Kritik Kurzgeschichten: Heiraten (Ehegeschichten), von August Strindberg (1884, 1886) – 7 Sterne


August Strindberg (1849 – 1912) schreibt schnarrig unwirsch sarkastisch über Ehe-Alltag. Der beginnt oft mit blumigen Illusionen und enttäuscht schon bald bitter. Entscheidungen und Wendungen bahnt Strindberg nicht einfühlsam an; er verkündet sie nassforsch im Kasernenton: „Es setzte eine heftige Reaktion ein“, so beginnt etwa der Umschwung in der Geschichte Zweikampf.

Öfter wollen Gockelmänner mit Ausgaben imponieren und rutschen prompt von der Ehe ins Elend; den Ehestand schildert Strindberg gern als kaum finanzierbar und nie als langfristig erfreulich. Einige Frauen mögen aus- und unterhalten werden, sonst zicken sie; andere geben brav das Heimchen am Herd. Allen endemisch ist, dass sie innert zehn Jahren an Schönheit einbüßen, wenn sie überhaupt je was zu bieten hatten (Strindberg schont auch die Männer nicht).

Die Ehe ist kein Ponyhof:

Mehrfach kredenzt August Strindberg (1849 – 1912) auch moderne, bewusst kinderlose Doppelverdiener-Ehepaare, die aber zunehmend an Eifersüchteleien leiden. Dann erklingt stets ein Satz wie „Bums, da wurde die junge Frau krank!“ (hier in der Geschichte Naturhindernisse). Ein Doktor diagnostiziert freudige Umstände, und kurzum verkommen die Eheleute zum traditionellen Ehepaar, die Gattin daheim als welkende Kinderhüterin, der Mann zufrieden. Sofern Schwiegereltern auftreten, sind es stets die Eltern der Frau. Erzählt wird eher aus Perspektive des Mannes, nur die Geschichte Gegen Bezahlung stellt eine Frau ins Zentrum, die gar nicht erst heiratet; auch die Zweikampf-Story hat eine starke Frau weit vorn.

Der allwissende Erzähler dieser Geschichten ähnelt den boshaft kalkulierenden Figuren aus Strindbergs Dramen Der Totentanz und Vater, allerdings fallen die Dialoge dieser Kurzgeschichten nicht weiter auf.

Meist bleibt Strindberg hart am Alltag seiner bedauernswerten Geschöpfe, ohne allgemeines Gelaber. Eine Ausnahme bildet nur die erste, besonders lange Geschichte Lohn der Tugend, in der Strindberg zu sehr schwafelt. Auch die Story Gegen Bezahlung geht über gut 30 Seiten. Die weiteren Geschichten belegen teils weniger als zehn Seiten. Insgesamt ähneln sich die Geschichten derart, dass man das Buch gut mal weglegen kann, um später mit wiedererwachtem Interesse danach zu suchen. Auch der Ton bleibt immer gleich und wirkt auf Dauer nicht nur monoton, sondern etwas zornig-besessen.

Ungewohnt zart klingt nur die Geschichte Herbst über ein Paar, das nach zehn anstrengenden Familienjahren einen Re-Start ohne Kinder im Hotel probiert. Vielleicht sind aber die Symbole hier zu dick aufgetragen: Die Frau spielt im Salon „ein gebrechliches Klavier, dessen Klang an lose Zähne erinnerte“; das Instrument war „ziemlich abgespielt, das Tuch an den Hämmern verschlissen, und das bloße Holz schlug gegen die Metallseiten“. Der Protagonisten Gerede über Frühling, Sommer und Herbst wirkt auch nicht subtiler.

Viele Ausgaben:

1884 und 1886 brachte August Strindberg offenbar zwei Bände mit Kurzgeschichten heraus; Originaltitel jeweils Giftas (Verheiratet). Diese Auftrennung in zwei Bände erkenne ich auf dem heutigen deutschen Buchmarkt nicht: Es gibt Gesamtausgaben mit Titeln wie Heiraten, 9 Ehegeschichten, 16 Ehegeschichten oder 20 Ehegeschichten; sie vereinen vermutlich mehr oder weniger die beiden ursprünglichen Bände. Laut Wikipedia enthielt allein der erste Geschichtenband zwölf Texte plus Vorwort. Auf Englisch erschienen die Geschichten unter den Titeln Married oder Getting Married.

Ich hatte eine Ausgabe namens Heiraten aus dem VEB Hinstorff Verlag Rostock, 1. Auflage 1965, Printed in the German Democratic Republic, 16 Geschichten, übersetzt von Klaus Möllmann (sehr ordentlich), Nachwort von Gerhard Schneider (bizarr), kein Inhaltsverzeichnis (nanu?), mit Lesebändchen (stets willkommen), ca. 255 Seiten Strindberg-Text.

Die Geschichten im einzelnen:

  • Lohn der Tugend (engl. Asra): 13jähriger Neu-Halbweise wird von Fleischeslust bedrängt, ohne Perspektive – nur in dieser sehr langen Geschichte kommt Strindberg so von Hölzchen auf Stöckchen, dass ich abbrechen musste
  • Liebe und Brot: Armer Studienrat muss hart kalkulieren, um Ehestand zu finanzieren, es geht nur um Geldbeträge
  • Nur um verheiratet zu sein: Das Verwandtenpack der Neu-Angetrauten treibt Jung-Ehemann, der die Geldprahlerei nicht lassen, sich aber gar nicht leisten kann, in den Ruin
  • Wie es kommen musste: Lediger Hilfslehrer, 32, pflegt seine Gewohn- und Eigenheiten, streift griesgrämig durchs Stadtgewimmel
  • Ersatz: Jungvermählte frösteln unter dem Erkalten der Liebe; Kindersegen könnte sie erwärmen
  • Reibungen: Heiratet man aus Freundschaft und gemeinsamer Ablehnung der Ehe, oder aus Liebe? Falls letzteres, ist ersteres dann Prostitution? Ein Baron spielt es mit zwei Baroninnen durch, letztere die Cousine der ersteren (Strindberg war dreimal verheiratet)
  • Reformversuch: Modernes Künstlerehepaar will keine Kinder sowie eigenes Einkommen für die Frau und wird damit glücklich. Dann aber stellt sich doch Kindersegen ein
  • Naturhindernisse: Modernes kinderloses Doppelverdiener-Ehepaar gleitet in kleinliche Eifersüchteleien, kann das Konzept der modernen geistigen Ehe nicht durchhalten; dann wird sie schwanger
  • Ein Puppenheim: Hausfrau und vierfache Mutter trifft Femanze („kurzgeschnittenes Haar, so daß sie im Nacken wie ein Schrubber aussah“), die ihr das Ibsen-Stück Nora oder Ein Puppenheim zuspielt; ihrem Mann klagt sie daraufhin, „Was bin ich für Dich gewesen? Deine Haushälterin und – o Schmach – Deine Geliebte!“ Sie beendet das Familienleben. Doch der Mann will mit einem Trick zurück zum häuslichen Glück
  • Der Vogel Phönix: „Er hatte sich in eine blonde Vierzehnjährige verliebt… und heiratete nun eine aschgraue Vierundzwanzigerin… ihre Nase schien von Würmern zerfressen…“ Jahrzehnte und Kinder kommen und gehen
  • Herbst: Nach zehn Jahren täglichen Familienlebens muss der Mann auf eine lange Dienstreise und verliebt sich aus der Ferne neu in seine Frau, auch wenn die nicht mehr die Knackigste ist; bei der Rückkunft treffen sie sich ohne Kinder in einem Hotel
  • Das Kind: Der zukünftige Hoferbe „war acht Jahre alt und ziemlich ausgewachsen!“ Nackt von der Tante verprügelt zu werden schockiert ihn. Er wächst zwischen Frauen auf und kriegt’s nicht gebacken (wie auch weitere Strindberg-Helden, die zwischen Frauen aufwachsen und nichts Rechtes werden)
  • Das liebe Brot: „Das Zusammenleben des jungen Paares gedieh anfangs durchaus glücklich…“ Doch Ehe und Kinderschar treiben einen kleinen Angestellten und die Seinen ins Elend
  • Gegen Bezahlung: Halbverwaiste Generalstochter glaubt an die „Überlegenheit des weiblichen Geschlechts“, doch dann kopuliert ihr Reitpferd scham- und zügellos in der Öffentlichkeit und dieser „brutale Ausbruch eines Naturtriebes…verfolgte sie wie die Erinnerung an eine Hinrichtung“. Sie ändert ihr Leben
  • Ungetraut und getraut: Uneheliches Paar mit Kindern ist zufrieden. Dann aber folgt doch die Trauung
  • Zweikampf: „Sie war häßlich, und deshalb wurde sie von den rüden jungen Männern übersehen“. Doch sie hat Geld und heiratet ohne Liebe einen weiteren Außenseiter. Ihre Rollen in der Beziehung wechseln mehrfach deutlich

 

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