Kritik: Die letzten Gigolos (Kreuzfahrt-Doku 2014) – 8 Sterne – mit Kritiken & Video

Die Doku aus der Reihe Das kleine Fernsehspiel begleitet zwei soignierte „Gentleman Hosts“ (Gäste-Betreuer) auf dem Kreuzfahrtschiff MS Deutschland (von Regiedebütant Stephan Bergmann, geb. 1980). Wir lernen nicht nur zwei gepflegte, graumelierte Herren mit riesigem Kleiderschrank kennen, sondern blicken auch in die Seelen der älteren alleinstehenden Damen; sie gehören offenbar zur typischen Kreuzfahrtklientel und hadern damit, dass ihre Chancen auf dem Datingmarkt ab einem bestimmten Alter stark sinken.

Das kleine Fernsehspiel des ZDF steht oft für hohe Qualität und die Reihe hat weitere Dokus über Alleinstehende, etwa Biete/Suche (2015) zum Thema Online-Dating oder Dorf ohne Frauen über einsame serbische Bauern. Die letzten Gigolos gefiel mir aus mehreren Gründen besonders gut:

  • Die Dokumentation wirkt sehr kompakt und abgerundet: Er zeigt eine einzige längere Kreuzfahrt und ein kurzes Nachspiel auf dem deutschen Festland. Er konzentriert sich neben den zwei „Gigolos“ auf einige wenige ältere Damen
  • interessante Einblicke ins Seelenleben von Menschen, die man sonst vielleicht nicht trifft. Obwohl die Dialoge und Begegnungen teils gestellt sein müssen, wirkt es sehr realistisch, mit wohl echten Tränen
  • das kurze Nachspiel auf dem Münchner Festland zeigt unaufdringlich, aber eindeutig, wie es mit den Schiffs-Bekanntschaften weitergeht
  • sehr engagierte Kamera (Janis Mazuch), manchmal fast zu aufdringlich schön. Besonders gut gefiel mir, wie die Kamera immer wieder Personen der Länge nach durch den Saal oder über Deck folgt. Die wiederkehrenden Bilder von Wellen waren vielleicht überflüssig
  • interessante Seitenblicke auf Bordküche, Landgänge und weiteres Schiffspersonal
  • obwohl es, wie für Kino-orientierte Dokus üblich, keine Stimme aus dem Off gibt, blieben kaum Fragen offen (allerdings kein Wort über das Einkommen ein Gentleman Hosts).

„Mit tänzerischer Eleganz filmisch erzählt…“ – die Kritiker:

FAZ:

„Die letzten Gigolos“ von Stephan Bergmann wurde zwar auf der „MS Deutschland“ gedreht, ist aber eher ein „Anti-Traumschiff“… je länger der Film den Mikrokosmos Kreuzfahrtschiff nicht nur bis in den Maschinenraum, die Bordküche und die Zimmermädchenwelt ausleuchtet, sondern auch die Seelenwinkel der Senioren erforscht, die im Tanzen ihre Lust am Leben zu erhalten suchen, umso mehr ziehen die Beobachtungen in Bann. Mit tänzerischer Eleganz filmisch erzählt, liegt eine elegische Stimmung in den Bildern, in den ungewöhnlichen Einstellungen, im Cinemascopeformat, in Zeitlupen und intensiven Blicken. Bergmann schaut zu, lässt seine außerordentlichen Protagonisten erzählen und dringt zu ihren Lebensgeschichten vor; zu Vorstellungen und Sehnsüchten… „Die letzten Gigolos“ wird zu einer Reflexion über das Altern, das Schwinden von Attraktivität… Auch um heikle Fragen der Sexualität geht es, ums Flirten, um das Verlieben, das für kein Alter ausgeschlossen ist, und nicht zuletzt um Selbstironie.

Stern:

Sehenswert… Dem Regisseur gelingt es, die Atmosphäre an Bord und die Stimmung der Reisenden einzufangen, ohne dabei voyeuristisch zu sein. Möglich machen das auch die vier Protagonisten Peter Nemela, Heinz Löffelbein, Bärbel Schlömer und Barbara Maierhofer, die freimütig erzählen.

Tageszeitung:

Keine Frage, Filmemacher Stephan Bergmann hat den ((Kinofilm mit Richard Gere)) „American Gigolo“ sorgfältig studiert. Besonders jene Szene, die heute als Startschuss in die hedonistischen 1980er Jahre gelesen wird, in der Richard Gere all seine Armani-Anzüge zusammen mit den farblich abgestimmten Hemden und Krawatten auf dem Bett ausbreitet. Genauso fängt Bergmann seinen Dokumentarfilm über „Die letzten Gigolos“ an… Stephan Bergmanns Verdienst und die große Qualität seines Films ist, dass er seine ProtagonistInnen solchen Stuss erzählen lässt – ohne sie dabei vorzuführen. Das wäre so naheliegend wie einfach und billig gewesen. Stattdessen werden in den neunzig Minuten nach und nach die Menschen unter den – meist geschwätzigen – Oberflächen sichtbar, es wird fast beiläufig von den Härten des Lebens erzählt, von Schicksalsschlägen, gegen die auch gute Jobs und viel Geld nicht helfen.

Frankfurter Rundschau:

Ein intimes Bild eines kleinen Teils der alternden Gesellschaft… Wir werden Zeugen von Unterhaltungen, die sich um die delikaten Fragen drehen, sei es der körperliche Verfall im Alter, der Verlust des Partners oder die Einsamkeit… Die Gigolos nehmen im Laufe des Films nur noch eine Nebenrolle ein, als Katalysatoren für die diskreten Selbstentblößungen der Passagiere… Dafür findet die Regie meditativ wirkende Bilder von Himmel, Meer und Ruhe und schafft so einen Rhythmus, der dem Thema angemessen ist… Film-Perle

Epd-Film:

Ohne herablassende Ironie, aber mit feinem Humor, wirft Regisseur Bergmann nicht nur Streiflichter auf Geschlechterbeziehungen im Alter und auf Menschen, die einiges hinter sich haben und sich aktiv dazu entschließen, es sich gutgehen zu lassen. Im Cinemascope-Format, mit Zeitlupen und langen Einstellungen vermittelt er die kleinen Freuden des Lebens, das Sich-schön-Machen, das schwungvolle Tango-Schwofen, das Sonnenbaden im Liegestuhl: eine berückende, von unterschwelliger Melancholie durchzogene Leichtigkeit des Seins.

Programmkino.de:

Bei den vielen Dokus, die ins Kino kommen, stellt sich immer wieder die Frage: Müssen die alle dort laufen? Ist nicht das Fernsehen der geeignetere Ausstrahlungsort? „Die letzten Gigolos“ wurde zwar vom Kleinen Fernsehspiel des ZDF produziert, aber ganz schnell wird klar, dass der Film die große Leinwand spielend ausfüllt. Bergmann arbeitet mit Cinemascope und Gegenlicht, mit Zeitlupe und einem raffinierten Tonschnitt, der die Bilder zusätzlich größer erscheinen lässt. Vor allem mit der Zeitlupe hält er die Geschichte immer wieder an, gibt ihr Zeit, sich zu entwickeln und dem Zuschauer zum Reflektieren. Dabei kann zu Beginn schon der Eindruck entstehen, der Regisseur suche nur schöne Bilder und bleibe allzu sehr an der Oberfläche… wirft einen Blick in eine Welt, für die Medien sich sonst nicht sehr interessieren: die der alten Menschen. Er entdeckt Kavaliere der alten Schule, die noch eine perfekte Verbeugung beherrschen und genau über die Farbwirkung ihrer Krawatten informiert sind. Und Damen, die den Narben des Lebens trotzen

Quotenmeter.de:

Bergmann begleitet diese Einsichten (und teils auch Selbstflunkereien) in elegischen, ruhigen Bildern: Er lässt exemplarische Situationen lange ausspielen, garniert diese mit kurzen Off-Interviewsegmenten und erzeugt durch seine gemächliche Schnittarbeit eine melancholische, ruhige Stimmung… «Die letzten Gigolos» ist kein Dokumentarfilm, bei dem die Crew voran prescht und aufwühlt, sondern zurückhaltend beobachtet. So fühlt man sich als Zuschauer wie ein neugierig beobachtendes, unauffälliges Mäuslein, das sich halt an Bord des (mittlerweile insolventen) Luxusdampfers verirrt hat. Dem entsprechend sind keine aufrüttelnden Erkenntnisse zu erwarten, als Porträt eines Mikrokosmos wirkt dieser Dokumentarfilm seiner etwas glatten Dramaturgie zum Trotz aber authentisch.

Welt:

Dass nicht gespottet wird über die Protagonisten, dass ihre Träume nicht belächelt werden, das ist das Schöne an der Dokumentation… Vor allem beeindruckt der Film wegen seiner eleganten Bilder. Wie er gefilmt wurde, das ist großes Kino. Die Kamera fokussiert Details, zeigt etwa das Einfädeln eines Manschettenknopfs, fängt in ruhigen Bildern die Wassergymnastik-Stunde im Außenpool ein, zeigt die Dösenden an Deck, die Arbeitsabläufe in den Küchen, das Meer aus der Vogelperspektive, die sich kräuselnden Wellen. Man taucht tief ein in die Welt aus Welcome-Drinks und Klaviermusik, aus Kartenspielen und Perlenketten

Wolfsiehtfern.de:

Natürlich waren die Protagonistin sorgfältig gecastet, die Situationen vorher besprochen, die Bedingungen gesichert. Aber darüber hinaus ist zu vieles an diesem Film wie vorberechnet. Alles ausrechenbar. Der Zufall, einer der klassischen Gehilfen des Dokumentarfilms, spielt keine Rolle. Dieser Film will nichts entdecken, er will darstellen. Er will sein Thema umsetzen und bedient sich dabei der erzählerischen Mittel der Fiktion. Immerzu agieren die Protagonisten so, wie sie in einem Fernsehfilm agieren würden: Annäherung, Flirtspiel, weiter gehender Flirt an der Bar, dann der Weg durch den Gang zu den Kabinen – und Trennung vor den Kabinen, einer geht nach links, einer nach rechts. Nicht Zufall hat zu einem solchen Arrangement geführt, sondern berechnete Wirkung. Eine dokumentarische Kamera würde anders arbeiten. Deshalb erzählt „Die letzten Gigolos“ zwar eine hübsche Geschichte, der man aber über weite Strecken nicht über den dokumentarischen Weg traut.

Deutschlandradio Kultur:

Der Film hat etwas liebenswert Altmodisches… Für den 34-jährigen Regisseur Stephan Bergmann hatte die ganze Kreuzfahrt auch etwas von einem Zeitsprung, zurück in ein Grandhotel der 20er Jahre… Es ist ein sehr schöner Dokumentarfilm, weil er eine sehr große Nähe zu seinen Protagonisten entwickelt und die plaudern auch sehr natürlich über Einsamkeit, Alter, aber auch Lebensfreude… Der Film hält sehr souverän die Balance zwischen Melancholie und Heiterkeit. Das Traumschiff wirkt aber auch wie die Metapher einer reichen überalterten Gesellschaft. Die Passagiere geniessen ihren Lebensabend, steuern exotische Küsten an, während in der Küche oder im Maschinenrum des Schiffs überwiegend Asiaten arbeiten.

Wolfram Hannemann:

Ungehemmt geben die beiden Männer in Stephan Bergmanns wunderbar fotografiertem Dokumentarfilm Auskunft über das, was sie tun, was einen Gigolo ausmacht. Nicht weniger scheu lassen sich auch die aufgetakelten Weiblein bei ihrem Stelldichein mit den grauen Panthern über die Schulter schauen. Dabei entstehen wunderbar lustige Momente für den Zuschauer, die sicherlich so von den Akteuren gar nicht wahrgenommen werden… tiefe Einblicke in eine extrem künstliche Welt, die nur noch am Genuss interessiert ist und das wahre Leben weit hinter sich lässt. Fazit: extrem vergnügliche Dokumentation!

Toronto Film Scene:

The Last Gigolos is a fascinating film that slowly peels back the layers to reveal a very touching coreA very fun and insightful film.

german-documentaries.de:

If life was a Romantic Comedy this is the film that makes us want to celebrate it to the end!… Slowly and with a lot of humour, the film reveals that happiness is mainly down to everybody’s individual skill and luck.

The Globe and Mail:

As charming and graceful as its subjects… Artfully shot and edited gracefully

Docpoint.info:

Line after line of love-sick widows board a cruise hosted by a pair of stylish silver foxes. The gentlemen have been hired to dance and entertain the guests: to make the cruise unforgettable… an insightful and emotional description of love and old age. The need for closeness and intimacy remain with us to the old age, but the ghosts of past partners haunt every new relationship. Yet the film doesn’t wallow in sorrow. Instead we are given the chance to enjoy the charms of these old time

Filmdoo.com:

Bergmann’s first soundtrack song is the Williams/Graham jazz standard “I Ain’t Got Nobody” which in some subtle way sets up the film’s direction… Most of their stories are very personal, moving and undoubtedly sad. It’s like watching your grandmother express her life’s emotions – the good, the bad and the brutal – knowing there is very little you can do to change the situation. There are a few pieces of dialogue straight to camera. However, most of the narrative is either as a voice-over or a camera’s lens, allowing the audience to eavesdrop into private conversations; smiles and tears captured for all to see… On the hour mark the film doesn’t so much lose its way as misses opportunities. If The Last Gigolos is simply the exploits of two elderly gents dancing with elderly ladies on a cruise ship, it’s half an hour too long. If it’s a social documentary allowing the voices of this group of septuagenarians to share their loves, losses and old age, with more direction and structure it could have been a wee gem. Instead, the remaining 30 minutes offer more of the same. More dancing, bingo, singalongs, sunbathing and heartbreaking stories. At no point do we see any of the ship’s officers. I would have thought a visit to the Captain’s table and crew interaction would have been a prerequisite bearing in mind the ship’s clientele… The Last Gigolos is well worth watching. Is it just a documentary or a commentary on love, loss and the sheer resilience of aging frauleins?

Nextprojection.com:

Intercepted with a lot of compassion, nonchalance and suave style the film touches upon topics such as human nature, marriage, and forming connections through the eyes of the seniors… The cinematography may seem slow but it is clean cut and somehow matches the people and places presented in the film – soft, direct, and classy.  Some of the dreamy sequences could almost be a photo-shoot in motion featuring charming old couples…. a perfect mixture of spontaneous conversations and planned narrations. Director Stephan Bergmann masterfully presents these gentleman beautifully, youthful in their mind and sophisticated in their simplicity. The subjects in the film are incredibly real and voice their thoughts honestly… Are they being superficial? Or is this retirement – German style? In the 21st century world where anything can be bought, commercializing companionship and love can be called an acceptable part of the society… May leave a lot to be desired in terms of excitement, but that’s a part of the charm. Brace yourself for some old school flirting as well as self-pity when you realize a grandma in Germany is possibly having a better life than you.

Cinemablographer.com:

Fun and enlightening… The film finds a bittersweet love story in the dances between Bärbel and Peter, and the platonic intimacy that grows in their nightly conversations… attractively shot observations… fun and respectful… The film never takes the subjects’ age as fuel for comedy, nor does it invite the audience to judge.



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