Kritik Doppelbiografie. Manfred Geier: Die Brüder Humboldt (2009) – 5 Sterne

Wilhelm von Humboldt frönte „einer Hure“ (S. 113) und schrieb in Schillers „Horen“ (S. 183). Sein Bruder Alexander schrieb auch in den „Horen“, schwärmte aber für zarte Männer, bereiste ferne Länder, folterte sich im Namen der Wissenschaft. Die Humboldt-Brothers verkehrten mit Goethe, Schiller, Georg Forster, Campe, Fichte, Friedrich von Gentz et. al., man traf gekrönte Häupter inkl. Napoleon.

Daraus könnte eine lebendige Doppelbiografie entstehen, doch Biograf Manfred Geier (*1943) schreibt so weit wie möglich nur geisteswissenschaftlich und philosophisch, erklärt immer wieder Kant-Bezüge und „dass die Evidenz spekulativer theologischer Sätze oder religiöser Glaubensformen nur subjektiv sein kann“ (S. 112)*. Geier frohlockt (S. 214):

Auch Alexander hat seinen Kant gelesen.

Biograf Geier schrieb auch über Kant, Popper, Heidegger und „Worüber kluge Menschen lachen“. Ich bin nicht klug genug für ihn, zu lachen hatte ich bei diesem Buch nichts.

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Philologe Geier gibt dem philologisch orientierten Wilhelm mehr Raum als dem Naturerkunder Alexander, für dessen fünf Jahre als Bergbaudirekter „einige Daten und Stichworte genügen müssen“ (S. 161). Und zu Alexanders fünfjähriger Amerikafahrt (S. 212):

Wir können ihn nicht auf seiner Reise ((…)) begleiten

Geier verweist auf andere Bücher – bringt dann aber doch 20 Seiten Südamerika; was nun. Nach Wilhelms Tod lebte Alexander noch fast 25 Jahre, dafür gibt’s nur wenige Seiten.

Schlichte lebenspraktische Fragen beantwortet Geier nicht richtig:

  • Wie finanzierten die Humbrüder ihr Privatisieren vor der Erbschaft?
  • Warum lebten Wilhelm und Caroline von Humboldt jahrelang weit auseinander (er in Rom, sie mit Kinderschar in Paris; danach er in Berlin, sie mit Kinderschar in Rom)? (Die Erklärung von S. 235 überzeugt nur für einen kurzen Zeitraum.) Warum lebten sie offenbar ab 1920/S.279 wieder zusammen?
  • Wer war Bonpland, mit dem Alexander von Humboldt fünf Jahre lang Südamerika durchpflügte?

Auch sagt Geier mit keinem Wort, ob und wie die Erkenntnisse der Humboldts die Zeiten überdauerten und bis heute nachwirken.

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Mit Aplomb irritiert Autor Manfred Geier den Leser gleich auf den ersten Seiten. Man erwartet eine Biografie der Humbrüder, *1767 und *1769 in TXL. Doch auf den ersten zwei Seiten redet Geier von „Geheimrätin Kohlrausch“, „Fürstin von Hohenzollern“, „Ulrike von Levetzow“,  Goethe („sieht viel schöner und jugendlicher aus als auf allen Altersporträts“), Marienbad, „Sommer 1823“, „Mai 1778“. So geht’s durcheinander, die von Humboldts spielen kaum eine Rolle.

Geier setzt später das Versteckspiel fort, präsentiert widersprüchliche Erkenntnisse, meterlange rhetorische Fragen (einfach die Antwort bringen! Frage streichen!), verwirbelt Zeiten und behelligt mit Überflüssigem.

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Die Sprache enthusiasmierte mich ebenfalls nicht. So gibt’s Verneinungen wie „durch keinen besonderen Studienfleiß auszeichnet“ (S. 63) oder „kam es zu keinen weiteren Gesprächen“ (S. 174). Der Biograf kreiert  seltsame Koppelwörter wie „anmutsvollen“ (S. 31), „verehrungswürdigen“ (S. 37), „Pariser Schmerzensbett“ (S. 128), „freiflottierenden Intensität“ (S. 136), „Triebschicksale“ (S. 181).

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Immer wieder erläutert Geier sein Vorgehen. Einmal sagt er (S. 17):

Doch bevor wir uns der Mutter von Alexander und Wilhelm von Humboldt zuwenden, noch ein kurzer genealogischer Hinweis auf die Familiengeschichte väterlicherseits, die sich ((…))

Warum bringt er den angekündigten Hinweis nicht einfach so, ohne ermüdende überflüssige Meta-Anmoderation?

Öfter entschuldigt sich Geier für Kürze statt Würze:

  • „kann hier nicht nacherzählt oder kritisiert werden“ (S. 50)
  • „sollen einige kurze Informationen genügen“ (S. 230)
  • „müssen hier einige Hinweise ((…)) genügen, die in Monographien ((…)) ausführlich dargestellt ((…))“ (S. 272)

Das ist alles ersatzlos streichbar, und die wiederkehrenden Verweise auf andere Bücher (teils ohne Titelnennung) frustrieren den wissbegierigen Leser. S.a. oben die Anmerkungen zur Vernachlässigung der Alexandergeschichte.

*Ich hatte die „2. Auflage Februar 2013“ (Impressum).

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