Kritik Erzählungen: South Sea Tales, von Robert Louis Stevenson – 6 Sterne

Fazit:

Stevenson erzählt uneinheitlich, teils mit fantastischen Sagen-Elementen, teils nur mit Hilfe der wissenschaftlichen Anmerkungen zu verstehen. Aber seine Sprache trifft den Charakter der geschilderten Personen markant, und die Südseekulissen werden sehr lebendig. In den zwei deutlich längsten Geschichten spielen Weiße die Hauptrolle, die in der Südsee ihr Glück suchen; beide Geschichten steuern etwas langatmig auf ein Ende mit Gewalt zu.

Heterogene Entstehungsgeschichte:

Robert Louis Stevenson (1850 – 1894; Dr. Jekyll and Mr. Hyde; Die Schatzinsel) verbrachte mehrere Jahre in der Südsee. Der Band South Sea Tales sammelt Stevensons fiktive Erzählungen aus dieser Region (die Reiseberichte erscheinen in In der Südsee/In the South Seas).

Meine englische TB-Ausgabe von Oxford’s World’s Classic enthält unter anderem die Erzählungen The Beach at Falesá (etwa 70 Seiten), The Bottle Imp (30), The Isle of Voices (20), The Ebb-Tide (130 Seiten, gemeinsam mit Stiefsohn Lloyd Osbourne) und ein paar sehr kurze Stücke. Das Südseeaquarell auf dem Tiitel stammt von Stevensons Stief-Schwiegersohn Joe Strong. Eine ähnliche Zusammenstellung erschien schon früher als Island Nights‘ Entertainment. Die Stücke erschienen zuerst in Zeitungen und später zwischen Buchdeckeln, immer wieder geändert.

Der Text änderte sich vor allem beim damals kontroversen The Beach at Falesá mehrfach. Auf 28 Seiten Vorwort erkärt Roslyn Jolly die Veröffentlichungsgeschichte aller Erzählungen; zusätzlich bringt sie in vielen Anmerkungen am Buchende gekürzte Textschnipsel, Varianten und Erklärungen der Seefahrerbegriffe, der Bibel- und Shakespeare-Anspielungen.

Anklänge an Joseph Conrad:

Die Geschichte The Beach at Falesá erinnert zu Beginn an die Fernost- oder Südseeerzählungen von Joseph Conrad oder W. Somerset Maugham: Ein Mann trifft per Boot auf einer fernen Insel in einem heißen Land ein; weiß nicht recht, was ihn erwartet; wird von Fremden begrüßt. Hier erzeugt Stevenson schnell Atmosphäre, und noch vor Dunkelheit ist der Reisende auch schon überraschend mit der bezaubernden Samoanerin Uma verheiratet.

Der erste Eindruck verflüchtigt sich aber bald, denn vorübergehend spielt die Geschichte nur unter Weißen, die dann religiöse Konflikte aushandeln (Baptisten versus Katholiken), hier wurde mir eher Greene zumute. Die Einheimischen kehren bald mit Macht in die Handlung zurück, nicht aber meine Erinnerungen an Maugham oder Conrad, weil Stevenson schlechter schreibt:

So verwendet der Ich-Erzähler wiederholt schottischen Ausdrücke, die man nur mit Hilfe der Anmerkungen versteht, ebenso wie verschiedene regionale Besonderheiten; die Nebenfigur Ben agiert völlig uneingeführt, offenbar in mehreren Südseegeschichten, wie wir den Anmerkungen entnehmen („comes in once or twice without preface or explanation as part of the recognised machinery of island-existence“). Stevenson gibt sich einfach keine Mühe, und wichtige Rückblenden packt er in ermüdende Dialoge, die eher wie eine Folge von Monologen wirken. Andererseits spiegelt der schnoddrige Ton des Ich-Erzählers gut seinen Charakter wieder, und die Geschichte ist sehr spannend.

Übernatürliches und Räuberpistolen:

Falesá hat auch ein paar übernatürliche Sagen, die aber die Handlung nicht entscheiden. Fantastisches lese ich nicht, darum habe ich die Geschichte vom Flaschengeist, The Bottle Imp, gar nicht erst angefangen. The Isle of Voices ist wieder voller Fantastereien – von Goldtalern, die sich aus Muscheln gewinnen lassen und von Männern, die sich in Riesen verwandeln und über einen Meerboden voller Menschenknochen spazieren. Nachdem ich diese Geschichte angelesen hatte, konnte ich sie allerdings nicht mehr weglegen – Stevenson schreibt einigermaßen suggestiv und spannend.

The Ebb-Tide, das längste Stück, handelt von drei weißen Verlierern, die auf Tahiti gestrandet sind, und mit einem Verbrechen ihr Glück machen wollen. Es hat neben der – wortwörtlich – Räuberpistolenhandlung einige seltsam moralisch-religiöse Stränge und aufdringliche Symbolik. Hier verarbeitete Stevenson auch die vielen Monate, die er auf Südseeseglern verbrachte.


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