Kritik: Das Mädchen vom Lion d’Or, von Sebastian Faulks (Roman 1989, engl. The Girl at the Lion d’Or) – 4 Sterne – mit Kritikerübersicht

Fazit:

Die Geschichte ist einigermaßen spannend, und ich konnte sie nicht recht weglegen, auch weil Dramatisches öfter im Raum steht, jedoch nie wirklich passiert. Doch stören die Schwächen jederzeit: Faulks schreibt wiederholt zu schmalzig, unglaubwürdig und produziert handwerkliche Fehler. Die ausgiebigen Rückblenden und Milieuwechsel im letzten Drittel kommen zu spät und wirken angeklebt.

Gesäusel:

Französische Provinz 1936: Der wohlhabende, verheiratete Rechtsanwalt Charles Hartmann und die junge, elternlose Kellnerin Anne verlieben sich ineinander. Über weite Strecken schildert der englische Autor die Annäherung der ungleichen Partner, dann folgen Rückblenden und Milieuwechsel.

Gelegentlich schreibt Faulks sehr seifig, groschenromanhaft über Schicksal, Vergangenheit und Vorsehung wie etwa bei der ersten Begegnung von Anne und Hartmann (S. 28 meiner Vintage-TB-Ausgabe):

In a moment Anne could see in his large hands and the strength of his movements all the other ages of his life… and she found herself seeing through his manly self-possession to the ghost of his vulnerable boyhood.

Oder hier (S. 62 und 74):

The longing Anne felt was so powerful that she had to turn away from him for fear that she might throw herself into his arms and beg for his protection. It was difficult now to say whether this was happiness or not; she was intoxicated by frustration…

She thought of the thwarted desire of her life, which was to be loved, and sadness mingled with the speechless anger to press her throat in a grief that was… abandonment.

(Hartmann erscheint auch in den anderen Büchern von Faulks‘ Frankreich-Trilogie, also in Birdsong und Charlotte Gray.)

Es gibt mehrere weitere groschenromanhafte Sätze, ganz schlimm auf den letzten Seiten. Der allwissende Erzähler wechselt dabei immer wieder die Perspektive und blickt in schneller Folge in unterschiedliche Innenleben – mir wirkt das zu beliebig. Die Akteure verhalten sich auch wiederholt wenig plausibel.

Andeutungen:

Dazu streut Faulks immer wieder mysteriöse Andeutungen über Annes tragisches Vorleben und einen gewissen Mr Louvet, ohne sich näher zu erklären – sehr melodramatisch. Erst im letzten Drittel klärt Faulks diese Geschichte auf, und sie hat kaum mit dem Hauptthema des Buchs zu tun.

Dabei blendet Faulks massiv auf eins seiner Lieblingsthemen, den ersten Weltkrieg, zurück. Anschließend beschreibt er ausführlich eine Regierungskrise in Frankreich, die Hartmann nur am Rand und Anne überhaupt nicht betrifft. Man hat fast den Eindruck, dass die überraschenden Themenschwenks gegen Ende den Roman noch auf über 200 Seiten bringen, politischer und dramatischer machen sollen.

Hier im zweiten Roman seiner langen Romancier-Karriere unterläuft dem einstigen Literaturkritiker Faulks auch ein Chronologiebruch innerhalb der Haupthandlung: Er schildert Hartmanns Rückkehr von einer Landpartie, dann Hartmanns Zugreise nach Paris, dann wieder die Rückfahrt vom Land. Selbst wenn es bewusst so angeordnet sein sollte, wirkt es sehr unrund.

Kritiken:

Die Publikumswertungen sind weniger brillant als bei anderen Romanen (Oktober 2016):

Frankfurter Allgemeine:

Sebastian Faulks vermittelt ein glaubhaftes Bild von der Stimmung, die damals geherrscht haben mag… Es ist Faulks‘ akkurater Stil, der das Buch vom Kitschverdacht befreit. Dem deutschen Leser erschließt er sich leider nur zum Teil. Susanne Lange übersetzt meist gefällig, kommt aber eins ums andere Mal mit Grammatik und Sprachlogik in Konflikt. Das Buch ist „voll Schreibfehler“, um mit ihren eigenen Worten zu sprechen; und nicht wenige Sätze lesen sich wie dieser: „Rolands lüsternes Gesicht glühte, hingerissen zwischen Qual und Erregung.“… „Das Mädchen vom Lion d’Or“ ist ein handwerklich tadelloser Roman – unterhaltsam, aber mit Hintersinn, ambitioniert, aber gediegen, sentimental, aber nicht so, daß die Kollegen höhnisch daraus zitieren könnten. Sebastian Faulks kennt den Markt und scheut sich nicht, ihm zuzuarbeiten.

New York Times:

…he brings his characters to life with grace and vigor.

Kirkus Reviews:

…the tale moves toward an ending that will break the hearts of some, strike fear into others.  When Anne finally tells Charles her extraordinary, pathetic mystery, not  a great deal by way of plot is released, but the novel’s truest assets are brought to vivid life indeed… Faulks remains at the peak of his considerable strength.

Publishers Weekly:

Faulks blends the dramatic yearnings of physical love with a searing realism: the smells that waft from Chef Bruno’s kitchen at the Lion d’Or are as immediate as soldiers‘ stark memories of battle scenes… Despite moments of overwrought passion and exaggerated guilt, Faulks’s smoky cinematic treatment is perfectly suited to his moving tale

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