Kritik Krimi-Roman: Der Malteser Falke, von Dashiell Hammett (1930, engl. The Maltese Falcon) – 7 Sterne – mit Video

Autor Dashiell Hammett lässt nichts anbrennen. Auf den ersten 25 Seiten führt er entspannt ein paar Frauen und Männer ein. Doch kaum kennt man sich ein bisschen, werden zwei Akteure von unbekannt und ohne ersichtliches Motiv erschossen; andere erweisen sich sodann als gehörnt, polyamour, Ehebrecher. Schon hat der Autor seine Leser am Haken. Alle Rätsel klären sich erst auf den letzten Seiten.

Der Krimiklassiker Der Malteser Falke ist gleichwohl nicht allererste Sahne. Zwar hört man von den entscheidenden Ver- oder Ehebrechen nur nebenbei, teils in dialogischer Rückschau, meist ohne Suhlen in bildhaften Details (und so ist’s dem furchtsamen Hans lieber).

Coole Macker:

Doch Dashiell Hammett (1894 – 1961) erzählt dick aufgetragen männlich cool. Wie er Gesichtszüge oder nächtliche Unterredungen beschreibt, das tönt mackerhaft, teils per Brechstange auf Noir getrimmt (ich kenne nur das englische Original in der 2003er-Orion-TB-Ausgabe und kann Eindeutschungen nicht beurteilen). Ein Beispiel für Hammetts aufgesetzt herben Sound (S. 38):

She looked pleadingly at him. His yellow-grey eyes were hard and implacable. Slowly she put her hand…

Das Zitat verdeutlicht auch Hammett beschämenden Mangel an feministischem Empowerment, Frauen sind hier hübsche Hascherl, die mann „dear“ und „darling“ nennt und straflos tätschelt; nur gelegentlich treten und kratzen sie (aber nicht, weil sie getätschelt wurden). Ist mann ein derb maskuliner Detektiv, kann man sie alle haben; alle. Hier (S. 202f):

Spade, face to face with her, very close to her, tall, big-boned and thick-muscled, coldly smiling, hard of jaw and eye… She blushed and looked timidly at him

Die Männer sind markant und leicht unterscheidbar. Die dreieinhalb Frauen (zählt man die erzählerisch vernachlässigte Rhea Gutmann mit) haben keinerlei individuelle Züge.

Von Hammetts empörender Ethnozentrizität ganz zu schweigen: Ein Grieche mit ägyptischem Namen erscheint auffällig effiminiert, parfürmiert und rundum unerfreulich; Noten von Homophobie nicht nur im Abgang. Die afro-amerikanische Community ist völlig unterrepräsentiert. Zudem verblüfft Hammets gelegentliches Markennamen-Dropping, u.a. mit Uhrenherstellern.

Allerdings muss man auch sagen: Hammetts maskuline Hauptfigur Sam Spade – in John Hustons 1941er-Verfilmung gespielt vom coolen Humphrey – süffelt im Roman zunächst keinen männlich rauchigen Single Malt, sondern süßlichen Bacardí. Wie weibisch, wie vanilla. Andererseits zeichnet Hammett seine Hauptfigur Sam Spade betont als gefühllosen Zocker, „his grin lewd as a satyr’s“ (S. 169). Alles macht er „casually“, ja „carelessly“.

Einen Regionalkrimi liefert Hammett auch nicht. Die Geschichte spielt im atmosphärischen San Francisco, doch außer ein bisschen Nebel, Hafen, Straßenbahn und -namen tritt die location kaum einschlägig in Erscheinung. Der Plot könnte auch in jeder anderen Hafenstadt spielen.

Die Dialoge sind halb cool, aber sie funkeln nicht wirklich. Hervorragend jedoch die lange, fast action-freie Fünfer-Konferenz am Schluss, in der sich fast nur dialogisch die Machtverhältnisse mehrfach atemberaubend verschieben und offene Fragen geklärt werden.

Schlichte Struktur:

Die Handlung ist nicht zu unübersichtlich. Die Geschichte bleibt durchgehend hochspannend, aber überschaubar, ebenso die Zahl der Figuren, und sie werden mitvollziehbar eingeführt. Der Kriminalfall ist meisterlich konstruiert und dito erzählerisch aufgerollt.

Hammett schreibt hochlesbar: Einfaches Englisch, viel Handlung, viel Dialog, streng chronologische Erzählung ohne Rückblenden, kaum Zeit-, Handlungs- oder Schauplatzsprünge selbst beim Kapitelwechsel, konsequent einheitliche Erzählperspektive.

Hammett unterteilt seinen Text in unzählige kurze Absätze; gelegentlich verschaffen Extra-Leerzeilen mit/ohne mittige Sternchen zusätzliche Verschnaufpausen. Die Kapitel selbst sind kurz, die Kapitelüberschriften haben Nummer plus ausgeschriebenen Titel (z.B. „16 The Third Murder“) (das Buch erschien zuerst als Fortsetzungsgeschichte). Fast wirkt Der Malteser Falke wie ein Roman für Kinder oder Leseschwache.

(Hammett schreibt also in allen Aspekten so, wie es heutige deutsche Autoren nie tun würden – ihnen ist es zu primitiv, oder sie können es einfach nicht, und sie müssen ja auch irgendwie ihre Biografie einschmuggeln.)

Schlichte Figuren:

Zumeist erzählt Hammett halbwegs plausibel, ohne irrwitzige Zufälle oder Logiklöcher; aber zweimal entringt Hauptakteur Spade seinen Todfeinden ihre Mordwaffen, um die Gerätschaft gleich darauf zurückzuerstatten – das bringt ihm neuen Ärger, und der Grund für die Freigiebigkeit bleibt unklar. Zweimal gibt es mehrseitige Geschichten in der Geschichte, eine davon geht 500 Jahre zurück; dies passt nicht in die sonstige Erzählökonomie.

Während ich jedoch eine schlichte Romanstruktur mit viel Dialog wie hier im Falken schätze, gefällt mir Hammetts allzu binäre, ranzige Figurenzeichnung nicht: Schwitzende lässige Macker versus hilflose Hascherl, dazwischen ein paar warme Brüder, das ist obsolet. Wenn US-Krimi, dann wohl doch besser Patricia Highsmith. Oder?

Freie Assoziationen:

Robert Wilsons Westafrika-Krimi Instruments of Darkness nimmt sich den Malteser Falken scheinbar zum Vorbild: Er beginnt ebenfalls mit zwei unbeschäftigten Detektiven in ihrem Dienststübchen, schreibt coole Sprüche und einfaches Englisch

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