Kritik Emin-Pascha-Biografie: An den Quellen des Nils, von Hans-Otto Meissner (1969) – 6 Sterne

Ex-NS-Diplomat und Vielschreiber Hans-Otto Meissner textet flüssig, sogar spannend, aber auch bieder und betulich-aufdringlich wie ein Märchenonkel („das brave kleine Schiff“, S. 50; „recht fleißig mit seiner kleinen Streitmacht „, S. 81; „die braven Soldaten“, S. 222). Belege zu seinen Behauptungen und Zitaten liefert Meissner mit einer Ausnahme (S. 154) nicht: es gibt keine hochgestellten Ziffern, keine Endnoten, nur eine knappe Bibliografie.

Aber Meissner muss ja auch nicht auf Primär- oder Sekundärliteratur verweisen: er gibt uns vielmehr sein Ehrenwort gleich auf der ersten Seite: Alles sei „tatsächlich geschehen“, auch wenn es „oft unglaublich erscheinen“ würde; und „den Wegen der Entdecker bin ich selber gefolgt“ (und zwar bei der Elefantenhatz, S. 201). Noch Zweifel? Meissner beseitigt sie mit eigenhändiger Repro-Unterschrift.

Freilich weist Hans-Otto Meissner (*1909) auch wiederholt auf Kenntnislücken hin: Warum der junge Eduard Schnitzer, später Emin Pascha, fluchtartig von Berlin nach Wien wechselte, sei unbekannt; deutscher Antisemitismus habe Schnitzer jedenfalls nicht vertrieben, glaubt Meissner belegen zu können. Solche Ungeklärtheiten nennt er später in Afrika noch öfter.

Woher er den O-Ton für die vielen Dialoge nimmt, die seine Geschichte so lebhaft machen, sagt Meissner nicht im Einzelnen.

4000 kräftige Neger:

Meissners wackerer, knorziger, von postkolonialer Sensibilität oder #metoo nicht angekränkelter Ton klingt heute ungewohnt: „4000 kräftige Neger“ (S. 41), „Negerstaat“ (S. 48), „ein junges, kräftiges Weib“ (S. 68), „die Weiber der Kagaros“ (S. 83), „ständige Angriffe der Wilden“ (S. 189), „Banditen im Burnus“ (S. 191), „afrikanische Zwerge“ (S. 228).  Dass die weißen Kolonisatoren afrikanische Völker vor viel schlimmerer Verfolgung durch arabische Sklavenhändler retteten, werde kaum anerkannt (S. 192).

Meissner schildert Emin Pascha, eigentlich Eduard Schnitzer (1840 – 1892), weitgehend freundlich: Er habe Gesundheitsversorgung und Landwirtschaft in seinem Beritt vorangetrieben, Korruption und Sklavenhandel bekämpft, nebenbei noch Naturwissenschaft und Ethnografie gepflegt und aus eigenem Antrieb deutsche Museen mit Exotischem beschenkt. Emin Pascha verhängt nur wenige Todesurteile, für die Meissner mit einer Ausnahme Verständnis äußert (anders klingt die Darstellung bei Christian Kirchen). Meissners Hauptvorwurf: Pascha sei teils zu eigenwillig und teils zu optimistisch, zu wenig Machtmensch, habe die durch den Mahdi heraufziehende Gefahr und spätere Rachegelüste falsch eingeschätzt.

Dagegen stichelt Meissner immer wieder gegen den als brutal geschilderten Henry Morton Stanley. Stanleys Rettungsexpedition zu Emin Pascha erzählt  Meissner ausführlich – auch Stanleys Anreise über London, Kairo, Sansibar und Kongo, also vor dem Zusammentreffen mit Emin Pascha.

Entspannt bis zur Hälfte:

Etwa die erste Buchhälfte schildert entspanntes Leben in Preußen, auf dem Balkan und in Äquatoria (heute u.a. Südsudan). Wir lernen viel über fremde Völker damals, über Kolonialismus und achtsame, hochzivilisierte Kannibalen.

Dann wird das Buch kriegerisch, Emin Pascha gerät in die Wirren des Mahdi-Aufstands, ringt um sein Leben, flieht strapaziös, Stanley wandert ihm unter enormen Verlusten via Kongo entgegen, die Lektüre treibt Schweiß aufs Gemüt des Erholung suchenden Lesers.

Nie versucht sich Hans-Otto Meissner an Psychologie. Warum seine Hauptfigur die deutsche Familie im Stich ließ, woher Sprachtalent und interkulturelle Gewandtheit kamen, inwiefern Übertritt zum Islam – all das gibt’s nur als spartanische Fakten, ohne Spekulation. Emin Paschas Liebesleben ignoriert Meisser fast komplett, mit Ausnahme einer unbestätigten Affaire sehr früh auf dem Balkan und einer lt. Meissner fast unbekannt gebliebenen Ehe in Afrika.

Auch zu Emins politischer Loyalität und Kolonisierungsehrgeiz sagt Meissner nur das Offensichtliche. Kaum befasst sich Meissner mit Emin Paschas Außenwirkung in der westlichen Welt damals bis heute. (Solche Fragen behandelt dagegen Eminpaschologe Christian Kirchen in einem eigenen Buchteil „Annäherungsversuche an eine schillernde Persönlichkeit“.)

Zur Ausgabe:

Ich hatte die 1986er-Hardcover-Ausgabe des Klett-Verlags mit rund 227 engbedruckten Seiten Haupttext (einige Leerseiten und SW-Abbildungen auf Textdruckpapier nicht herausgerechnet). Neben den historischen SW-Bildern gibt’s einige Farbtafeln mit oft banalen afrikanischen Landschaften – sie wirken wie Urlaubsfotos, laut Impressum stammen sie teils vom Autor, teils von Heinz Sielmann; womöglich erschienen solche Bilder Lesern in den 1970 und -80er Jahren exotischer als heute, wo sie keine 10.000 Likes auf Instagram sammeln könnten. Weitere Farbbilder zeigen Flusspferde und fast nackte, traditionelle Afrikaner.

Einige historische SW-Abbildungen und Autografen druckt der Verlag direkt auf Textdruckpapier, ebenso wie diverse ganzseitige SW-Tuschezeichnungen. Ich hätte gern auf die Zeichnungen verzichtet und dafür ein größeres Schriftbild bekommen. Die etwa fünf SW-Landkarten wirken schlicht, aber im Vergleich zu vielen anderen SW-Landkarten in Sachbüchern übersichtlich und informativ (einheitliche Schreibung der Ortsnamen in Landkarten und Lauftext würde die Orientierung weiter erleichtern).

Dem Haupttext folgt eine knappe Zeittafel, die vor allem Geschichtliches um Emin Pascha herum aufführt, und eine noch knappere Bibliografie.

Drei Eminpaschiaden im Vergleich:

  • Hans-Otto Meissner (1969): Erzählt lebhaft, gut nachvollziehbar, klar fokussiert, ohne Sprachfehler, wenn auch dezidiert altmodisch; sehr Emin-Pascha-freundlich; auch über Paschas Jugendjahre, wenig Analyse von Zeitgeist oder Psyche, kaum europäische Kolonialpolitik außer zu König Leopold; nur hier ein paar Farbfotos (unergiebig); sehr ausführlich über Stanleys Pascha-Expedition; gute Detailkarten zu einzelnen Routen
  • Patricia Clough (2010): Unerfreuliches Deutsch, verwirrende Zeit-Ort-Sprünge, Emins junge Jahre äußerst knapp, wenig Analyse von Zeitgeist oder Psyche, jedoch sehr/zu ausführlich über dt. und engl. Kolonialpolitik, zu lange Exkurse über andere Figuren; 2 gute Gesamt-Afrika-Karten, keine Detailkarten zu Routen
  • Christian Kirchen (2014): Laut Eigendarstellung einzige Eminpaschografie im Testfeld auf Basis von Primärquellen; sehr wissenschaftlich; ausführliche Zitate, sehr viele interessante SW-Fotos, gute SW-Karten auch mit Routen, teils professoraler Ton, aber noch lesbar, einige störende Sprachfehler; weitaus die meisten Fakten samt Korrekturen früherer Darstellungen, aber nichts über Stanleys Kongomarsch vor Zusammentreffen mit Emin; am ausführlichsten über Mahdi-Aufstand; weitaus teuerstes Buch auf Gebrauchtmarkt

Keins der Bücher hat eine Synopse für die parallelen Abläufe in England, Deutschland und an verschiedenen afrikanischen Orten um ca. 1888.

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