Kritik Memoiren: Jenseits von Afrika, von Isak Dinesen/Tania Blixen (1937); Schatten wandern übers Gras (1960) – 7 Sterne – mit Videos


Das Buch ist nicht chronologisch, sondern eher thematisch angeordnet. Dabei geht es geht kaum um Mann+Frau, um Liebe – die bekannte Verfilmung von 1985 weckt völlig falsche Erwartungen. Im ersten Teil redet die Autorin nur allgemein über Land, Leute und einzelne Figuren auf ihrer ostafrikanischen Kaffeefarm. Es gibt keinen Dialog und keine durchgehende Handlung – nur Schilderung, Episoden und kleine Portraits.

Dann befasst sie sich mit einzelnen westlichen Besuchern und einzelnen ostafrikanischen Volksgruppen: Masai, Kikuyu, Somalis. Dabei wirken die Europäer oft etwas verkommen und hoffnungslos, gelegentlich rassistisch, mit einer strahlenden Ausnahme; die Afrikaner erscheinen kindlich bis eigenwillig, teils stolz. Über einzelne Rassisten schreibt Tania Blixen betont nüchtern, die Handlungen und Reden sprechen für sich.

Wer Blixens Leben ohne Auslassungen kennenlernen will, liest besser die Blixen-Biografie von Judith Thurman oder Linda Donelsons Buch über Blixen in Afrika.

Wo bleibt Robert Redford?

Denn bei Tania Blixen selbst erscheint auch auf Seite 90 immer noch nicht Robert Redford, oder mindestens doch Karl-Maria Brandauer – nein, es gibt einen Unfall unter Einheimischen, und danach reitet die Erzählerin einsam durch einsame Steppe, seitenlang, bis es mit einem komplizierten Rechtsstreit nach Stammesgesetz weitergeht. Die vielen ähnlich klingenden Namen dort konnte ich nicht auseinanderhalten.

Das klingt abschreckend, doch Tania Blixen (1885 – 1962, auch als Karen Blixen und Isak Dinesen bekannt) erzählt in diesen langen Überblickskapiteln meist Konkretes, Interessantes und Interkulturelles mit einem lyrischen Ton, der anrührt und fesselt. Doch im Teil „From an Immigrant’s Notebook“ sammelt Dinesen/Blixen viele kürzere Stücke, die oft nur ein bis zwei Seiten belegen; es tönt wie eine vorläufige Materialsammlung – mit wenig ansprechenden Verallgemeinerungen wie „The Oxen“, „Of the Two Races“ oder „Of Pride“. Insgesamt schreibt Blixen schöne Einzelpassagen, die Komposition des Gesamtbuchs schwächelt jedoch und eignet sich nicht für den Nobelpreis (den Hemingway angeblich für angemessen hielt).

Wer ist die Erzählerin?

Nur sehr indirekt redet Blixen über sich selbst. Konkretes sagt sie zunächst nur im berühmten Einstiegssatz: Ich hatte eine Farm in Afrika. Alle weiteren Aufschlüsse muss der Leser aus Blixens Beobachtungen und Handlungen ziehen. Offenbar ist sie mitfühlend, hilfsbereit, neugierig, vorurteilslos, gelassen, zurückgenommen. Jedenfalls stellt sie sich so dar. Dass sie allerlei Afrikaner und ein paar Europäer herumkommandieren muss, allein ausreitet und Löwen schießt, findet sie scheint’s normal. Dass indische Unternehmer in der Nähe ermordet wurden, schreckt sie offenbar nicht.

Erst auf Seite 276 von 401 erwähnt Blixen erstmals ihren Mann und auf Seite 282 das Datum ihrer Ankunft in Afrika, kurz vor dem ersten Weltkrieg. Weitere Details gibt es nur in Biografien zu Blixen, aus denen auch der Stoff zur Verfilmung stammt.

Englisch, Dänisch, Deutsch:

Blixen schrieb ihr Buch zunächst auf Englisch und übersetzte es sogleich in ihre dänische Muttersprache – die dänische Fassung ist laut Medienberichten 50 Seiten länger und enthält mehr Spruchweisheiten und literarische und historische Bezüge (Blixens sonst so genaue Biografin Thurman erwähnt keine Unterschiede zwischen den Sprachversionen). Die erste deutsche Übersetzung stammt von Rudolf von Scholtz auf Basis der englischen Version, mit dem Titel Afrika, dunkel lockende Welt. Offenbar hat von Scholtz den englischen Text auch gekürzt (Quellen für Versionsgeschichte: Rezensionen von SZ und FAZ, jeweils bei buecher.de; Rezension bei DLF; Wiki G. Perlet).

Noch in der DDR übersetzte Gisela Perlet 1989 die dänische Fassung. Die überarbeitete sie 2010 auf Basis einer neuen textkritischen dänischen Ausgabe – und diese Übersetzung beim Manesse-Verlag, mit einem Nachwort von Ulrike Draesner, erhält viel Lob (eigene Online-Stichproben begeisterten mich nicht).

Wenn ich nun den Text möglichst „authentisch“ lesen will und nur Englisch und Deutsch beherrsche – nehme ich dann das englische Original oder Perlets neuere Übersetzung des textkritischen dänischen Originals?

Sprache:

Tania Blixen schreibt in der englischen Fassung flüssig, leicht lyrisch, etwas altmodisch und/oder vielleicht zu wörtlich aus der dänischen Muttersprache übersetzend (lt. Biografin Donelson sprach Blixen zumindest 1918 noch Englisch mit „“Danish accent and syntax“), feminin, zumeist ohne Längen. Ich kenne nur die erste, englische Fassung und kann Eindeutschungen nicht beurteilen.

In der englischen Ausgabe verblüffen unvermittelte deutsche Einschübe wie (S. 12 der Penguin-Movie-Tie-in-Ausgabe):

„Wir kommen nie wieder so jung – so undisciplined and rapacious – zusammen“

oder (S. 250, Hervorhebung des Deutschen wie vorgefunden)

The flight… was Das Ding an sich.

Häufiger bringt Blixen französische oder lateinische Zitate, die ich nicht vollständig verstand. Ich hätte gern eine bessere Buchausgabe mit erklärenden Anmerkungen gehabt; normalerweise achte ich darauf, speziell beim Gebrauchtkauf von bekannten Werken, hier hab‘ ich’s vergessen.

Mehrfach schreibt Blixen Wörter groß, u.a. auch die Himmelsrichtungen oder „Native“ („his Native land“, S.294, „the little Native boy“, S. 302) und God, aber nicht „he“ in Bezug auf God (u.a. S. 248), jedoch „His“ in Bezug auf „Christ“ (S. 288).

Auffällig auch, dass Blixen zu Tieren, Dingen oder Abstrakta nie „it“ sagt, sondern stets Femininum oder Maskulinum verwendet (z.B. S.385, „I still had my car, and I was glad to have her“).

Dinesen-Blixen-Ausdrücke wie The Negro oder The Native sind natürlich heute nicht mehr en vogue und gehören an den Twitterpranger, ihre Bücher und Denkmäler ins Hafenwasser.

Schatten wandern übers Gras (1960, engl. Shadows on the Grass):

Mit dem nur knapp 100seitigen Buch Schatten wandern übers Gras/Shadows on the Grass lieferte Blixen im hohen Alter einen kleinen Nachschlag zu Jenseits von Afrika. Teils erscheint es gemeinsam mit Jenseits von Afrika in einem Band.

Fazit hier: Blixen war jahrzehntelang nicht in Afrika, muss uralte Dinge aufwärmen, obwohl ihr anderes scheint’s mehr am Herzen liegt – heraus kommt nichts Tolles, laut Biografin Thurman aus Teilen zusammengestückt, die zu ganz unterschiedlichen Zeiten entstanden. Nach Jenseits von Afrika wirkt Shadows on the Grass wie ein Absturz:

Blixen redet weitschweifig daher, und schon im ersten Kapitel über ihren somalischen Manager Farah kommt sie von Hölzchen auf Stöckchen, schwadroniert von uralten Mythen und frischen Euro-Erlebnissen. Das Kapitel Echoes from the Hills beginnt mit mehrseitigem Räsonnement über Blixensche Traumgewohnheiten.

Der Leserwiderwille wächst, wenn man Shadows on the Grass gleich nach Jenseits von Afrika liest: Das Buch Jenseits von Afrika endet mit einem langen, wehmütig-wehleidigen Abschied von der geliebten Farm in den Ngong-Bergen und schließlich auf dem Boot nach Europa. Und nun versetzt Blixen den Leser erneut auf die Farm zurück, obwohl sie nie dorthin zurückkehrte. Besser arbeitete man die konkreten, afrikanischen Passagen aus Shadows in the Grass in eine Neuauflage von Jenseits von Afrika ein (lt. Biografin Thurman schrieb Blixen einige Passagen von Shadows in the Grass bereits für Out of Africa, nahm sie dann aber wieder heraus).

Verblüffend auch, hier zu erfahren, dass Blixen einige interessante Figuren aus Jenseits von Afrika herausließ, u.a. den Afrikabesuch ihrer Mutter und Abdullahi, den jüngeren Bruder ihres Managers Farah; dieser Bruder erhält in Shadows on the Grass ein paar interessante Seiten. Blixen blieb mit ihren Afrikanern jahrzehntelang in Briefkontakt und liefert hier im letzten Kapitel eine Art Was aus ihnen wurde. (Die Blixen-Biografien von Thurman und Donelson berichten noch von weiteren wichtigen Besuchern und Ereignissen, die in Out of Africa nicht erscheinen).

Verblüffend: In Shadows on the Grass zitiert Blixen deutlich mehr Kikuyu-Sprache als in Jenseits von Afrika, das sie mit viel kürzerem zeitlichem Abstand zum Kenia-Aufenthalt geschrieben hatte. Doch Klarheit über ihre Männer liefert Blixen auch im Nachschlag-Band nicht.

Das Büchlein hat kaum eigene Bedeutung, ist aber doch interessant für Leser, die Blixens Ngong-Farm und ihr Buch dazu liebgewannen. Literarisch und Blixen-historisch ist es kein Gewinn.

Freie Assoziationen:

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