Kritik Memoiren. My Other Family: An Artist-Wife in Singapore, von Patricia Morley (1994) – 7 Sterne


Von 1946 bis 1948 lebte die Engländerin Patricia Morley in Singapur mit englischem Mann und eigenen Kindern – und mit mehreren malaiischen Hausangestellten plus Anhang. Über die Malaiien (gutteils aus Indonesien) berichtet Morley in diesem Buch. Außerdem zeigt die künstlerisch ausgebildete Autorin 16 Kohlezeichnungen in ordentlicher SW-Qualität auf Kunstdruckpapier.

Obwohl ihr Mann in der Kolonialverwaltung arbeitete, kommt Politisches nicht zur Sprache. Patricia Morley redet nur über Persönliches und Äußerliches. Vielleicht ist das Politische an ihrem Bericht, dass Morley die Verhältnisse nie in Frage stellt, auch  nicht die Niedrigstlöhne ihres Personals.

Harte Ungerechtigkeiten und das frauenfeindliche Klima spricht sie knapp und nüchtern oder gar nicht an. Laut Eigendarstellung im Buch behandelt sie ihre Angestellten gut und verständnisvoll, geizt nicht mit Vorschüssen oder Trips zum Krankenhaus, man feiert gemeinsam Weihnachten, Ramadan, Beerdigungen.

Viele Akteure:

Die vielen Malaiien und ihre Schicksale konnte ich nicht immer auseinander halten, zumal sie auch noch teils ähnlich heißen, mehrfach verheiratet oder adoptiert waren. Zwar liefert Patricia Morley das Organigramm „The Singapore Family“ mit, aber das verstehe ich auch nicht.

Kleine Hilfe immerhin: Die meisten wichtigen Akteure erscheinen auch als Kohlezeichnung mit Namen. Die 16 Portraits der malaiischen Angestellten wirken ausdrucksvoll, plastisch, leicht maskenhaft. Sich und ihre englische Familie zeigt Morley nicht, auch keine Landschaften, Häuser, Alltagsszenen.

Der Hintergrund der schwarzweiß reproduzierten Kohlezeichnungen erscheint relativ dunkel, man möchte das in der Bildbearbeitung korrigieren. Patricia Morley redet jedoch einmal von „my beautiful brown paper“ – vielleicht sorgt das braune Papier für den zu dunkelgrauen Hintergrund der SW-Repros.

Mutter und Sohn:

Morley schreibt fast ausschließlich über „my Malays“. Über ihren Mann sagt Morley nichts, und nur wenig über ihre Kinder. Sie neigt scheint’s nicht zu Introspektion, denn über regelmäßige Passanten vor ihrem Haus sagt sie:

I could watch them as one watches a play, or other people’s lives, or, more rarely, one’s own.

Äußeres ist ihr wichtiger als sie selbst, das wird immer wieder deutlich.

Patricia Morleys Buch endet mit Geburt und Taufe ihres Sohnes in Singapur: John David Morley schrieb später seine eigenen Asien-Memoiren, Nach dem Monsun (2001). Sie sind nicht politischer, aber humorvoller als die der Mutter; er blickt aus Kindersicht auf die ziemlich kindlichen Erwachsenen; bei John D. Morley (1948 – 2018) lernt man zudem die Mutter Patricia Morley und den Vater John besser kennen als in ihrem eigenen Buch (und der Schutzumschlag von Nach dem Monsun zeigt ein kleines Bild der Mutter mit ihren drei Kindern). Wer nur die zwei gedruckten Bücher und sonst nichts von der Familie Morley kennt, könnte auch meinen, John David Morley habe den Bericht seiner Mutter schriftstellerisch geschickt leicht fiktionalisiert und vor allem die Chronologie verschoben.

Viele Akteure und Ereignisse erscheinen in beiden Memoiren, wenn auch offenbar mit unterschiedlicher Chronologie. Ob Mutter und Sohn bei ihren Büchern irgendwie kooperierten, lässt sich aus meinen Druckfassungen nicht erkennen. Eindeutig bringt der Sohn markante Beschreibungen und Details, u.a. aus seinem Geburtsjahr, die schon im Buch der Mutter standen.

„Lovely decorative“:

Patricia Morley, selbsterklärte „artist-wife“, beschreibt ausführlich die Anmut und Sanftheit der Malaiien – „the lovely decorative dark women“. Sie schildert Streitigkeiten innerhalb der Dienerschaft, chronischen  Ehezwist, Gewohnheiten, Wesenszüge, Hochzeiten, den Ramadan und ihre Malsitzungen. Sie will den Familiengeschichten nie auf den Grund gehen und berichtet das, was sie aufschnappt oder was die Angestellten von sich aus erzählen – Patricia Morley gibt sich als achtsame Zuhörerin.

Das plätschert zunächst passabel dahin, später kennt man die Akteure besser und es wird fast spannend. Die Kapitelüberschriften signalisieren den Inhalt, z.B.: Ahmad’s Secret Revealed; Artist and Model; A Tamil Wedding; More Family Rows.

Morley

Nie weitschweifig:

Morley textet etwas altmodisch, aber nie verschwiemelt oder weitschweifig. Sie verzichtet auf Allgemeinplätze und Landeskunde und schildert strikt nur, was ihr vor Augen oder zu Ohren kommt. Dabei verzichtet die Künstlerin nie auf Äußeres samt Farben der Kleidung und Landschaft:

What a rich and lovely colour scheme they made in their orange and black uniforms and weather beaten brown skins against the red earth and long sweeping acres of emerald green grass

Züchtig umschreibt Patricia Morley die freizügigeren Diskussionen der Dienerschaft und sorgt sich, dass die kleine Tochter „biological facts a little too early“ lernt.

Vieles, was Morley liebgemeint über ihre asiatischen Anvertrauten sagt, würde heute sicher kulturgecancelt:

She was like a beautiful polished carving in dark wood I had seen in a museum… The broad sensitive lips, more like an African’s… they were like children… Suppiah purred like a mother cat…

Assoziationen:

Bücher bei HansBlog.de:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.