Kritik Kurzgeschichten: Von Männern, die keine Frauen haben, von Haruki Murakami (2014) – 4 Sterne

Die sieben Geschichten transportieren nicht nur gleichförmige Stimmung und Figuren, sie sind mit 30 bis 40 locker bedruckten Seiten auch gleichförmig lang (gefühlte Länge 22 Seiten; ich hatte die von Dumont lizenzierte Büchergilde-Ausgabe). Man liest sie mühelos (wenn man sich nicht an Verrätseltem stört).

Distanz und Mittelmäßigkeit:

Obwohl hier ein Mann über einsame Männer schreibt, die ostentativ nur „Single Malt“ oder „White Label“ kippen, klingt Murakami nie männlich herb, cool. Ton und Figuren wirken vielmehr durchgehend schlicht, gleichmütig, resigniert-melancholisch, ein bisschen harmlos, selbst bei Wut lasch und – über alle sieben Geschichten hinweg – zu ähnlich. Es lappt schon ins Wortzumsonntaghafte. Lauter mild melancholische Großstadtsingles.

Das Gefühl unbeteiligter Distanz verstärkt Murakami noch, indem die Hauptfiguren vor allem über andere oder Vergangenes berichten. In der erzählten Jetztzeit passiert dagegen wenig, außer dass sich die Akteure in der Kneipe oder im Bett über Vergangenes oder andere unterhalten. Es gibt viel wörtliche Rede, doch die Dialoge funkeln nicht.

Eine Frau ist „an sich nicht unattraktiv, aber eher ausdruckslos“ (S. 131). Das passt auf alle Murakamifiguren. Manche sind erst Ende 20, aber sie wirken vorzeitig gealtert.

Ein Ich-Erzähler meint, es fehle (S. 95)

sogenannten „umgänglichen Menschen“ oftmals an Tiefe, und viele von ihnen sind langweilig und mittelmäßig.

Und so wirken Murakami-Figuren ebenfalls: mittelmäßig, und gut für distinguierte Langeweile beim Murakami-Leser.

Das Mittelmäßige schildert der Erfolgsautor nicht reizvoll tiefenscharf (wie Richard Ford oder John Updike), sonst wäre es vielleicht interessant. Murakamis Figur, die sich aus Liebeskummer zu Tod lebt, ist sogar völlig unrealistisch romantisiert (das erkennt eine Nebenfigur selbst, S. 123: „Es gab wohl kaum je einen Menschen auf der Welt…“).

Bezaubernd enigmatisch:

Auch andere, weniger schwülstige Geschichten klingen mehr liebreizend poetisch als knackig realistisch, teils bleibt Rätselhaftes rätselhaft (wie bei Mann 4 und seiner „Scheherezade“ und den darauffolgenden drei Geschichten); man fühlt sich wie in den Einstiegskapiteln von Romanen, die unaufgelöst vorzeitig abbrechen. Bezaubernd enigmatisch verrätselt.

Verrätselt wird es erst ab der vierten Geschichte. Die teils fantastischen Stories 6 und 7 musste ich sogar nach jeweils einigen Seiten abbrechen. Begänne das Buch mit solchen Inhalten, hätte ich bei der zweiten Geschichte das ganze Buch weggelegt.

Gender-Fragen:

Frauen sind in Murakamis Geschichten wiederholt untreu und stürzen dadurch ihre Angetrauten mit XY-Chromosomen ins Jammertal. Außerdem beurteilen die Akteure (und der Autor?) Frauen generell stark nach ihrem Aussehen. Das erbost natürlich Feministen.

Allerdings textet Murakami nicht nur unsapiosexuell einseitig aus Männerperspektive; hier ist auch rein gar nichts divers und multikulturell: die LGBTQRSTUVWXYZ-Community erwähnt Murakami überhaupt nicht. Ebenso wenig finden sich im Narrativ Afro-Amerikaner, die tamilische Volksgruppe von Singapur oder die Minderheit westjavanaischer Sorbisch-Sprecher.

(Zumindest polyamourös geht’s ein bisschen zu. Aber reicht das, um den Twitsturm abzuwenden?)

7 Männer und ihre Geschichten:

Drei der sieben Geschichten haben in der deutschen Ausgabe englische Titel, zwei von ihnen erinnern an Beatles-Stücke. Zwei weitere Geschichten haben Titel, die man laut gelesen für englisch halten könnte (z.B. Kinos Bar), ein Titel hat eine Kafka-Anspielung.

  • Mann 1: verlor Frau und Tochter vor Jahren, kommt mit neuer Fahrerin ins Gespräch; erzählt ihr, wie er sich mit Liebhaber seiner verstorbenen Frau an- und wieder entfreundete.
  • Mann 2: Student aus der Provinz kommt nach Tokyo und lernt dort schnell Hochjapanisch; sein Freund lernt umgekehrt Provinzjapanisch, obwohl er gar nicht aus der entsprechenden Gegend stammt; Student 1 geht mit platonischer Freundin von Student 2 aus.
  • Mann 3: Mittelalter Schönheitschirurg hat bewusst viele unverbindliche Beziehungen mit gebundenen Frauen, verliebt sich aber ungewollt in eine Verheiratete.
  • Mann 4: Rätselhafter Mann wird regelmäßig von rätselhafter Frau besucht, die mit ihm ins Bett geht und dann eine rätselhafte Geschichte erzählt (dies ist eher eine Geschichte von Frauen, die keine Männer haben)
  • Mann 5: Erleidet Schicksalsschlag, eröffnet Bar, hat dort rätselhafte Gäste, die sein Leben rätselhaft verändern
  • Mann 6: entstand revers-kafkaesk aus einem Ungeziefer, wacht in einem kargen Zimmer auf
  • Mann 7: hat drei Expartnerinnen, die sich umbrachten; liegt aber im Bett neben seiner lebenden Ehefrau; darum heißt diese Geschichte so wie das Buch Von Männern, die keine Frauen haben

Die Übersetzung

Die Eindeutschung von Murakamis Stamm-Übersetzerin Ursula Gräfe klingt unauffällig passend. Sie befremdet mich überwiegend nicht – ein Grund-Unbehagen habe ich bei Übersetzungen freilich immer. Ein paar Dinge, die mich hier wunderten:

  • auf S. 14 und 21 redet Übersetzerin Gräfe von „Fischgratmuster“ und „Fischgratjacket“; zwar lässt Wikipedia beide Ausdrücke zu, doch Google und ich erwarten „Fischgrät“
  • die Unterscheidung zwischen „Taktgefühl“ und „Takt“ (S. 98; hier würde ich gern das Original verstehen können; die Unterscheidung zwischen Takt und Höflichkeit auf derselben Seite ist mir klar)
  • auf Seite 107 heißt es „schüchtern“, wo „respektvoll“, „höflich“ oder „bescheiden“ besser passen würde; aber ich kenne natürlich nicht das Original (und ich weiß selber nicht, ob ich als Übersetzer_*In ein unpassend erscheinendes Wort gegen ein mir inhaltlich besser passendes ersetzen sollte; im Interview scheint Gräfe zu sagen, dass sie im Zweifel den Autor eher genauer und unpassender als freier und passender übersetzt)
  • die „Schließenszeit“ einer Kneipe, S. 180

Freie Assoziationen:

  • Hemingways Männer ohne Frauen/Men without Women (1927): gleiche Textsorte, ähnlicher Titel (man merkt gleich, dass Hem weniger Worte macht; die englische Murakami-Ausgabe heißt genauso wie die engl. Hemingway-Ausgabe), aber sehr unterschiedliche Themen und Schreibstile

 

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