Kritik Biografie. Volker Ullrich: Napoleon (2006) – 8 Sterne

Fazit:

Volker Ullrich schreibt angenehm flüssig – jederzeit gut lesbar, ohne professorales Blabla. Ullrich verzichtet gänzlich auf majestätisches Passivieren und Substantivieren, Sensationsheischen oder Romancierallüren. Auch mit Wertung hält sich Ullrich zurück. So gut geschrieben war wohl selten eine Biografie, sie stammt von einem vormaligen Zeit-Redakteur. Das Buch schafft insgesamt einen guten ersten Eindruck, mehr will es nicht. Nur auf das stete Dativ-e könnte ich verzichten.

Textkästen, Zeitleiste, Farbbilder:

Ullrich (*1943) macht hier und dort auf typische Eigenschaften Napoleons aufmerksam, etwa seine gerühmten Schlachtenpläne oder Aufbrausen als Verhandlungsmittel. Ein oder zwei Kapitel gehen ausführlicher auf Napoleons Wesen ein. Leben bringen immer wieder rot gedruckte Textkästen, die Zeitleiste auf jeder Seite, zahlreiche eingestreute Farbbilder sowie kurze Napoleon-Zitate – die jedoch anders formatiert sind als Zitate seiner Zeitgenossen, etwas wunderlich (vgl. S. 44f, 65, 99).

Während Napoleon (1769 – 1821) plastisch und ausgewogen hervortritt, rauschten manche historiografischen Buchteile inhaltlich etwas an mir vorbei: Ich verstand die Französische Revolution oder die vielen Neuordnungen Anfang des 19. Jahrhunderts nicht wirklich. Vielleicht geht es nicht anders in einer so kurzen Biografie. Bei den vielen Schlachten ab etwa 1806 schien mir der Überblick leichter. Schwach jedoch: Das Buch liefert nur eine einzige Landkarte.

Schemenhaft:

(Die dicke Napoleografie von Johannes Willms hält Volker Ullrich für ein gutes Portrait, meint dazu aber auch, „die Strukturen der napoleonischen Ära bleiben schemenhaft“ – kann man das auch über Ullrichs eigenes Napoleonbuch sagen?) Ich hatte sogar einen dtv-Geschichtsatlas daneben liegen… aber der zeigt so viele kleine Landkarten mit vielen kleinen Punkten, Strichen, Sternen und Buchstaben, es hob mir die Schädeldecke weg.

Gut: Volker Ullrich endet nicht hart mit Napoleons Tod auf St. Helena, das letzte Kapitel heißt vielmehr „Legende“.

Der Hauptext hat nur rund 147 Seiten inklusive Bilder – noch einmal, Ullrich verdichtet das ausufernde Material gut und eingängig auf diesem winzigen Platz. Dem folgen Literaturverzeichnis, Endnoten, eine zweiseitige Zeittafel und – nach Art der rororo-Monografien – eine Zitatstrecke über Napoleon; die hätte man lieber im Hauttext. Das längere unkommentierte Literaturverzeichnis sollte Ullrich mit dem Vorwort kombinieren, denn das liefert v.a. kommentierte Lektüretipps.

Intransigenz mediatisiert:

Gelegentlich verwendet Ullrich unerklärt Ausdrücke wie „Faubourgs“, „Intransigenz“, „Wahlzensus“, „in Permanenz“ oder „mediatisiert“, die man evtl. aus dem Zusammenhang erschließen kann.

Nach bewährter Biografenunsitte nennt Ullrich nicht bei allen Zitaten den Urheber. Man fragt sich dann, wer sagte das: Freund, Feind, Minister oder Marketender, Zeitgenosse oder Historiker, öffentlich oder privat? Die Antwort versteckt der Autor hinten in den Endnoten.

Dies ist für mich die erste rororo-Monografie in Farbe. Das Buch steht durchgehend auf matt gestrichenem Farbdruckpapier. Das wäre ideal für farbige Landkarten, doch der Verlag zeigt fast nur historische Gemälde, ein paar Fotos und eine Handschrift.

Die Farbbilder wirken leicht diffus und matt – als ob sie mehrfach gerastert wurden, einem überforderten Tintenstrahler oder einer Raubkopiewerkstatt aus Hochiminhville entstammen oder als ob das scheinbar verwendete Streuraster nicht erste Wahl war (ich hatte lt. Impressum die „4. Auflage März 2015“, gesetzt in „QuarkXPress 4.11“.)

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