Kritik Kriegskomik: Adolf Hitler, My Part in his Downfall, von Spike Milligan (1971) – 2 Sterne – mit Video

Dies ist so relevant wie ein Kasperlespiel. Voll hölzerner Witzchen von anno dazumal. Noch weiter sinkt das Interesse an Milligans Kriegserinnerungen, wenn man im Vorwort liest, dass zwar die Hauptfakten stimmen, Milligan aber einige Details ausgeschmückt habe. So lassen sich Dichtung und Wahrheit nicht unterscheiden. Marionettentheater.

Der britische Komiker und Autor Spike Milligan schreibt seine Militärerinnerungen aus dem zweiten Weltkrieg flach jokulös. Fast zwanghaft sekretiert er alle paar Zeilen Witzchen, die oft nichts mit der konkreten Situation zu tun haben, sondern auch in andere Zusammenhänge passen, oft sich aufdrängende Wortspiele. Z.B. S. 27 der engl. 1972er-Penguin-Ausgabe:

The walls once white were now thrice grey.

Oder bei einem Übungslauf (S. 66):

Many tried to husband their energy by running on one leg.

Und so behandelt man die wunden Füße nach dem Lauf (S. 67):

„Piss in yer boots, lads“.

Und da hat das Kapitel „BARRACK ROOM HUMOUR – JOKES – PRANKS“ (ja, Großbuchstaben) noch gar nicht begonnen.

Solche Späßlein meint Spike Milligan (1918 – 2002) offenbar nicht selbstironisch, sondern er empfindet sich wirklich als Unterhalter. Schon im Vorwort warnt er,

I have used the simple language of the barrack room and used the normal quota of swearing. Some of the revelations are very bawdy

Und er verspricht nicht zuviel.

Nur irgendwelche Substanz hat der schmale Band nicht, stattdessen Anekdötchen und Toilettenwitze, Freude an Pleiten, Pech und Pannen, verkrampfte Schenkelklopfversuche.

Chamberlain und Churchill erscheinen je ein oder zweimal am Rand. Milligan hört entfernt den Schlachtlärm von Dünkirchen und lässt sich von der Evakuierung berichten (S. 33):

It was a fuck up, a highly successful fuck up.

Soviel zu Dünkirchen. Die Bombardierung des nahegelegenen London erscheint noch knapper (S. 80).

Realismus liefern nur die vielen Familienfotos und Dokumente auf den Textdruckseiten; dazu kommen noch allerlei schlichte Kritzeleien. Aber Engländer und/oder (Ex-)Soldaten haben hier vielleicht Spaß.

Milligan liefert billige Scherze und Kasernenhof-Klamauk – wortwörtlich: Über lange Strecken dieses Buchs ist der Autor nicht im Kriegseinsatz, sondern erfindet im Wartestand in einem südenglischen Lager präpubertäre Jungs-Streiche, gründet eine Band und beglückt stolzgeschwellt die zivile Damenwelt.

Mehr Leben und sinnvollerer Humor stecken schon im braven Soldaten Schweijk; auch Chaplin oder Buster Keaton im Krieg sind ergiebiger.

Bei komischen Kriegsbüchern denkt man natürlich an die Paradoxien aus Joseph Hellers Catch-22 von 1961, und tatsächlich textet Milligan in seinem Buch von 1971 gelegentlich Catch-22-typischen, wenn auch vereinfachten Humor: Gunner Sherry  (S. 34)

… had been discharged from the Army on grounds of Insanity, then invited to join up again on the same grounds.

Oder S. 79:

Occasions of insanity such as this stopped us all going mad.

Immer wieder verwendet Milligan unerklärt Abkürzungen, die ich nicht verstehe. Einmal scherzt er immerhin, „I don’t know what it means either“ (S. 72).

Ein externer Autor hob das Buch im Guardian in die „top 10 comic war novels“, und es bekommt auf Goodreads hervorragende 4,1 Lesersterne (5452 Stimmen im August 2019).

Dieser Band behandelt die Kriegsjahre 1939 bis 1943, als Milligan in Algier landet, und wurde sogleich verfilmt. Ihm folgen mehrere Fortsetzungsbände mit Milligans Kriegserinnerungen (Übersicht auf Wikipedia), die ich nicht mehr lesen muss. Ich lese lieber was Lustiges.

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