Kritik Farb-Biografie: Henri Matisse 1869 – 1954, Meister der Farbe, von Volkmar Essers (2002, Taschen-Verlag) – 6 Sterne

Volkmar Essers schildert nur Kunsthistorie und kommentiert detailliert den Aufbau einzelner Bilder. Er bespricht scheinbar die bekanntesten, meistdiskutierten Matissewerke, die meist auch groß in dem schmalen Buch erscheinen. Allerdings zeigt Essers das 2,38m breite, detailreiche Gemälde Lebensfreude nur in halber Seitenbreite – ebenso „groß“ wie eine kleine Vorstudie zur Lebensfreude. Das weit flachere Bild Der Tanz erhält dagegen eine ganze, übertrieben scheinende Doppelseite.

Kunstwissenschaftler Volkmar Essers (*1944) interessiert sich nicht für Matisse als Mensch, als Geschäftsmann:

  • der „Leidensweg…war für Matisse die schwierigste Tafel, da sein Inhalt im Widerspruch zu seiner eigenen Lebensauffassung steht“ (S. 90); wie ist denn bitte Matisse‘ Lebensauffassung? Hallo?
  • Madame Matisse im Manilaschal erhält wohlverdient eine ganze Seite; Madame Matisse in Gestapohaft erhält mehr zufällig wenige Zeilen

Überwiegend schreibt Essers ein einfaches Deutsch ohne professoralen Schwulst, mitunter in ganzen Kaskaden einfacher Hauptsätze (u.a. drei nicht untergliederte Hauptsätze hintereinander auf S. 79 oben). Fremdwörter wie Odaliske oder Gouache muss der Leser schon kennen. Insgesamt hat das textlich den Charme einer Betriebsanleitung (Matisse als Mensch ist freilich auch ein langweiliger Typ).

Mitunter wunderte ich mich: Mehrfach nennt Essers Bilder „Der servierte Tisch“ (u.a. S. 8, 27, 32) – kann man nicht „Der gedeckte Tisch“ sagen oder „Der Tisch wird gedeckt“? Servierter Tisch? „Porte-fenêtre“ übersetzt Essers mehrfach mit „Türfenster“ (u.a. S. 46,  S. 67f), gängiger im Deutschen sind jedoch „Fenstertür“ oder „Terrassentür“. Auf S. 24 heißt es „verschmelzt“ statt „verschmilzt“, auf S. 83 steht „Gemälde des Künstler“ (sic) – hallo Lektorat?

Ich habe von Kunst und Kunstbüchern keine Ahnung, kann also Bild- und Themenauswahl ebenso wenig kommentieren wie die Druckqualität. Auf mich wirkten die Farbrepros ansprechend, das gestrichene Papier reflektierte nicht zu stark. Lt. Verlag haben die Matisse-Erben „dazu beigetragen…, die besten Farbreproduktionen der Bilder von Matisse zu ermöglichen“; seltsam nur, dass ein Foto der von Matisse gestalteten Rosenkranz-Kapelle in Vence unnötig körnig erscheint.

An „Redaktion und Produktion“ beteiligt war lt. Impressum Ingo F. Walther, der den Picasso-Band bei Taschen produziert und auch geschrieben hat (auch beteiligt bei van Gogh und Chagall). Abbildungsverzeichnis oder Schlagwortverzeichnis fehlen; die Bildverweise in der 4seitigen Zeittafel am Ende ersetzen ein Abbildungsverzeichnis nicht ganz.

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