Kritik Kurzgeschichten: Der Münchner im Himmel u.a. Satiren, von Ludwig Thoma (1911) – 7 Sterne – mit Links

Der Halleluja schmetternde Dienstmann Aloisius ist nur einer von vielen Käuzen in dieser Sammlung kurzer, knackiger Satiren. Ludwig Thoma (1867 – 1921) karikiert Spießbürger, Feministinnen, wackere Soldaten, verschnarchte Juristen und Obrigkeitshammel mit kräftigem Strich – dialogreich, militärisch kurz angebunden, vergnüglich. Künstler oder arme Leute figurieren seltener, dafür berichtet Thoma gleich mehrfach aus seinem Rechtsberuf (Der Befähigungsnachweis, Als Referendar, Assessor Karlchen, Der Vertrag, Die unerbittliche Logik, Die Volksverbesserer).

Sie Mistamsel, Sie abscheilige:

Auch eine weitere Thoma-Geschichte führt von München in den Himmel – und natürlich wieder zurück, denn der Ruf des Bräuhauses ist stärker als der himmlische. Thoma schildert zudem Berliner auf Bildungsreise in Italien und blickt kurz nach Wien.

Einige Geschichten spielen in München um 1910. Die Akteure reden stark gefärbtes, aber leicht verständliches Münchner Bairisch, teils mit prächtigen Schimpfausdrücken (allein in der Kino-Geschichte: Schmieslmadam; Sie Mistamsel, Sie abscheilige; der grobe Laggl, der unkultifierte ((sic)); du auftrieb’na Wassasüchtling; g’scherte Heubod’nspinna; de broatletschat’n Hauspascha; Sie Bauernsocka, Sie gräuslicha).

Solch fruchtige Invektiven gelingen sonst nur Lena Christ in der Rumplhanni. Zumeist formuliert Thoma seine oft triefende Ironie elegant und vollmundig, wie man’s gern hat. Eine einzelne Geschichte konnte ich nicht lesen, weil das betont falsche Briefbairisch der Babette Fröschl falsch und allergen klang.

Krieg und Sozialismus:

Neben üblichen Kurzgeschichten präsentiert Thoma auch einige Mini-Theaterstücke (u.a. Kino, Tochter des Feldwebels, Sieger von Orleans, Finstere Zeiten oder Der Leberkas) und zwei Brief-Romane. Im besseren schildern Lilly Käsebier, Mathilde Käsebier und Friedrich Wilhelm Käsebier ihre sehr unterschiedlichen Eindrücke von einer italienischen Bildungsreise. Die Käsebiers und das Kino zählen auch zu meinen Highlights. Weniger hingerissen haben mich die Geschichten aus dem Justizwesen und ein paar Texte über Krieg und Sozialismus.

Ein gedrucktes Buch mit mehr Thoma-Satiren als nur dem Münchner im Himmel – und das bitte im bairischen Original und nicht verhochdeutscht – ist schwer zu finden. Gesammelte Werke Band 2 könnte aber passen. Ich habe die Geschichten gratis beim Projekt Gutenberg gelesen.

Freie Assoziation:

  • Im Vergleich klingen die Geschichten aus Thomas Lausbubengeschichten und Tante Frieda wortreicher und kälter, Thomas später Roman Altaich klingt deutlich behäbiger
  • Die Berliner Kleinfamilie in Italien scheint mit der Berliner Kleinfamilie in Altaich identisch zu sein
  • Zu ähnlicher Zeit in München, aber unter einfacheren Leuten, spielt Lena Christs Unsere Bayern anno 14/15 – und beide Bücher zeigen vorübergehend Münchner im Himmel
  • Der knappe, schroffe Ton erinnerte mich an August Strindbergs Kurzgeschichten – und Strindberg wie Thoma karikieren Frauenrechterinnen
  • Der knappe, schroffe Ton erinnerte mich auch an Sebastian Haffner und an die Grotesken von Harry Hermann Schmitz
  • Zweimal verschränkt Thoma unterhaltsam eine Roman- oder Filmhandlung als Binnenhandlung mit einem äußeren Ablauf. Das erinnerte mich an Ludwig Ganghofers Schweigen im Walde, dort ist’s ein Roman im Roman

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