Kritik Kindheitsmemoiren: In fremden Kleidern, von Paula Fox (2001, engl. Borrowed Finery) – 8 Sterne

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In stimmungsvollen Vignetten erinnert sich die gefeierte Autorin Paula Fox (1923 – 2017) an ihre Kindheit in und um New York, Los Angeles, Kuba, Florida, Montreal, Pennsylvania, New New Hampshire. Weil ihre Eltern sie nicht um sich haben wollten, wurde sie immer wieder weitergereicht – an einen Kirchenmann, an Verwandte, quer durch Nordamerika. Oft wohnte sie ländlich.

Mit knappen, lakonischen Worten schafft Fox hochatmosphärische Szenen; eine betagte Erwachsene schreibt einfühlsam über sich selbst als staunendes kleines Mädchen, das immer neue Bezugspersonen und die Indifferenz der Eltern verarbeiten musste. Dass Paula Fox auch mit Jugendbüchern reüssierte, kann man sich danach gut vorstellen. Fox schreibt hier nüchtern, ohne Analysen, ohne Überleitungen; aber das Buch ist voller Untertöne und Querverbindungen.

Ihre Eltern, vor allem ihre kubanisch-spanische Mutter, behandeln die kleine Paula Fox betont lieblos. Manchmal klingt es, als wolle die Autorin ihre selbstsüchtige, Alkohol und Zigaretten verfallene Mutter in die Pfanne hauen. Paula Fox wirkt aber nie selbstgefällig, behält eine faszinierende Erzählstimme in stark wechselnden Umgebungen (ich kenne nur das engl. Original und kann die Eindeutschung nicht beurteilen).

Nur gute Erinnerungen hat Paula Fox an ihre Zeit mit dem alleinstehenden Kirchenmann und Autor „Onkel Elwood“. Er lebt in einer Welt voller Bücher und historischer Bezüge und legt vielleicht frühe Grundlagen für Fox‘ literarische Karriere (auch wenn sie das so nicht sagt). Freilich war auch ihr Vater Paul Harvey Fox Drehbuch- und Romanautor mit 15 Einträgen bei IMDB; sie verdankt ihm aber scheinbar keine Inspiration, nur Gene.

Die Jugendmemoiren entstanden erst nach Fox‘ Romanerfolgen, und es gibt ein paar schmale Hinweise auf Inspirationen zu ihren Romanen:

  • Einmal wird Paula Fox von einer Katze gebissen und behandelt die Wunde selbst – ein Anklang an ihren kurzen Erfolgsroman Was am Ende bleibt/Desparate Characters.
  • Ihr Vater erzählt von seiner Schreibarbeit in Hollywood und dass er dort F. Scott Fitzgerald traf, „a minor poet“ in seinen Worten (der über Hollywood die schönen Pat Hobby-Geschichten schrieb); Paula Fox selbst lebt in diesem Buch mehrfach in Hollywood, sieht sekundenweise auch John Wayne, Harpo Marx und Orson Welles; das lässt an Paula Fox‘ Roman über das 1940er-Hollywood denken, Kalifornische Jahre/Western Coast (1972).
  • Fox spricht perfekt Spanisch mit karibischem Akzent und sagt, dass sie deshalb mit Latinos und Latino-Angestellten immer gut zurechtkam; in Luisa/A Servant’s Tale (1984) schreibt sie über eine hispanische Arbeiterin in den USA. Luisas kubanische Erlebnisse erinnern natürlich an Paula Fox‘ Kuba-Eindrücke.
  • Die gesamte Foxsche Familienaufstellung samt vielen Einzelerlebnissen kehrt wieder im beißenden Fox-Roman Lauras Schweigen/The Widow’s Children (1976)

Dieses spartanisch schöne, schlanke Buch hat nur wenig Misstöne: Zum einen stört das Schauspieler-Namedropping; und die immer wieder schockierend egoistischen Sprüche der eiskalten Mutter wirken wie ein bitterer running gag, wie eine späte Rache der nun endlich selbstbewussten Tochter an der egozentrischen, abwesenden und abweisenden Mutter. (Wegen der immer wieder unliebenswürdigen Mutter klingen Fox‘ Memoiren auch nicht selbstmitleidlos, im Gegensatz zur einhelligen Kritikermeinung.)

Fox schrieb In fremden Kleidern als Übung nach Kopfverletzungen in Folge eines Überfalls in Jerusalem (Quelle). Sie schrieb später noch ein Buch über etwa ein Jahr als Jungjournalistin vor allem im kriegszerstörten Europa (Der kälteste Winter/The coldest Winter), das stilistisch deutlich an die Fremden Kleider erinnert; weitere Memoiren gibt es nicht von Fox. Es gibt mindestens eine Biografie zu Paula Fox, auf Deutsch geschrieben von Bernadette Conrad, mit vielen persönlichen Erlebnissen der Biografin auf Recherche; anders als das Fox-Buch zeigt Conrad auch Bilder von Fox‘ Familie und Pflegevater.

In gewisser Weise erinnern mich Fox‘ Kindheitsmemoiren an die lyrischen, leicht fiktionalisierten Jugendmemoiren von Barrack Obama.

Paula Fox bei HansBlog.de

      Goodreads* Amazon.com* HansBlog
  Belletristik:        
1970 Desparate Characters Was am Ende bleibt

3,69 (3811)

3,5 (80)

 

1972 The Western Coast Kalifornische Jahre

3,77 (70)

4,0 (5)

 

1976 The Widow’s Children Lauras Schweigen

3,68 (286)

3,4 (10)

7

1984 A Servant’s Tale Luisa

3,67 (114)

3,6 (5)

 8

2011 News from the World: Stories and Essays Die Zigarette und andere Stories

3,65 (74)

5,0 (3)

   

  Memoiren:

2001 Borrowed Finery In fremden Kleidern

3,57 (578)

3,8 (25)

8

2005  The Coldest Winter Der kälteste Winter

3,44 (185)

3,0 (15)

5

   

  Bernadette Conrad: Die vielen Leben der Paula Fox

*Leserwertung (Zahl der Stimmen), Stand August 2019

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