Kritik Reise-Trink-Buch: The Wet and the Dry. A Drinker’s Journey, von Lawrence Osborne (2013) – 5 Sterne

Lawrence Osborne erforscht in einer Reise, wie man in islamischen Ländern Alkohol anbaut und trinkt, u.a. im Libanon, in Pakistan, Abu Dhabi, Dubai und im Oman. Osborne pflegt einen schnöseligen, pseudokultivierten Ton, als ob er alles aus größter, mild amüsierter Distanz betrachte. Auf Goodreads erhielt das Buch maue 3,4 von 5 möglichen Lesersternen (Stand Juni 2019). Die New York Times lobte es.

Gelegentlich betont Osborne seine eigene Trunkenheit bis hin zum Zittern und zu tagelangen Nachwehen. Während er Italiener und Franzosen gleich auf den ersten Seiten dafür lobt, dass sie nur aus Genuss trinken und sich nicht zudröhnen, sucht Osborne gern das Delirium. Immer wieder stellt er sich selbst als Säufer dar und auch sonst in ein negatives Licht, mit herausgekehrter Mir-doch-egal-was-ihr-denkt-Pose. Nur ein Beispiel von S. 47 (engl. TB-Ausgabe von Harvill Secker/Random House):

I awoke late in the afternoon… I was in the same clothes that i had been wearing for weeks in Beirut, und with a headache so severe that I had to lie there for some time…

Im süffisant distanzierten Ton eines englischen Lords berichtet der Brite Osborne (*1958) aber nicht nur über 40-Euro-Gin-Tonics in Luxushotels und reiht Alkoholbezeichnungen aneinander wie Chicklitautorinnen Modemarken herbeten (S. 58: „Smirnoff, Jim Beam, Magners, Irish cider, Cutty Sark and Pernod… generic Premium Gin and Standard Cognac… Steinlager Edge and Breezers and Gaymer’s beer“). Auch die Namen all der teuren Herbergen, in denen er seine Räusche ausschläft, kann Osborne nicht bei sich behalten. Er erzählt aber ungeniert auch von Bierdosen, die er – misstrauisch beäugt – in libanesische Lammrestaurants hineinträgt. Automarken oder Speisen erwähnt er nicht, Frauen nur in einer Geschichte.

Ohne Alk und ein bisschen öffentliche Selbstdemütigung geht’s nicht. Süffisante, semi-selbstkompromittiernde Sottisen zieren das ganze Buch, am schönsten parliert’s auf S. 37:

Bars in a city that is half Muslim are like brothels in a city that is Catholic… Though come to think of it, Catholic cities are excellent places to find brothels.

Osborne verrät auch Bewunderung für einen schriftstellernden, versoffenen Kauz aus dem 16 Jahrhundert, „died as an indebted dandy“. Dazu passen Osbornes stolz vorgetragene  Geschichten, wie er als bettelarmer Jungschreiber in USA Blauschimmelkäse, Äpfel, Wein und Truthahn klaute.

Mitunter gebraucht Osborne Ausdrücke, die falsch wirken. Aber vielleicht ist das irgendeine versoffene Selbstironie oder es gibt die Begriffe wirklich und man kennt sie nicht: So redet Osborne von Dohar (S. 58), wo vermutlich Doha gemeint ist und nennt Jerez altertümlich Xeres (S. 130); er sagt intoxification (S. 71), obwohl das „fi“ nicht hineingehört (hier wunderte sich auch Observer/Guardian); er setzt Dubai und City State gleich und lässt seine italienische Loverin Französisch sprechen (S. 90, „Drink or amour? Which one first?“); er schreibt nur „lo“, wo man „lo and behold“ erwartet (S. 171); die Beiruter Baufirma Solidere schreibt er mal richtig, mal Solidaire (jew. S. 233). In Thailand redet Bangkok-Bewohner Osborne von „luuk krung country-music ballads“ (S. 168); doch korrekt ist „luuk thung“ („Kind des Feldes“) – Osbornes Begriff „luuk krung“ heißt wörtlich „Kind halb“, gemeint sind Menschen mit thailändischem und westlichem Elternteil (möchte/hat Osborne eins?).

Als Edelfeder schreibt Osborne für allerlei renommierte englische Magazine wie den New Yorker – die haben gelehrte, nüchterne Redakteure und Dokumentare, auf die Osborne offenbar angewiesen ist. Seine Buchlektoren bei Random House trinken dagegen scheint’s gern ab mittags.

Manche Osborneschen Suff-Geschichten wirken wie Nebenprodukte seiner Auftragsreisen zu anderen Themen (der Pakistanbericht erschien offenbar so zuerst im Playboy). Teils produziert er innerhalb einer Geschichte abrupte Themenwechsel oder Themendoppler– das wirkte auf mich, als ob der Autor hier verschiedene Geschichten zusammenflanscht, ohne auf Stimmigkeit zu prüfen. Auf Seite 155 sagt er gleich zweimal „recent(ly)“, obwohl diese unkonkrete Zeitangabe nicht in ein Buch gehört.

Dezidiert lässig verrät Osborne meist ein paar historische und kulturelle Besonderheiten seiner Ziele, zitiert uralte Dichterworte, Sagen, Biochemie, Hausmacher-Psychologie, den Koran und Statistisches. Das klingt aber zusammengegoogelt und als ob er Seiten füllen müsste. Das Buch kommt ohnehin nur deshalb auf 242 Seiten und eine gewisse Stärke, weil es so luftig auf so dickes Papier gedruckt ist. War Osborne zu benebelt für ein paar weitere Stationen oder tiefergehende Beobachtung? Oder pleite? Mindestens sechs Kapitel haben zudem nichts mit der versprochenen islamischen Welt zu tun: sie spielen in Italien, England, der griechischen Sagenwelt, den USA, Schottland.

Oder handelt Osbornes Buch gar nicht ausdrücklich exklusiv von islamischen Ländern? Zwar zeigt der Titel Bierglas und Moschee, auf der Rückseite heißt es „drinking my way across the Islamic world“ und das Schlusswort auf Seite 241 reminisziert „two years drinking in countries which by long tradition had decided against…alcohol“.  Der volle Buchtitel indes verspricht geografisch oder kulturell gar nichts: The Wet and the Dry, A Drinker’s Journey. Darunter darf man dann wohl sogar auch die mindestens drei Kapitel über Osbornes Zuhauses in England und USA verstehen.

Wohlgemerkt, Osborne kennt einige bemerkenswerte Stationen, so die libanesischen und ägyptischen Weingüter oder die bizarre Alkoholpolitik in Pakistan. Doch enden die im herablassenden Dandyton hergesäuselten Episoden immer schon, wenn das Interesse gerade erst aufkam. Und eins der auch alkoholtechnisch interessantesten islamischen Länder besucht Osborne gar nicht: den Iran, wo geschmuggelter und selbstangesetzter Alkohol auf Osbornes Kennermiene gewartet hätte, wenn auch nur in Privaträumen. Und was ist mit Saudi-Arabien?

Immerhin schildert der Autor fast prohibitionistische Paranoia aus Pakistan. Doch auch hier kümmert er sich nur um teure Hotels, Bars und Oberschichtgesprächspartner in Großstädten; die erzählen ihm von einem ausufernden Alkohol-Schwarzmarkt, den Osborne jedoch in keiner Weise recherchiert. Osborne hört auch von einem grenznahen Ausnüchterungshaus für saudische LKW-Fahrer, die von Bahrein nach Saudi-Arabien zurückkehren – interessantes Thema, das er jedoch nicht recherchiert, nicht einmal explizit verifiziert. Denn Snob Osborne interessiert sich nicht für günstige, volkstümliche Wege zum geistígen Getränk (mit gewissen Ausnahmen in Südthailand und Kairo).

Einige Stationen des Buchs:

  • Weingüter im Libanon und Kneipenzonen in Beirut
  • Eine Luxushotelbar in Mailand, ja, aber immerhin mit arabischen Gästen, die nur Wasser trinken
  • Das Saufen in seiner Familie in England und anderen westlichen Ländern (ja, zwei Kapitel)
  • Dionysos und Griechenland (ja)
  • Zwei unterschiedliche Bars in Abu Dhabi
  • Neujahr im Oman mit „Italian Lover“, aber ohne Champagner
  • Islamabad, Pakistan, Säufer unter Terrorbedrohung und eine Brauerei
  • USA, Eckkneipen und Diebstähle im Leben eines hungrigen Jungautors
  • Indonesien, Solo-Surakarta und die Bali-Bomber
  • Thailands islamischer Süden und eine malaysische Grenzstadt nebenan (mehr über Terror, Prostitution und Grenzverkehr als über Alkohol)
  • Die schottische Whiskey-Insel Islay und die Whiskey-Affinität nordamerikanischer Indianer
  • Türkei: Istanbul und sein versoffener Herrscher Murad IV; Rausch und Sufismus
  • Ägypten: Bauchtanz- und Saufkaschemmen in Kairo sowie ein Weingut, in einem zunehmend islamisierten Land

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