Kritik Drehbuch: Manila, von Bodo Kirchhoff und Romuald Karmakar (1998) – 7 Sterne – mit Video

Hin im Bumsbomber, zurück im Tripper-Clipper: In diesem Drehbuch warten ein paar Deutsche am Flughafen Manila auf ihre Maschine nach Frankfurt. Sie reden zynisch vulgär über Sexkauf auf den Philippinen und Live-Enthauptung in Saudi-Arabien.

Die Dialoge haben was, wenn man sich für Asien-affine Bumsprolls interessiert, Ballermann verschärft. Kurzweilig auch die vielen Schwenks zwischen den Unterschauplätzen – Wartehalle, Klos, Bar mit wechselnden Untergruppen.

Die Figuren sind scharf beobachtet und wirken lebensnah. Einige Figuren passen in schnelle Schubladen: Geschiedener Ex-Mercedeshändler, Ossi-Bildungsbürger, Expat-Kneipier, Sextourist mit Elektroladen, weitgereiste Journalistin. Drei auf den Philippinen Geborene sind auch dabei: eine Klofrau, eine Prostituierte und ex-Prostituierte, jetzt Friseuse, also ein Querschnitt der Bevölkerung.

Allerdings passiert kaum etwas, abgesehen von Liedgesang und öffentlicher Triebabfuhr. Die Figuren reden nur unentwegt über die Vergangenheit, bis hin zu Judenverfolgung, und der Plot nagelt sie in ein einziges Gebäude. Das wäre sogar als Theaterstück zu handlungsarm. Im Buch, ohne Gesichter, blieben die Figuren für mich teils schwer unterscheidbar, selbst wenn mein Suhrkamp-Taschenbuch Farbfotos in den Text streut.

Verfilmt wurde das Stück mit Eddi Arent, Michael Degen, Sky Dumont, Herbert Feuerstein, Martin Semmelrogge, Jürgen Vogel, Manfred Kapatka. Regie Romuald Karmakar, der mit Bodo Kirchhoff (*1948) dieses Drehbuch schrieb.

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Noch vor dem Drehbuch von 1998 bringt das Buch eine mehrseitige Personenskizze von 1996 – wer die zuerst liest, muss sich beim Film auf teils geändertes Personal einstellen. Noch interessanter: Das Buchende zeigt unkommentiert zwei wichtige Schreiben:

  • Die Filmförderung FFA Berlin bemängelt am Drehbuch „Hörspielcharakter und … Vulgärsprache“ und lehnt eine Förderung rundheraus ab
  • Das Drehbuch erhält den Bayerischen Filmpreis für eine „mutige, außergewöhnliche Leistung“ (laut Webseite des Regisseurs und laut einer anderen Buchseite beteiligte sich die Filmförderung FFA Berlin jedoch an der Produktion)

Einen Bericht von den Dreharbeiten liefert das Suhrkamp-TB dagegen nicht. Mein Exemplar war so gut gebunden, dass beim ersten beherzten Aufschlagen die Blätter zu Boden rieselten. Der Text scheint den Ort Malaybalay fälschlich auf der Insel Cebu anzusiedeln, die Hauptsprache der Philippinen fälschlich als „Tagalo“ zu bezeichnen (S. 116, S. 117), und das Lied „Olé, olé, We are the Champions!“ kenne ich auch nicht (S. 118).

Assoziation:

  • Auch in Bodo Kirchhoffs Philippinen-Roman Infanta spielt das philippinische Nachtleben eine wichtige Rolle, beide Bücher haben eine alleinreisende deutsche Journalistin; in beiden Büchern spielt auch das Kaff Malaybalay eine Rolle; Kirchhoffs Schundroman hat einen Nachtflug Frankfurt-Manila und womöglich erscheint Manila auch in Kirchhoffs Reiseding Zwiefalten
  • Prostitution spielt auch die Hauptrolle in Kirchhoffs Kurzgeschichtensammlung Die Einsamkeit der Haut, jedoch in Deutschland
  • Manila: Erscheint Manila irgendwo in der Literatur lesenswert? Nicht in diesem Drehbuch, nicht in Bodo Kirchhoffs Infanta, nicht in anderen Manila-Romanen hier auf HansBlog. Viel Besseres gibt es über Singapur und Hongkong, sogar über Bangkok
  • Das Klaustrophobische der Situation erinnert an den Film Zeit der Kannibalen, der drei Unternehmensberater in einem Hotelzimmer ebenfalls im globalen Süden sistiert
  • Mehrere Kinokritiker sahen Parallelen zu Gerhard Polts Film Man spricht deutsh, ich hatte diese Assoziation nie
  • Not-Onanie auf öffentlicher Toilette, das gibt’s auch im Film Agnes und seine Brüder
  • Einen Blowjob an der Dinnertafel kredenzt 2000 km westlich auch S.P. Somtow

 


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