Kritik der Picasso-Biografie von John Richardson: A Life of Picasso 1881 – 1906 (1991, Bd. I) ᛫ The Cubist Rebel 1907–1917 (1996, Bd. II) ᛫ The Triumphant Years 1917 – 1932 (2007, Bd. III) – 8 Sterne – mit Video

Fazit:

John Richardson erzählt recht leger, oft sarkastisch, meinungsfreudig und immer kurzweilig – nie wird er blasiert, langatmig, professoral. Richardson setzt kulturgeschichtliches Wissen sowie Fremdsprachenkenntnisse voraus. Weil Richardson ab den 1950er Jahren ein Freund der Picassos war, aber auch dank seinem Rechercheteam kann er viele neue Interna zutagefördern, auch neue Fotos. Richardson interpretiert intensiv und kommt dabei oft auf Sexuelles und Picassos Gefährtinnen. Der Rückumschlag von Band I sagt ebenso werblich wie zutreffend: „…magnificiently combines meticulous scholarship with irresistable narrative appeal“.

Richardson bewundert viele Schöpfungen und wohl auch den Geschäftssinn Picassos, jedoch nicht den Menschen. Der Biograf stellt auch viele Wegbegleiter ausführlich vor – immer wieder auch mit deftigem Klatsch. Es gibt viele Abbildungen, zumeist jedoch nur recht klein und in Schwarzweiß, in guter Qualität (je nach Ausgabe). Stark: Immer wieder stellt Richardson Bilder unterschiedlicher Epochen nebeneinander, Entwürfe und das fertige Bild oder er konfrontiert Picassowerke mit korrespondierenden Schöpfungen anderer Künstler, etwa Ingres, Greco, Gaugin, Matisse. Fotografien und Repros von Handschriften reichern die Bände außerdem an. Evtl. ist Band I geringfügig besser als die Folgebände – stark sind sie alle.

Diese Ausgaben der Picasso-Biografien von John Richardson habe ich konkret gelesen:

zuerst ersch. Titel m. Ausgabe Ausstattung
I 1991 A Life of Picasso 1881 – 1906 Pimlico/Random House 1992 (TB) 1,73 kg, 548 S., sehr viele SW-Bilder, keine Farbe
II 1996 The Cubist Rebel 1907–1917 Pimlico/Random House 1997 (TB) 1,55 kg, 500 S., sehr viele SW-Bilder, keine Farbe
III 2007 The Triumphant Years 1917 – 1932 Pimlico/Random House 2009 (TB) 1,64 kg, 592 S., zahlreiche SW-Bilder, 48 S. Farbteil

Vielsprachiges Parlando:

John Richardson verwendet reichlich nicht erklärte Fachbegriffe und Unübersetztes v.a. in Französisch (bon mots, boutades, affairs des moeurs, chasublerie etc.), aber auch Italienisch, Spanisch, Deutsch und Latein (in den engl. TB-Ausgaben; die Eindeutschungen kenne ich nicht). Umso verblüffender, dass Richardson eine kurze, bewegende Zeile von Picassos Gefährtin Marie-Therèse nur in der engl. Übersetzung, nicht im frz. Original druckt (Bd. III, S. 327)). Gern spottet Richardson in gelehrtem Duktus (Sabartès, „the myopic poetaster“, Bd. I., S. 216).

John Richardson (1924 – 2019) kannte Pablo Picasso aus dem täglichen Umgang in den 1950er Jahren. Schon im 1. Band kommt er auf seine Picassogespräche, zitiert Erinnerungen, prüft den Wahrheitsgehalt, zieht Verbindungen zu späteren Jahrzehnten. Im 2. und 3. Band beschränkt sich Richardson auf Knappheiten: „we were having lunch in the studio“, Bd. II, S. 174; „Picasso… would take a group of friends, myself included…“, Bd. II, S. 190; „…he said to me many years later“, Bd III, S. 95; „I asked Picasso…“, Bd. III, S. 143. Mehr Picasso-Alltag liefert Richardson zumindest in seinen Memoiren The Sorcerer’s Apprentice: A Memoir of Picasso, Provence, and Douglas Cooper.

Picasso’s Misogyny:

Richardson nimmt die Aussagen von Picasso und seinem Eckermann Sabartès nicht wörtlich, widerlegt vieles, auch gängige Picasso-Legenden bisheriger Biografen (typischer Satz z.B. „this explanation does not stand up to investigation“, B. I, S. 120). Freilich konzediert Richardson in Band I auch, dass wichtige Archive in Barcelona nicht zugänglich sind – schlecht für die Erforschung der Picassojugend. Den Menschen Picasso (1881 – 1973) präsentiert Richardson oft kritisch, gelegentlich spöttisch, und er bezeichnet Picasso durch alle drei Bände als „lifelong misogynist“ (Bd. I, S. 408; s.u.a.a. Bd. II, S. 37). Typisch in Ton und Inhalt auch Richardson-Sätze wie

With Eva confined to a nursing home, Picasso cast around for a mistress. There was no shortage (Bd. II, S. 363)

oder

For someone as sex-obsessed as Picasso, the brothel would have become a daily or nightly necessity (Bd. III, S. 60)

Gelegentlich konzediert Richardson aber auch „very unmacho compassion“ (Bd. II, S. 299). Das 1988er Picasso-Bashing der Metoo-Suffragette Arianna Stassinopoulos Huffington zitiert Richardson gleichwohl in allen drei Bänden nicht.

Auch Werke anderer Künstler und Urteile anderer Kunsthistoriker kommentiert, vergleicht und analysiert Richardson meinungsfreudig. In Picassos Bildern ortet Richardson immer wieder Schabernack und sexuelle Anspielungen („apples… might stand for breasts, buttocks, or testicles, and the jug’s lips for…“, Bd. III, S. 149, etc. etc.), auch bei anderen Künstlern (bei Chirico „penile bookmark… and the masturbatory finger“, Bd. II, S. 369). Bereits in Bd. I (S. 48; vgl. a. S. 3) klärt Richardson auf:

Picasso harnessed his sexuality to his work. Indeed, he would ultimately come to equate the creative with the procreative act.

Zumindest in Picasso-Zitateten delektiert sich Richardson an drastischer Sprache. Bei Picasso-Werken stellt Richardson häufig Bezüge zu anderen Gemälden unterschiedlicher Künstler her, die er mit vergleichenden Abbildungen belegt, ebenso wie zu Picassos Aufenthaltsorten und Gefährtinnen.

Wer mit wém in der Bohème:

Sehr ausführlich präsentiert Richardson Picassos Bekannte und Zeitgenossen. Nicht nur enge Wegbegleiter wie Max Jacob, Appollinaire, Coco Chanel,  Gertrude Stein oder Jean Cocteau mit vielen herrlichen Exzentrizitäten, dazu Matisse und Gaugin. Selbst Rainer Maria Rilke figuriert samt einer Elegie (auf Englisch), zudem Verlaine und – obwohl sie sich laut Richardson nie begegneten – sehr ausführlich Alfred Jarry. Und kein unterhaltsamer Montmarte-Kauz bleibt unvorgestellt, und keine lebenshungrige Montparnasse-Käuzin. Schrillen Figuren muss Richardson einfach die Ehre erweisen, etwa der Römerin Luisa Casati („notoriously outré… late at night in the piazza, naked except for ropes of pearls…“, Band III, S. 15, dazu ein dramatisches Foto).

Picasso „relished gossip“, berichtet Richardson in Bd. III, S. 135, und der Biograf teilt diese Lust. Seinem süffisant erzählten Wer-mit-wém-in-der-Bohème vor 1914 und ab 1922 konnte ich nicht bis alle alle Affairchen folgen, zumal Richardsons Personalpronomina nicht immer eindeutig sind und die Konstellationen teils sehr unkonventionell. Nach 1918 in Bd. III dekonstruiert Klatschbase Richardson ebenso gründlich das Who-x-who in der Londoner Bohème mit Bloomsbury und Co., bloß weil das Ehepaar Picasso ein paar Monate vor Ort weilte. Nicht unerwähnt bleibt selbst Mme. Picassos „favorite eau de toilette, Penhaligon’s Hammam“. Spätere Picasso-Begegnungen mit F. Scott FitzGerald und Hemingway an Cote d’Azur figurieren allerdings kaum, ein wenig mehr Platz erhalten die Murphys (interessant, dass Picasso wie auch Hemingway Gertrude Stein eng verbunden waren).

In Bd. II schreibt Richardson aber auch eigene, von Picasso wegführende Kapitel über „The Other Cubists“ (Kubisten außer Picasso, Braque, Gris) und über Picasso-Sammler und -Händler in Frankreich, USA, England, Deutschland und Russland. Und in Bd. I gibt es ein ganz ernst gemeintes Kapitel über „Sacred Subjects“. Bei Picassos Geschäften nennt Richardson teils den historischen Francs-Betrag, aber keinen heutigen Vergleichswert in irgendeiner Währung.

Mitunter scheint Richardson bei all dem Stoff den Überblick zu verlieren, oder war ich das selbst? Einige Themen in Band II wie die Geschichte des Bilds Demoiselles de Avignon, des Bilds Saltimbanques oder die Entstehung des Kubismus verteilt Richardson über mehrere Kapitel, es wirkt zersplittert.

Umso verblüffender, dass Richardson nach meiner Erinnerung nicht erwähnt, wie die russischen Eltern von Olga Picasso durch die Revolution kamen (dass sie überlebten, erfahren wir nebenbei). Einmal sagt Richardson, Picasso „would ((…)) read for hours“ (Bd. I, S. 245), verliert aber kein Wort über die Art der Lektüre (und enthüllt etwas später auf S. 366, Bd. I, „Picasso was not a great reader“).

Schwarzweiß-Malerei:

Die meisten Picasso-Bekannten präsentiert Richardson gleich auch in einer Zeichnung von Picasso oder anderen Künstlern, teils auch auf Fotos. Generell darf man in Band I und II fast immer auf Bilder hoffen, die zum Text passen – Kunstwerke ebenso wie gemalte und fotografierte Darstellungen des Picasso-Lebens.

Band III (der zuerst in einem anderen Verlag als die Vorgänger erschien) zeigt etwas weniger SW-Bilder im Lauftext und öfter fehlt die nebenstehende Abbildung zu einem Richardsonschen Bildkommentar. Jedoch liefert Bd. III 48 nicht paginierte Farbseiten in der Buchmitte mit den Bildern, die Richardson besonders ausführlich bespricht, oft nur ein Bild pro Seite. Band III hat zudem lebende Kolumnentitel mit Kapitelüberschrift und Jahreszahl auf jeder Seite – aber unten auf der Seite, das muss man erstmal finden.

Die großformatigen, schweren Bände bringen viele große und kleine SW-Fotos und Kunst-Repros in ordentlicher Qualität auf (nach meinem Eindruck) matt gestrichenem Papier. Farbe wie gesagt nur im 48-Seiten-Block von Bd. III. Die SW-Bilder des Lauftexts erscheinen meist direkt auf derselben Doppelseite wie der dazu passende Text. Kunsthistoriker Richardson zeigt wohlgemerkt nicht nur Picassos, sondern auch Werke anderer Künstler, auf Seite 37 von Band 2 etwa Picasso, Braque und Matisse und auf Seite 53 von Band 2 drei Cézannes.

Bildersuchspiel:

Im Lauftext der Bd. II und III fehlen Seitenangaben zu abgebildeten Gemälden, so dass die Zuordnung manchmal schwer fällt, zumal Picasso viele ähnliche Motive produzierte und selbst keine Bildtitel hinterließ. Ungenauigkeiten erleichtern die Text-Bild-Zuordnung nicht: So redet Richardson in Bd. III, S. 353, vom Picasso-Bild Painter and His Model – der unpaginierte Farbteil zeigt dann die Bilder Artist and His Model sowie Painter and Model – der genaue Titel aus dem Lauftext taucht nicht auf, aber sicher meint Richardson eins der Motive. (Manchmal fällt die Zuordnung leicht, weil Richardson in den Bildtexten stets Jahreszahl und Standort nennt, diese Informationen erscheinen aber nicht immer im Lauftext.) Auf Seite 389, Bd. III, redet Richardson mehrfach vom Bild La Fenêtre ouverte, der unpaginierte Bildteil zeigt nur ein Open Window.

Mit rund 1,55 kg, gestauchtem A4-Format und vielen Bildern auf gut 500 Seiten erinnern die Bände I – III in den TB-Ausgaben teils an Ausstellungskataloge – wenn nur die Schwarzweißbeschränkung nicht wäre. Wie gerne hätte man die Pracht in Farbe.

Doch Richardson zeigt Picasso und die vielen anderen Künstler in Bd. I und II nur schwarzweiß und oft klein. Abhilfen: Eine erste *farbige* Picasso-Übersicht liefert der günstige, knappe Picasso-Band von Ingo F. Walther im Taschen-Verlag. Halbwegs übersichtlich sind auch pablo-ruiz-picasso.net, art-picasso.com und artsviewer.com. Keine dieser Quellen zeigt jedoch alle Bilder, die Richardson anspricht, und die Onlinequellen nennen teils abweichende Bildtitel und Entstehungsjahre bei teils mediokrer Bildqualität.

Wann kommt Band IV – und über welchen Zeitraum?

Als John Richardson 2019 in hohem Alter starb, meldeten mehrere seriöse Medien, Band IV sei fast fertig und werde vom Verlag finalisiert. Uneinigkeit herrschte über den Berichtszeitraum von Band IV – teils sollte er bis zu Picassos Tod reichen, teils nur bis 1944.

Stand Oktober 2020 gibt es keinen Band IV: Andere Richardson-Bücher mit „Picasso“ im Titel bieten seine Jugendmemoiren, gesammelte Aufsätze oder sind erweiterte Ausstellungskataloge. Offenbar schrieb Richardson diese Bücher wie auch eine Home Story über seine Prunkheime teils, um die Lizenzgebühren für die Picasso-Repros in der eigentlichen Biografie aufbringen zu können. Also: Eine Picasso-Biografie im Richardson-Stil ab dem Jahr 1933 gibt es Stand Oktober 2020 nicht.

Im Band I über Picassos Jugend bietet Richardson immer wieder kurze, erhellende Ausblicke auf Picassos spätere Jahrzehnte, vor allem ab den 1950er Jahren.

Vergleich der Bände I, II und III in den engl. Ausgaben bei Pimlico:

Die drei großformatigen Softcover-Bände haben in den von mir gebraucht gekauften Ausgaben (s.o.) 500 bis 592 Seiten und wiegen jeweils 1,5+ Kilo. Bd. I und II sind voller interessanter SW-Abbildungen, indes ohne Farbe. Bd. III bringt weniger SW-Abbildungen, jedoch einen 48seitigen Farbteil.

Nach meiner Übersicht gibt es diese Bände schon auf Englisch in untersch. Ausgaben, teils bei untersch. Verlagen, im Einzelnen kenne ich die Ausstattung nicht. Alle Bände sind (in meinen Ausgaben) auf ähnlichem gestrichenem Papier gedruckt (Band III glänzt innen etwas mehr).

Band III verzichtet auf eine durchgehende breite Randspalte. Er wirkt damit etwas voller; die verbleibende schmale Randspalte in Bd. III wird nur gelegentlich gefüllt – mit Bildern, die dann auch in den Lauftext ragen, das ergibt eine insgesamt unruhigere Seitenanmutung als bei den Vorherbänden.

Band III hat weniger Bilder pro Seite als Bände I und II. So zeigen die jeweils fünf Seiten 36 – 40 und 128 – 132 von Band III keine einzige Abbildung – eine solche Bleiwüste erinnere ich aus den Bänden I und II nicht. Häufiger als in Band I und II nennt Richardson in Bd. III Picasso-Werke, die dann nicht als Bild erscheinen. Anders als Band I und II beginnt der 3. Band neue Themen innerhalb eines Kapitels mit einem zweizeiligen Initial; das wirkt würdiger und etwas luftiger als die Trennung solcher Abschnitte durch drei Sternchen in den zwei Vor-Bänden.

Möglicherweise plaudert Richardson in Band III noch mehr Klatsch aus als in Band I und II, so etwa Strawinskys und Picassos neapolitanisches Wildpieseln (S. 26), Picassos Puffnotizen (S. 25; während die zukünftige Olga nicht weit war, wie Richardson gluckst) oder die erotischen Verstrickungen der Londoner Bloomsburys.

Nach meinem Eindruck hat Band III deutlich mehr hochgestellte Ziffern und Endnoten. In allen Bänden packt Richardson in die Endnoten nicht nur Quellenhinweise, sondern gelegentlich vertiefende inhaltliche Informationen. Wer also alles erfahren will, muss ständig nach hinten blättern und nachforschen, ob eine Endnote nur eine Quellen oder eine zusätzliche Geschichte liefert. Dieses Nach-hinten-Blättern ist umso lästiger, wenn man es erstmal geschafft hat, einen der schweren, ausladenden Bände erfolgreich in einer wackeligen Lesestütze made in China zu fixieren.

Vergleich der Picasso-Biografien von Patrick O’Brien (1976) und John Richardson (1991, 1996, 2007)

Beide Autoren kannten Picasso in den 1950er Jahren in Südfrankreich aus dem täglichen Umgang, erzählen aber wenig davon. Richardson schreibt salopper, teils spöttisch und kritisch, Patrick O’Brian getragener und mit breiterer Hochachtung für Picassos Kunst. Kein Autor klingt weitschweifig oder professoral, auch wenn O’Brian ein paar überflüssige Verallgemeinerungen ausstößt. Insgesamt wirkt Richardson moderner. O’Brian will Bilder explizit nur beschreiben, nicht deuten; Richardson interpretiert fleißig und stellt viele Bezüge zu anderen Bildern her.

Beide Biografen schreiben für ein gebildetes Publikum, das Figuren und Begriffe der Kunst- und Kulturgeschichte ebenso erkennt wie unübersetzt eingestreutes Französisch. Richardson ist besonders polyglot. Doch nur O’Brian bringt viele Picasso-Briefe erst im ursprünglichen fehlerhaften Französisch, dann englisch übersetzt; Richardson liefert nur die englische Übersetzung oder einzelne Sätze nur auf Französisch oder Spanisch, dazu gelegentlich eine Handschrift-Repro, schwer zu entziffern, aber mit zauberhaften Zeichnungen. (Von beiden Biografien kenne ich nur die englische O-Fassung, nicht die Eindeutschung; von O’Brian dabei nur die erste Hälfte bis 1917.)

Ich kann die inhaltliche Qualität überhaupt nicht beurteilen, doch zumindest in einem Punkt liegt O’Brien offenbar grob falsch: Marie-Thérèse Walter und Picasso trafen sich bei ihm „probably in 1931“ (S.285). John Richardson terminiert die Erstbegegnung dagegen so wie alle anderen Historiker auch: „1927… At six o’clock in the evening of January 8…“ (Bd. III, S. 323). Hier sieht O’Brien nicht gut aus,

Der auf mindestens vier Bände angelegte Richardson hat scheinbar weit mehr Platz als der einbändige O’Brian, doch Richardson benötigt auch viel Fläche für eine breite Randspalte (nur in Teil I und II), für den Anhang und für viele SW-Repros und -Fotos in ordentlicher Qualität. Doch in der Tat erzählt Richardson deutlich mehr, u.a. über Picassos Zeitgenossen, insonderheit Künstlerkollegen, Mäzene und Picasso-Sammler und Händler. Nach dem coolen, bebilderten Richardson und seinen Klatschgeschichten fällt es schwer, wieder im getragenen, etwas allgemeineren und bilderlosen O’Brian zu lesen.

O’Brian zeigt kein einziges Bild und bringt kaum Quellenangaben. O’Brian erwähnt Richardson nur einmal. Richardson widerspricht einer O’Brian-Behauptung und sagt an anderer Stelle, O’Brians Buch sei für „the intelligent but unspecialized reader“ (Nachwort Bd. I), zudem bevorzuge O’Brian aus persönlichen Gründen katalanische Gefilde.

Ich kenne auch die Picassografien von Wilfried Wiegand und Ingo F. Walther – die sind jedoch weitaus kürzer und haben ein anderes Ziel.

Persönliche Erklärung des Besprechers:

Ich habe zuerst den halben O’Brian gelesen, bis zum Jahr 1917. Dann habe ich den 2. Richardson-Band gelesen, also die Jahre 1907 bis 1917. Danach wollte ich O’Brian weiterlesen, ab 1918. Doch es ging nicht mehr: Nach Richardsons cooler illustrierter Strecke und all dem lässigen Parlando wirkte O’Brian zu altbacken und in seiner Bilderlosigkeit absurd.

Ich musste mir also auch den ersten und dritten Richardson-Band beschaffen, gebraucht, dennoch unter finanziellen Schmerzen. Die Preise für Band III im Mai 2020: E-Buch Amazon-Kindle 16 Euro, E-Buch Epub 20 Euro, neue TB-Ausgabe bei Amazon.de 27 Euro, neue TB-Ausgabe bei buecher.de 32 Euro, gebraucht bei diversen Händlern ab 27 Euro plus Versand (sic). Soll ich Geld sparen und ein E-Buch von Amazon auf einem Mobilgerät lesen? Wird dort achtsam mit meiner Privatsphäre hantiert? Welch ein Dilemma, welch ein Schmerz, aber ein Picasso Life III von Richardson musste her.

Danach habe ich auch Band I angeschafft – nicht nur Picassos wegen, sondern auch, weil mich die Beschreibung der spanischen Zeitumstände interessiert. Hier gab’s die deutsche Ausgabe gebraucht günstiger und schneller als die englische – doch wie immer hatte ich letztlich zuviel Angst vor einer Übersetzung.

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