wieder in klarem Deutsch; beide Bücher könnten stark autobiografisch grundiert sein, aber ich fühlte mich nie autofiktional zugelabert
  • Die Besuche der Notärztin Judith mit Fahrer in fremden Wohnungen erinnern deutlich an die Notärztin im Arztroman von Kristof Magnusson (ein Leipzigabsolvent); beide Romane haben auch das Motiv der einsamen Mutter, die ihren Ex und ihr Kind bei der Neuen besucht (bei Krien gefühliger)
  • Wegen der Konstruktion entfernt Arthur Schnitzlers Theaterstück Reigen

*ich hatte das Diogenes-Hardcover von 2019

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