Kritik E-Mail-Romane von Matt Beaumont: E-Mail an alle (2000, engl. e, Teil 1 von 3 der E-Mail-Reihe) + The e. before Christmas (2000, Teil 2) + eSquared (2010, Teil 3) – 7 Sterne

E-Mails, hunderte kurze E-Mails in Londoner Werbeagenturen fliegen durch diese drei modernen Briefromane:

  • E-Mail an alle (2000, engl. e, Band 1) spielt im Januar 2000,
  • The e. before Christmas (2000, Band 2, nicht auf Deutsch, sehr kurz) zeigt dieselben Figuren in derselben Agentur im Oktober 2000.
  • e2 (auch „e squared“, 2010, Band 3, nicht auf Deutsch) spielt 2008/2009 in einer anderen Agentur, aber auch in Familien, mit teils bekannten Figuren.

Das schaukelt sich schnell hoch zur witzigen Kakophonie mit bösen Intrigen, Missverständnissen, Schweinigeleien, Heucheleien, Fehlleitungen, Karrierehoffnungen, Appellen und jovialen Nervköppen, die per Rundmail ihren alten Toaster verhökern. Es wird bald drastisch und etwas vulgär. Weil wir nur den schriftlichen Austausch sehen, sind wir bei Besprechungen, Abendessen, Feiern oder Fassadenklettereien nicht dabei – wir lesen nur die amüsant widersprüchlichen Kommentare zu den Real-Life-Ereignissen.

Flotte Texter:

Auf Dauer wirken die Personen etwas eindimensional, ihre Mails klingen immer erwartbar: ein trockener Bürokrat aus der Buchhaltung, eine esoterische Texterin, ein Testosteronritter, Ausrufezeichen spuckende Assistentinnen, der grimmige CEO, der Finne mit dem falschen Englisch, der verlogene Kreativchef mit französischen Einsprengseln (New York = „La Pomme Grande“) (ich kenne nur das englische Original und kann die deutsche Übersetzung nicht beurteilen).

Oft formulieren die Figuren so elegant, wie es nur Londoner oder New Yorker in schicken Komödien können. Das macht Laune.

Hysterisches Finale:

Ich konnte im ersten Band das Personal nicht immer gut auseinanderhalten, zumal mitunter zwei Seiten vergehen, bevor der eine auf das Mail der anderen antwortet – oder auch nicht, und dazwischen erscheinen andere Mailverläufe. Beaumont sollte dramatis personae oder ein Organigramm vorschalten. Übersicht beim ersten Band verschaffen aber Inhaltsangabe und Personenregister der englischen Zumbuchwiki.

Etwa zur Buchmitte habe ich dann das Personentableau überblickt, und als ein Teil des Teams zu Dreharbeiten nach Mauritius fliegt, überschlagen sich die absurden Ereignisse – hysterisch kommentiert in Mail-Kaskaden von einem Dutzend Korrespondenten. Das Buch wird zunehmend spannend und schrill klamaukig. Karrieren, Beziehungen und Großaufträge von Coca-Cola hängen am seidenen Faden.

The e. before Christmas (2000) – Teil 2 von 3 der E-Mail-Reihe:

Das sehr kurze Büchlein The e. before Christmas (2000) gibt es offenbar ebenso wie Teil 3 nicht auf Deutsch. Band 1 spielt im Januar 2000, dieser Band 2 beginnt im Oktober 2000 mit der Vorbereitung einer Weihnachtsfeier. Alle Akteure aus dem ersten Band sind wieder dabei – teils mit geänderten E-Mail-Absendern, weil sie die Zweigstelle oder den Arbeitgeber wechselten oder sogar privatisieren. Wer Band 1 zuerst liest, versteht die Figuren deutlich besser.

Das Weihnachtsfeierkomitee kommt schnell ins Schwitzen, weil sich auch noch Chef Weissmuller aus den USA ansagt und 26 Unterhäuptlinge mitbringen will. Zudem muss wieder ein wichtiger Auftrag ergattert werden.

Das erinnert alles deutlich an Teil 1, und so wirkt The E. before Christmas etwas wie ein Abklatsch – vielleicht schnell nachgeschoben wegen des Erfolgs von Band 1. Zwar gibt es hier erstmals mehrseitige Werbespot-Skripts, Partyreden und -plakate, die das Buch jedoch nicht besser machen. Die Pannen und Vulgaritäten gehen im 2. Band einen Tick weiter als im ersten.

Eine Figur will hier einen Roman veröffentlichen – gewiss verarbeitet Autor Matt Beaumont die taufrischen Erfahrungen mit seinem eigenen ersten Roman, E-Mail für alle.

e2 (eSquared, 2009) – Teil 3:

Zwar erscheinen hier im dritten e-Buch Figuren und Leitmotive, die schon in Band 1 und 2 auftauchten – doch die Geschichte spielt acht Jahre später in einer anderen Werbeagentur, die Personen wirken wie verwandelt. Vorkenntnisse aus den früheren Bänden bringen wenig, selbst wenn Matt Beaumont gelegentlich auf Zurückliegendes anspielt.

Zudem agieren erstmals nicht nur Agenturmenschen: Diesmal lesen wir auch von Ehefrauen, prolligen Pubertieren und toxischen Rechtsanwälten – vielleicht verarbeitete Matt Beaumont eigene Familienerfahrungen der zurückliegenden Jahre. Er erfindet sogar absolute Randfiguren außerhalb von Agentur und Familie, die nur ein- oder zweimal kurz auftreten – so wirkt die Geschichte weniger fokussiert.

Neben E-Mails gibt es diesmal auch Blogposts mit Leserkommentaren, SMS, Chat-Protokolle, BBC-Meldungen, eBay-Anzeigen, MySpace-Profile, Werbeplakate, Dating-Profile und Voicemails; Tweets erscheinen erst auf den letzten Seiten, wie nachgeliefert; wie bisher fehlt eine Erzählerstimme.

Eine BBC-Online-Meldung berichtet über einen verhafteten vermeintlichen Terroristen – dies ist einer der Handlungsstränge im Buch. Unter dieser Meldung stehen Links zu weiteren BBC-Nachrichten, allesamt weitere Handlungsstränge: Waterloo Bridge suicide dive; Nigerian police name dead British tourist; Fans injured at Helsinki rock concert; Publishers invade Dordogne; Expat elopes with Arab princess. Kein Wunder, dass das Buch 511 Seiten hat, weit mehr als der erste E-Mail-Band.

Möglicherweise ist dieses Buch etwas vulgärer als die anderen – vierbuchstabige Unflätigkeiten kursieren auf Englisch und auf Französisch (da lernt man was), eine Romanfigur beschwert sich sogar darüber. Viel zu platt auch Agenturmensch Harvey Harvey, der auf einen Nigeria-Scam hereinfällt, sein Geld verliert und nach Lagos fliegt.

Mehr noch: Die französischen Ungehörigkeiten und der Nigeria-Beschiss werden mit einigen Dutzend Seiten Abstand noch erklärt, als ob der Leser ein Doofi sei („Tour de Filth“… „It’s a scam. Here’s how it works…“).

Gegen Ende zeigt das Buch verblüffend rührende Momente, und vermeintlich tragische Entwicklungen lösen sich in Wohlgefallen auf – so softie schrieb Beaumont zuvor nicht.

Trotz massiver Vulgarität, offener Banalität und einem Hauch von Schmalzalarm fand ich e2 (eSquared) einen Tick lustiger als die Vorgänger, ich habe öfter laut gelacht. Das galt jedenfalls für die erste Romanhälfte. Ich könnte nicht sagen, ob die zweite Hälfte weniger lustig ist oder ob ich weniger zum Lachen aufgelegt war.

Vergleich mit Matt-Beaumonts Roman Gummi (2003, engl. The Book, the Film, the T-Shirt):

Matt Beaumonts Roman Gummi (2003, engl. The Book, the Film, the T-Shirt) und seine E-Mail-Serie E-Mail an alle (2000), The e. before Christmas (2000) und e2 (2010) ähneln sich deutlich:

  • Inhaltlich: Es gibt jeweils einen grimmigen Werbeagenturchef in Not, der per Sekretärin mit seiner schwangeren Frau kommuniziert. Arme Assistentinnen ringen mit kapriziösen Chefs. Porno und Ehebruch. Elastickleidung. Kriminelle Security vom Balkan oder aus der Türkei. Die Werbung, die in allen Romanen erdacht wird, reißt kaum vom Hocker.
  • Stilistisch: Es gibt jeweils keine Erzählstimme. Die Geschichten erklingen aus Perspektive verschiedener Akteure – entweder per E-Mail oder Chat oder per Interviewschnipsel. Kräftig vulgär, un-pc und etwas anrüchig pubertär sind alle Bände, überall gibt’s Anti-Esoterik-Spott („positive bio-waves from within“).

Unterschiede fand ich auch: Der Gummi-Roman behandelt nicht nur Agenturen, sondern gutteils auch Filmproduktion und die Tics der Hollywoodstars. Die E-Mail-Romane sind deutlich lustiger.

Ich dachte außerdem an:

„Bücher, die nur aus Dialogen/Mails/Briefen etc. bestehen“ – ein Thread auf Literaturschock.de

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