Kritik Farb-Biografie: Pablo Picasso 1881 – 1973. Das Genie des Jahrhunderts, von Ingo F. Walther (1992, Taschen-Verlag) – 6 Sterne


Der großformatige, biegbar gebundene Band erinnert an ein teures, dünnes, exklusives Farbmagazin. Die Urheberschaft ist mir nicht völlig klar. Laut Impressum:

  • Ingo F. Walther: scheinbar Hauptverfasser, aber auch mitverantwortlich für Produktion, Typographie und Herstellung (übrigens auch am Matisse-Band des Taschenverlags an „Redaktion und Produktion“ beteiligt)
  • Matthias Buck, Rainer Metzger, Bernhard Serexhe: Mitarbeit und Redaktion

Der Text machte mich teils sprachlos. Warum bringt ein (vermeintlich) cooler Schuppen wie der Taschen-Verlag solchen Schwulst aufs gestrichene  Papier (Zitat S. 6):

Was nun Picassos Biographie betrifft, so beginnt sie recht eigentlich weit vor der Geburt. Denn das Unbegreifliche, Unvorstellbare – eben Geniale – muß nach Meinung der Biographen seine Ursache und Quelle woanders haben.

Oder hier, S. 86:

…ein Spätestwerk andauernder Wiederholungen, Kristallisierungen eines Augenblicks von zeitlosem Glück in dem Bewußtsein letztendlicher Vergeblichkeit.

Auch die vielen Picasso-Zitate in den Randspalten klingen oft wolkig bizarr:

der Künstler ist wie ein Sammelbecken von Empfindungen… (S. 18)

Von allem – Hunger, Elend, Unverständnis des Publikums – ist der Ruhm bei weitem das Schlimmste…. Es ist traurig. Es ist wahr. Erfolg ist etwas sehr Wichtiges! (S.26)

Zudem erscheinen diese Zitate ohne Quellenangabe oder auch nur Jahreszahl. (Dass man auch nüchtern über Picasso schreiben kann, garniert  mit *nüchternen* Picasso-Zitaten, beweist Wilfried Wiegand in seiner rororo-Monographie.)

Auch sonst enttäuscht der Taschen-Text oft: So heißt es mal „Bateaux-Lavoir“ und mal „Bateau-Lavoir“ (S. 20, kein Plural beabsichtigt). Der Autor bespricht inhaltliche und philosophische Aspekte der Bilder („Blau, Schwarz und verschiedene Grüntöne vermischen sich mit trübem Braun und dunklem Violett..“, S. 72) weit genauer als Pablo Picassos Leben – Picasso als Privatmann, Geschäftsmann, Medienstar, politischer Mensch kommt praktisch nicht vor. Sein Tod erscheint nur in der Zeittafel am Ende, dort finden sich auch weitere Schnipsel Privatleben im Telegrammstil.

Die meisten der diskutierten Gemälde erscheinen fast ganzseitig, und der Lauftext nennt jedes Mal die Seitenzahl der Abbildung – löblich übersichtlich. Picassos Bild vom „Begräbnis Casagemas'“ widmet Walther jedoch mehrere Absätze – und zeigt es nur klein in der Randspalte (S. 16), Picassos dazugehörende Inspirationsquelle von El Greco sieht man gar nicht; bei ein paar späten Picassos zeigt Walther immerhin auch die inspirierenden Vor-Bilder. Walther erwähnt interessante Kinderzeichnungen, ohne sie zu zeigen.

Der Band ist historisch nach Picassophasen gegliedert, u.a. früh, Blaue Periode, Kubismus. Hier werden nur Gemälde besprochen. Die Autoren klinken jedoch mehrere zwei- bis vierseitige Schwerpunkte zu anderen Picasso-Genres ein – Grafiken und Zeichnungen, Bildhauerei, Plakate, Keramik (nicht Theater, Ballett). Nur diese Teile erscheinen in Schwarzweiß und behandeln entsprechende Kunstwerke aller Jahrzehnte; einige dieser Teile klingen zudem euphorischer als der Haupttext, vielleicht ein Hinweis auf wechselnde Autorenschaft. Diese Themen bespricht der Band m.E. relativ ausführlicher als andere Picasso-Monografien, die stärker auf Gemälde abheben.

Ich habe von Kunst und Kunstbüchern keine Ahnung, kann also Bild- und Themenauswahl ebenso wenig kommentieren wie die Druckqualität. Auf mich wirkten die Farbrepros ansprechend, das gestrichene Papier reflektierte nicht zu stark und zeigte auch wenig Fettflecken.

Wer den klebegehfteten Band kraftvoll aufschlägt, befürchtet vielleicht lose Blätter, doch meine Ausgabe war sehr stabil. Für 3,71 Euro gebraucht ist das Buch in Ordnung. Weil Walther scheinbar die bekanntesten, meistdiskutierten Picassowerke bespricht und groß zeigt, eignet sich der günstige Band auch als Ergänzung zu Picassobüchern mit schwachen oder ganz ohne Repros – auch wenn hier Abbildungsverzeichnis oder Schlagwortverzeichnis fehlen; die Bildverweise in der 6seitigen Zeittafel am Ende ersetzen ein Abbildungsverzeichnis nicht ganz. Halbwegs übersichtlich sind pablo-ruiz-picasso.net, art-picasso.com und und artsviewer.com. Keine dieser Quellen zeigt jedoch alle Bilder, die man passend sehen möchte, teils erscheinen abweichende Bildtitel und Jahreszahlen..

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