Kritik Musikbuch: Die Stille im Kopf, von Karl Lippegaus (1987) – 6 Sterne

Karl Lippegaus (*1954) schreibt schmuckloses, klares Deutsch, fast anglizismenfrei, das nie verärgert. Man erfährt nicht so viel über Musik, dafür um so mehr über die Sensibilitäten von Lippegaus und einigen Gesprächspartnern wie Bobby McFerrin oder Brian Eno. Über Melodie, Rhythmus oder Harmonie redet Lippegaus kaum, etwas Technisches wie ein „unerwarteter Akkordwechsel“ (S. 189) überrascht schon in diesem Buch

Momentaufnahmen:

Teils liefert der Musikjournalist keine Musikerportraits, sondern Reiseberichte in viel zu langen Briefen oder (so eine wiederkehrende Überschrift) „Momentaufnahmen“ von Alltäglichem aus Parks und Innenstädten in Köln, London, Paris oder New York (S. 8 – 14):

Mit weit aufgerissenen Augen stand der da und schrie wie ein Verrückter ((…)) wenigstens einer, der den Mut zu so was hat ((…)) kaufte er sich Drogen, Unmengen von Drogen. Stopfte sich voll damit, um seine Depressionen zu bekämpfen ((…)) Ein Jahr später ist er tot ((…)) von Freisler gerade in Fetzen gebrüllt ((…)) die Mercedes-Hupe ((…)) klingt einfach furchtbar. Der andere, dem das Hupen gilt, wird mit brutalem Ton zur Ordnung gerufen ((…)) akustische Folter ist heutzutage überall präsent.

Immer wieder klagt Lippegaus über Rüpel:

ihr scheußliches Grinsen ((…)) ‚Scheiße‘ ist ihr Lieblingswort. Kein Wort beschreibt sie besser.“

Ja, er schimpft auch über Kollegen, zum Beispiel im Wochenblatt Die Zeit (S. 139):

Oberkritikerpriester

Dabei klingt Lippegaus zunehmend wie eine beleidigte Leberwurst und merkt es auch (S.140):

Tja, jetzt hab ich selber schon angefangen, negativ rumzuzetern.

Ich hatte das gedruckte Buch in der 1987er-Ausgabe des Ammann-Verlags – vielleicht die erste Fassung. Offenbar wurde schon die 1991er-Ausgabe beim Nieswand-Verlag überarbeitet und erweitert. Zumindest die 2021er-E-Buch-Fassung (hier bei Buecher.de mit Leseprobe) ordnet die Texte anders an und liefert allerlei englische Interviews mit, die in meiner gedruckten Ammann-Version fehlen.

Persönlichkeit:

New Yorker Radio-DJs „nennen ständig ihre Namen. Kaum Bemerkungen zur Musik“ (S. 37). Karl Lippegaus nennt zwar nicht ständig seinen Namen, lässt aber seine Persönlichkeit dominieren und redet in Interviews oder Rezensionen über Gott und die Welt, und gleichfalls nicht so oft über Musik – egal ob bei Tim Hardin, Leonhard Cohen, Miles Davis, Brian Eno, Peter Gabriel, Jon Hassell, Robert Wyatt, Art Pepper oder John McLaughlin.

Bobby McFerrin darf länger in der Ich-Form erzählen, überwiegend über Gott u.ä. Peter Gabriel hat „mehrere Träume gehabt“. John McLaughlin redet von „Meditation“. Lippegaus selbst zitiert mehrfach Sri Aurobindo, reminisziert „Zen-Meister“ (S. 85), Hazrat Inayat Khan, Martin Luther und Lao Tse, erwähnt bei Brian Eno die „buddhistischen Lehren des Tibetaners Chögyam Trungpa“ (S.113) und sieht „eine wirklich gute Vibration zwischen uns“ (S. 65).

Das Hotelzimmerinterview mit Miles Davis beginnt mit „Malst Du viel, Miles?“, dann reden sie übers Malen. Tatsächlich geht es in diesem Interview auch etwas konkreter um Musik (Overdubbing, Zusammenarbeit in Bands). Zum Schluss schenkt Davis Lippegaus ein Bild, das er jedoch (in meiner Ammann-Ausgabe) nicht zeigt.

Im übrigen erwähnt Lippegaus Maler wie Pablo Picasso und van Gogh, aber auch Dichter wie T.S. Eliot, Karl Kraus, Rilke oder Sam Shepard; das Personenregister liefert direkt unter dem Buchstaben „M“ nicht nur Madonna, Bob Marley und Wynton Marsalis, sondern auch Thomas Mann, Marx Brothers und Karl May. Mehrfach zitiert Lippegaus Karlheinz Stockhausen (ohne auf dessen Musik einzugehen). Dann wieder klingt Lippegaus, als ob er sich selbst zitiere (S. 101):

Ich habe manchmal das Gefühl, Billie Holiday und Nick Drake besser zu kennen als viele Leute, die ich Tag für Tag sehe.

Mehrfach streift Lippegaus Heroinabhängigkeit und Herointod bei Musikern und Nichtmusikern – er behandelt das Thema, das viele von seinen Jazzhelden betrifft, aber nicht systematisch. Wie alles andere auch streift er es nur.

Next Beautiful Sound to Silence:

Zu den Stücken oder Alben, die Lippegaus massiv anrührten, gehören Julie Londons Cry me a River, Miles Davis‘ Solea (mindestens dreimal erwähnt) und Brian Enos On Land. Auf Seite 165f listet er „Greatest Hits of the Earth“, spröde Weltmusik von teils unbekannten Künstlern (hier abspielen), später etwas bekanntere „Musik für die einsame Insel“. Lippegaus ist auf kein Genre festgelegt, Jazz, Blues, Klassik, Elektronik darf es sein, Weltmusik oder allerlei Alltagsgeräusch oder ein singender Passant. In Frankreich vernimmt er gar „eine Stille, die mich völlig ausfüllte“ (S. 190). Lippegaus (S. 192):

Ich habe keine Vorlieben für bestimmte Arten von Musik.

Lippegaus hebt in einem eigenen Absatz einen Slogan heraus, der mich immer fasziniert hat; ich weiß nicht, ob der Autor ihn vom Plattenlabel, das mich immer fasziniert hat, übernahm (S. 83):

The most beautiful sound next to silence.

Ich erinnerte den Satz etwas knapper und prägnanter – „The next beautiful sound to silence“ –, aber Lippegaus‘ Zitat scheint die Standardform zu sein (engl. Wikipedia).

Dazu passt, dass Lippegaus immer wieder über Umgebungsgeräusche schreibt. Straßengeräusch gefällt ihm, laute Musik in Cafés oder Dudelradios ist immer wieder ein Graus.

Good Vibration:

Auf S. 61 schreibt Lippegaus von „der zweiten Seite der Platte“; da merkt man erst, wie alt das Buch ist. Dass er keine Anglizismen verwendet, stimmt doch nicht ganz – die „wirklich gute Vibration“ (s.o.) fällt für mich schon diese Kategorie, und auf Seite 195 redet Lippegaus von „otherwordliness“ und setzt es selbst in Anführungszeichen. So einen zurückhaltenden Umgang mit Anglizismen gibt es im deutschen Musikjournalismus vermutlich nicht mehr.

Ich mag Lippegaus‘ Stimme und Stil im Radio. Manchmal mag ich auch die Musik, die im Radio er vorstellt, vor allem den Jazz, manchmal das Brasilianische und ein bisschen was von Brian Eno; nie Stockhausen. Auch in Lippegaus‘ Buch mag ich inhaltlich einiges, aber keinesfalls alles. Er liefert im Buch viele Hör- und Lesetipps, und dank Internet hatte ich sofort Kostproben. Nicht alles gefiel mir, aber es war interessant.

Freie Assoziation:

  • Mark Hudson, wo er über Musik schreibt, der unvoreingenommene, weltoffene Ton der Autoren ähnelt sich – und Hudson wie Lippegaus schreiben über einen Besuch in Senegal und Gambia und über Peter Gabriel in Senegal.

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